"Wir sind hier in Österreich"

4. August 2009, 20:34
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Ein Streiflicht aus dem Integrationsalltag

Wo ist mein Integrationsvertrag? Ich will meinen Integrationsvertrag!", rief eine Bekannte neulich. "Ich habe alle meine Pflichten eifrig erfüllt, schnell Deutsch gelernt, meine Nostrifizierung als Akademikerin gemacht und meine Kinder großgezogen. Wo ist mein Vertragspartner abgeblieben?" Bei den ständig wechselnden Innenministern war es in den letzten Jahren schwierig, mit der sich immer wieder ändernden Gesetzgebung Schritt zu halten. Auf Ernst Strasser folgten Günther Platter, Liese Prokop, dann interimistisch Wolfgang Schüssel, dann wieder Platter, kurzfristig Wilhelm Molterer und schließlich Maria Fekter.

Nicht nur die Gesichter änderten sich, sondern auch die Gesetze. Die oben zitierte Kroatin aus der Herzegowina, eine technische Chemikerin, war als Ehefrau eines Theologen nach Österreich eingereist, der als Angestellter der Kirche unbegrenztes Visum erhielt. Dann wurde aus heiterem Himmel die Gesetzgebung geändert, alle Theologen wurden in die gleiche Aufenthaltsstufe wie Künstler gestellt. Das unbegrenzte Visum wurde abgeschafft. Mit weit reichenden Folgen für die Familie mit zwei Kindern, deren Status sich von heute auf morgen veränderte. "Wieso sind Theologen plötzlich Künstler?", fragte sich die Ehegattin. "Ich habe keinen Künstler geheiratet!" Um die 2000 Euro kostete in Folge die österreichische Staatsbürgerschaft für Mann und Kinder - eine teure Angelegenheit.

Szenenwechsel: Die technische Chemikerin, in jugoslawisch-sozialistischer Tradition mit 80-prozentiger Frauenerwerbsquote erzogen, beschließt, selbst arbeiten zu gehen, nachdem die Kinder eine gewisse Größe erreicht haben. "Österreich sucht muttersprachliche Zweitlehrer", steht in der Integrationszeitschrift Biber, und Unterrichtsministerin Schmied spricht die Migranten und Migrantinnen im Gespräch mit den Redakteurinnen direkt an: "Ihr werdet gebraucht!" Nach Auskunft des Arbeitsmarktservices dürfen auch studierte Chemikerinnen als Chemielehrerinnen arbeiten, da es hierzulande zu wenige gibt. Die junge Frau wandert in Folge mutig in das Gebäude des Wiener Landesschulrates, um sich direkt zu informieren und für den Herbst ihr Interesse anzumelden. Sie möchte die notwendigen Formulare ausfüllen.

Doch die Werktätigen im Wiener Landesschulrat scheinen Parteienverkehr nicht gewöhnt zu sein und ebensolchem ablehnend gegenüberzustehen. Die Akademikerin wird von Tür zu Tür geschickt, von Zimmer zu Zimmer. Niemand gibt ihr Auskunft. Auf beharrliches Nachfragen - die Frau war als Mädchen während des Bosnienkrieges alleine in einem Flüchtlingslager interniert und verfügt über beträchtliche Hartnäckigkeit und Nervenstärke - platzt einer Angestellten schließlich der Kragen: "Wir sind hier in Österreich, bei uns gibt es Regeln! Bei uns kann nicht jeder herkommen und Lehrer werden!" Tief gedemütigt verlässt meine Bekannte das Amt und gibt ihren Traum erst einmal auf. - Hat vielleicht nur die Chemie nicht gestimmt ...? (Kerstin Kellermann, DER STANDARD Printausgabe, 05.08.2009)

 

 

*Kerstin Kellermann war mehrere Jahre in der Flüchtlingsbetreuung tätig und ist Redakteurin der Zeitschrift "art in migration".

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