Suchtgift als legale Belohnung für den Hund

4. August 2009, 19:53
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Sie dürfen Menschen anhalten und durchsuchen, Waffen tragen und Verhöre durchführen - "Exekutive" oder "Wachkörper" dürfen sich die Zollfahnder nicht nennen

Wien - Ein kurzes Kommando, und der Schäferhund ist im Motor. Hektisch steckt Aiko seine Nase zwischen die Metallteile, schnüffelt von innen an der Motorhaube. Sein Ziel: Zigaretten oder Drogen, die in dem weißen slowakischen Kastenwagen versteckt sein könnten. Ein Kleinbus, den Zöllner auf den Autobahnparkplatz Göttlesbrunn an der Ostautobahn gebracht haben. Zöllner, die sehr, sehr viel von dem dürfen, was auch die Polizei darf - außer, sich "Exekutive" zu nennen.

Waffen tragen, auf der Autobahn Fahrzeuge aus dem Verkehr winken - hört sich nach Exekutivbefugnissen an. Sind es aber nicht, beim Zoll heißen sie Zwangsbefugnisse. Und die Uniformen, in denen die vier Beamten das Fahrzeug untersuchen, heißen auch nicht Uniformen, sondern Dienstkleid.

Die Seltsamkeit entstand, als im Jahr 2003 die Zollwache abgeschafft worden ist (siehe Kasten rechts). Allerdings: Für die Betrugsbekämpfung brauchte man nach wie vor Beamte, die besondere Rechte haben. Wie für die Durchsuchung eines Wagens beispielsweise.

Der slowakische Lieferwagen ist in Ordnung, Zigaretten findet Aiko trotzdem - Hundeführer Martin Hödl legt eine Stange auf einen Reifen: "Er muss bei jeder Kontrolle irgendeine Belohnung finden, damit es für ihn interessant bleibt. Jeder Hundeführer bekommt beschlagnahmte Zigaretten dafür." Selbst Suchtgift wird zur Motivation legal ausgelegt, die Tiere sollen einfach bei jedem Einsatz etwas finden. Der Biss in die Zigarettenstange oder die Nase am Koks wird dann vom Herrl honoriert.

Möglicher Nachschub wird von den Zöllnern auf hochrangigen Straßen ausgespäht. Einige Kilometer vom Rastplatz entfernt warten Johann Haubenwallner und Erich Michlits in ihrem roten Kleinbus am Rande der A4. "Da, den nehmen wir", sagt Haubenwallner, als ein weiterer Transporter, diesmal aus Moldawien, vorbeirauscht. "Auf diesen Fahrzeugtyp haben wir ein besonderes Auge", bekräftigt Erich Fleckl vom Zollamt Eisenstadt/Flughafen Wien. Bei Schmugglern sei er beliebt.

Zwei Drittel ihrer Zeit sind die Zollfahnder im Außendienst, unterstützt von Observationseinheiten mit speziellem Gerät. Wie überhaupt die Technik Einzug gehalten hat, vor allem am Flughafen Wien. Der scharfe Blick auf die nervös agierenden Reisenden ist passé, "wir haben mittlerweile Risikoanalysen, welche Personen auf welchen Flügen interessant sein könnten", schildert Fleckl.

Die Aufgriffe auf dem Airport sind durchaus beachtlich. 36.000 Menschen wurden im ersten Halbjahr kontrolliert, 413.000 Zigaretten sichergestellt. Dazu kamen 57.800 Stück Medikamente - Anabolika ebenso wie gefälschte Potenzmittel - und 17 Kilogramm Suchtgift. Daneben wird auch weniger Glamouröses beschlagnahmt: 1,6 Tonnen Fleisch etwa, das Reisende von außerhalb der EU mitbringen.

Auf der Autobahn ist die Kontrolle des moldawischen Busses im Gang. Während Aiko wieder um und ins Fahrzeug geführt wird, prüft ein Beamter die Ausweise. "Wir haben in Heiligenkreuz eine zentrale Stelle, bei der wir auf verschiedene Datenbanken zugreifen können. Etwa die finanzstrafrechtliche Datenbank, in der bisherige Zollvergehen registriert sind, oder das polizeiliche Ekis."

Auch in diesem Fall sind die Reisenden gesetzestreue Bürger. In den beliebten Verstecken, wie der Seitenverkleidung oder in einem zusätzlichen Hohlraum im Boden, findet sich nichts. Der Einsatz eines Endoskops hat auch nichts Bedenkliches gezeigt. Auch Aiko muss somit in seinen Käfig zurück. Zumindest für ihn spielt es keine Rolle, ob die Zöllner eine gute Nase hatten oder nicht - für seine bekommt er in jedem Fall Zigaretten. (Michael Möseneder, DER STANDARD Printausgabe, 05.08.2009)

WISSEN: Tote Zollwache ist weiter aktiv

Die Zollwache war der älteste zivile Wachkörper das Landes, als sie am 30. April 2004 endgültig aufgelöst wurde. 174 Jahre hatte sie bestanden, im Zuge der Exekutivreformen der schwarz-blauen Regierung erfuhren ihre Mitglieder am 10. März 2003 in einem formlosen Brief des damaligen Finanzministers Karl-Heinz Grasser, dass sie abgeschafft werden.

Die Einheit wurde zwischen Polizei und Finanzministerium aufgeteilt, bei der Finanz erhielt sie aber keinen eigenen Namen mehr. Hauptaufgaben sind derzeit die Bekämpfung des Zigaretten- und Drogenschmuggels, des Abgabenbetruges im Frachtverkehr und der Kampf gegen Produktpiraterie. (moe)

  • Sechs Diensthunde hat der Zoll, Aiko ist einer der besten -
ausgebildet, um Tabak und Suchtgift zu finden. Er findet bei jedem
Einsatz etwas - auch wenn es sein Herrl platzieren muss.
    foto: privat

    Sechs Diensthunde hat der Zoll, Aiko ist einer der besten - ausgebildet, um Tabak und Suchtgift zu finden. Er findet bei jedem Einsatz etwas - auch wenn es sein Herrl platzieren muss.

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