Wie Bill Gates Hurrikane verhindern will

4. August 2009, 19:28
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Der Microsoft-Gründer will Wirbelstürme stoppen, indem die warme Meeresoberfläche mit kaltem Wasser aus der Tiefe gekühlt wird

Wegen ihrer sonderbaren Ideen gelten Computerfachleute mitunter als Sonderlinge, als "Nerds". Der reichste Nerd der Welt, Microsoft-Gründer Bill Gates, plant nun etwas sehr Sonderbares: Er will Hurrikane stoppen. Zusammen mit Partnern hat Gates Pläne zum Patent angemeldet, um Wirbelstürmen, die oft die Größe Deutschlands erreichen, die Energiezufuhr abzustellen.

Gates und seinen Mitstreitern zufolge soll eine Falle aus kaltem Wasser Hurrikanen den Nachschub abschneiden - die Wirbelstürme bekommen ihre Energie aus dem warmen tropischen Ozean. Dort steigt feuchtwarme Luft auf. Wenn der enthaltene Dampf anschließend zu Wolken kondensiert, setzt die Luft Energie frei, die den Aufwärtssog weiter antreibt. Das Auge des Sturms reißt immer mehr Luft nach oben, der Wirbel drumherum beschleunigt auf Hurrikanstärke.

Eine Fläche kalten Wassers würde den Teufelskreis unterbinden, glauben die Vordenker. Mobile Pumpen bringen Gates' Plänen zufolge kaltes Wasser aus der Tiefe an die Oberfläche. Eine solche Kühlung könne Hurrikane im Prinzip bremsen, bestätigt der Fachmann Kerry Emanuel vom Massachusetts Institute of Technology. Ähnlich äußert sich der Direktor des US-amerikanischen Hurricane Center, Frank Marks, im Internet-Dienst Huffington Post: "Es ist plausibel, vielleicht sogar möglich. Aber zu beurteilen, ob es realistisch ist, das ist nicht meine Aufgabe."

Offenbar macht es sich aber auch Gates nicht zur Aufgabe. Der Milliardär sowie elf weitere Personen haben den Plan "Wasserveränderungsrisikomanagement" unter der Nummer 20090177569 der US-Patent-Behörde angemeldet. Insgesamt fünf Patente für die Hurrikan-abwehr hat die Gruppe am 3. Januar eingereicht; nun wurden sie veröffentlicht.

Sicherung von Lizenzen

Bill Gates und seine Mitstreiter liefern allerdings keine technischen Details, keine Beispielrechnungen. Mit den Patenten sichern sie sich mögliche Lizenzgebühren, sollte jemand diese Idee kommerziell umsetzen wollen. Verlockend wäre die Idee zum Beispiel für Versicherer, die Milliarden Dollar sparen könnten, mit denen sie heute für Schäden aufkommen.

Eine Armada von Schiffen müsste bereitstehen, um die Stürme lahmzulegen. Die Gefährte bringen Schläuche - oben mit einer von den Wellen betriebenen Pumpe versehen - in die berechnete Zugbahn eines Hurrikans. Die Geräte drücken warmes Oberflächenwasser nach unten; kühles Wasser strömt dann nach oben. Eine ähnliche Technik erprobt die Firma Atmocean aus Santa Fe. Sie entwickelt Pumpen, die kaltes Meerwasser mit Wellenkraft nach oben saugen.

Eine Überschlagsrechnung zeigt schnell, wie fantastisch die Idee ist. Hurrikane entstehen über einer Wasserschicht von 50 Meter Dicke, die mindestens 26,5 Grad Celsius erreicht; oft ist das Meer sogar wärmer als 30 Grad. Um einen Wirbelsturm sterben zu lassen, müsste sein Auge von bis zu 350 Kilometer Durchmesser, das die warme Luft ansaugt, wohl einige Dutzend Kilometer über kühleres Wasser driften.

Um genügend kaltes Wasser nach oben zu bekommen, würden Pumpen mit langen Schläuchen benötigt. Erst unterhalb von 300 Meter Tiefe ist das Meer kälter als zehn Grad. Unter der Annahme, dass jede Pumpe alle zwei Sekunden einen Kubikmeter kaltes Wasser fördert, müssten 10 Millionen von ihnen 10 Stunden lang arbeiten, um eine entsprechende Meeresfläche zu kühlen und den Hurrikan zu stoppen.

Angesichts dieser Zahlen ist die Skepsis von Experten wohl verständlich. "Die Idee ist wissenschaftlich plausibel, ich glaube aber nicht, dass sie sich umsetzen lässt. Der logistische Aufwand erscheint mir zu groß", sagt Mojib Latif, Ozeanforscher am Leibniz-Institut für Meereswissenschaften in Kiel. Abgesehen davon ändern die Wirbelstürme kurzfristig ihre Richtung. Das Risiko, dass die Pumpen am falschen Ort lägen, wäre groß.

Noch unbedachte Folgen

Andere Folgen einer Hurrikan-abwehr lassen die Vordenker um Bill Gates ganz außer Acht. Mit den Wassermassen würden auch Lebewesen durch die Pumpschläuche gepresst. Unmengen an Nährstoffen würden mit dem kalten Wasser nach oben gelangen. Das genau ist der Grund, warum die Firma Atmocean ihre Pumpen entwickelt. Die Firma will den Effekt für den Kampf gegen die Klimaerwärmung nutzen: Eine künstlich angeregte Planktonblüte sollte der Luft schließlich das Treibhausgas Kohlendioxid entziehen.

Der Traum von der Zerstörung von Hurrikanen ist nicht neu. Meteorologen debattierten bereits verschiedenste Verfahren, die zum Teil auch schon ansatzweise erprobt wurden: der Abwurf von Silberjodid oder ein Ölteppich auf der Wasseroberfläche. Als wirklich tauglich stellte sich jedoch keines davon dar. Der neue Plan sei auf jeden Fall nicht für eine rasche Umsetzung vorgesehen, erklärt Pablos Holman, der dem Gates-Team angehört. Das patentierte Hurrikanabwehrsystem sei vielmehr "ein Plan C". Es könnte beispielsweise zum Einsatz kommen, falls die Klimaerwärmung Wirbelstürme verstärken sollte.

Wie die Nachbarländer der USA auf den Vorschlag reagieren, ist bislang unklar - ihnen würde womöglich erhöhte Hurrikangefahr drohen. Schließlich könnten Kaltwasserteppiche Wirbelstürme lediglich umlenken, anstatt sie zu zerstören. (Axel Bojanowski/DER STANDARD, Printausgabe, 05.08.2009)

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    Hurrikane - wie hier "Katrina" - bilden sich über besonders warmem Meer. Bill Gates möchte dem mit Pumpschiffen vorbeugen.

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