"Wir steigen den Leuten auf die Zehen"

4. August 2009, 18:47
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Richard Soyer, Universitätsrat der Med-Uni Innsbruck, verteidigt die kritisierten Kosten des Aufsichtsgremiums - Diese entsprächen dem Einsatz, man lasse sich beim Kontrollieren nicht behindern

Standard: Sie sind Mitglied im Universitätsrat der Med-Uni Innsbruck; also de facto Aufsichtsrat. Man wirft dem Gremium vor zu prassen: Die Kosten des Uni-Rats sind 2008 auf 402.000 Euro gestiegen. Der Med-Uni-Rat in Wien kostet die Hälfte.

Soyer: Das sind haltlose Vorwürfe. In dem Betrag sind hohe Kosten für Sonderprüfungen dabei, die sieben Uni-Rat-Mitglieder bekamen rund 200.000 Euro. Ich sehe das alles in einem größeren Zusammenhang. Als Strafverteidiger habe ich schon öfter Aufsichtsräte vertreten und war dabei ständig damit konfrontiert, dass man Aufsichtsräten vorwirft, alles abzunicken, nichts nachzufragen und sich nur oberflächlich zu interessieren.

Standard: Ist ja auch oft so.

Soyer: Ja, aber dieser Aufsichtsrat alten Typs ist ein Auslaufmodell. Es geht einfach in unserer Wirtschaft nicht mehr an, dass Aufsichtsräte die Sitzungen verschlafen und Interessenvertreter sind statt Kontrollorgane. Meine erste Sitzung an der Med-Uni war im Mai des Vorjahres - da war mir sofort klar, dass diese Tätigkeit Engagement erfordert, mehrere Tage im Monat.

Standard: Jedes einfache Med-Uni-Ratsmitglied bekommt 2000 Euro brutto im Monat; an anderen Unis gibt es nur 500 Euro Sitzungsgeld.

Soyer: Ja. Und ich war der, der eine angemessene Entschädigung für seine Tätigkeit zur Bedingung gemacht hat. Weil ich nämlich keinerlei andere Interessen mit dem Job verfolge. Ich habe ursprünglich mit 80 bis 100 Euro pro Stunde brutto kalkuliert; ich sehe nicht ein, warum ich meine qualifizierte Leistung der Med-Uni Innsbruck schenken soll. Das tue ich bei Mandanten, die es brauchen.

Standard: Diese Entschädigungen hat Ihr Uni-Rat neu festgelegt.

Soyer: Genau darum geht es: Üblicherweise sitzen in Aufsichtsräten Leute, die bestimmte Interessen vertreten: eigene, die von Eigentümern oder anderen Gruppen. Für die ist die Frage der Entschädigung ihrer Tätigkeit völlig uninteressant, weil sie ja indirekt entschädigt werden. Umwegrentabilitätsüberlegungen sind Tradition in Österreich, besonders in Aufsichtsräten. Die Kritiker, die da über uns kommen, sind scheinheilig und verlogen. Es geht in Wirklichkeit darum, dass wir unbequem sind. Wir steigen den Leuten auf die Zehen, die es sich in diesem System der Freunderl- und Misswirtschaft bequem gemacht haben. Da war Forschungsleistung teilweise eine Art Selbstbedienung, der Uni wurden kein ausreichender Kostenersatz bezahlt.

Standard: Was lief schief?

Soyer: Die Med-Uni hatte de facto keine wirtschaftliche Führung. Man arbeitete wie beim Kleinbetrieb ums Eck, nicht einmal das Belegwesen stimmte, ganz zu schweigen von der Behandlung der Drittmittel. Wir fanden eine Baustelle nach der anderen. Ich hatte drei Möglichkeiten: mitspielen und weiterwursteln, das Gremium sofort verlassen, weil ich mich sonst haftbar mache, oder bleiben, nachfragen, immer wieder einhaken. Ich habe mich für Letzteres entschieden. Wir mussten den Rektor entlassen, Sonderprüfungen veranlassen, die zur Restrukturierung der wirtschaftlichen Organisation führte. Das schmerzt viele.

Standard: Die Med-Uni hat noch immer keinen Rektor: Der neue hat noch nicht unterschrieben, die Gleichbehandlungskommission ruft den Verwaltungsgerichtshof an, weil Sie nicht Vize-Rektorin Margarethe Hochleitner bestellt haben.

Soyer: Obwohl wir dem Gender-Aspekt Rechnung getragen haben, war sie nicht die am besten geeignete Kandidatin. Übrigens: Im Uni-Rat sind 40 Prozent Frauen. Aber auch die sind unabhängig und entsprechen dem Aufsichtsratsmodell neuen Typs: Wir reagieren nicht auf Interventionen, lassen uns beim Kontrollieren nicht behindern. Wir haben keine Frühstücksdirektoren, die meisten von uns wohnen nicht in Innsbruck, wir sind nicht verbandelt in Tirol. Das halte ich für ein entscheidendes Qualitätskriterium.

Standard: Und führte zu 37.000 Euro Reisespesen.

Soyer: Stimmt, bei einem Uni-Budget von 200 Millionen Euro. Schauen Sie, mit Uni-Räten ist es wie mit Aufsichtsräten: Man muss sich überlegen, ob man lieber Honoratioren und Ehrenämtler drin haben will oder Leute, die ihren Kontrollpflichten nachkommen. Und man muss die Leistung bezahlen: You get what you pay. (Renate Graber, DER STANDARD, Printausgabe, 5.8.2009)

ZUR PERSON:

Anwalt Richard Soyer (53) hat den Bawag-Präsidenten Günter Weninger verteidigt und lehrt an der Universität Graz. Seit 2008 ist er Universitätsrat der Med-Uni Innsbruck.

  • Richard Soyer, Mitglied des Universitätsrates der Med-Uni Innsbruck: "You get what you pay."
    foto: standard/corn

    Richard Soyer, Mitglied des Universitätsrates der Med-Uni Innsbruck: "You get what you pay."

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