Edgar Varèse: Der verführerische Klang der Metropolen

4. August 2009, 17:55
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Edgar Varèse (1883-1965) war einer der großen Visionäre der Musikgeschichte und ein Pionier der elektronischen Klänge

Die Salzburger Festspiele widmen ihm heuer einen Schwerpunkt.

Salzburg - Die New Yorker Passanten müssen nicht schlecht gestaunt haben, als sie in den Fünfzigerjahren einem älteren Herrn begegneten, der voller Begeisterung und mit einem riesigen Tonbandapparat durch die Stadt zog.

Es wird sich wohl nicht allen gleich erschlossen haben, was dieser Mann da eigentlich trieb. Aber mehr als ein Kopfschütteln wird Edgar Varèse auch von jenen kaum geerntet haben, die mitbekamen, dass er auf Aufnahmen des Lärms aus war: von den Straßen, vom Hafen und aus den Fabriken.

Doch halt! Lärm waren das Motorengeräusch der Autos, die Signale der Schiffe und das Hämmern der Maschinen für den stets ein wenig schrullig wirkenden Komponisten gerade nicht. Vielmehr sah er in jener Feuerwehrsirene oder der Pfeife von einem Dampfschiff, die er in seinem Orchesterwerk Amériques zum Einsatz brachte, gleichberechtigte Instrumente, mit denen er "neue Welten auf der Erde, in den Sternen und im Geist der Menschen" evozieren wollte.

"Planetarischer" Staatsbürger

Der Schock, unter dem das Publikum dabei gestanden sein muss, lässt sich aufgrund des Tabubruchs, Klänge des Alltags in die Kunst hereinzuholen, noch immer nachvollziehen. Ähnlich muss es ihm schon bei seiner symphonischen Dichtung Bourgogne ergangen sein, als sie 1910 über Vermittlung von Richard Strauss in Berlin uraufgeführt wurde. Seither wurden die künstlerischen Stationen des 1883 in Paris geborenen Varèse, der mehrfach zwischen Europa und den USA wechselte und sich einmal als "planetarischer" Staatsbürger bezeichnete, von Skandalen begleitet, obwohl es ihm keineswegs um Provokation ging.

Sein Streben nach Neuem war mit aller Macht zum Vorschein gekommen, seit es ihn nach seiner Jugendzeit in Turin zum Kompositionsstudium zurück in die französische Metropole gezogen hatte. Obwohl er damit dem Drängen des Vaters entgehen wollte, wie er Ingenieur zu werden, dürfte der junge Mann doch einiges vom väterlichen Erbe mitbekommen haben: naturwissenschaftliches Interesse etwa und den Ehrgeiz, Phänomenen auf den Grund zugehen.

Varèse sah denn auch zeitlebens die wissenschaftliche Erforschung der Klänge als Grundlage für sein schöpferisches Handeln an und verband diese Überzeugung mit dem unerschütterlichen Willen, in die Tiefe zu dringen, wenn er etwa stundenlang dem Klang von einzelnen Tönen oder Akkorden auf Instrumenten aber auch zwei auf dem Pariser Flohmarkt erstandenen Handsirenen lauschen konnte. So musste, was er tat, zumindest seinem Umfeld erscheinen - auch wenn es ihm in diesem Fall tatsächlich darum ging, akustische Experimente des Physikers Hermann von Helmholtz nachzuvollziehen.

Diese hartnäckigen Versuche, Unerhörtes musikalisch fruchtbar zu machen, sowie Varèses Weigerung, sich "schon bekannten Klängen zu unterwerfen" , führte ihn zu einer Vielzahl visionärer Ansätze: etwa zu Ionisation, dem ersten Werk der Musikgeschichte, das nur mit Schlaginstrumenten - und den unvermeidlichen Sirenen - besetzt ist, oder zum Poème électronique, jener Tonbandkomposition, bei der die Augen von Kennern der elektronischen Musik noch heute zu leuchten beginnen.

Es gibt nur neue Musik

Davon überzeugt, dass die Musik der Zukunft neue Instrumente brauchen würde, wurde Varèse zu einem Pionier der elektronischen Musik, der synthetisch erzeugte Klänge neben Umweltgeräusche und eine eigene Komposition von der Schallplatte stellte. Das Poème électronique war es auch, das bei der Brüsseler Weltausstellung von 1958 einige Breitenwirkung entfaltete und den Komponisten für manche Frustration entschädigen sollte, die der Erneuerer wiederholt erlitten hatte.

Dabei war der Kenner alter Musik und Spezialist für Kirchenmusik im Grunde der Überzeugung, dass es eigentlich gar keine alte und neuen Werke gebe, sondern nur solche, die in der Gegenwart erklingen - wie eben sein Amériques, in dem er etliche Fragmente aus den symphonischen Dichtungen von Richard Strauss, aus der Musik von Claude Debussy, Igor Strawinsky und Arnold Schönberg hineinverwob und damit zugleich diesen Kollegen seine Reverenz erwies sowie seine Kenntnisse der Musikgeschichte dokumentierte.

Zu neuen Ufern weiterschreiten wollte er noch bis kurz vor seinem Tod 1965, als er davon träumte, ein Klanglaboratorium zu eröffnen. Doch im Grunde sind schon seine Werke nichts anderes. (Daniel Ender/DER STANDARD, Printausgabe, 5. 8. 2009)

Termine
Dass Edgar Varèse relativ wenige vollendete Werke hinterlassen hat, ermöglicht es, dass man sie in Salzburg (fast) alle hören kann. Den Anfang macht am 5.8. Multiperkussionist Martin Grubinger, während Les jeunes solistes und das Klangforum Wien Varèse mit Feldman und Dallapiccola (7. 8.) sowie Monteverdi mit Olga Neuwirth zusammenbringen (8. 8.). Bertrand de Billy stellt mit seinem ORFRSO Wien das große Orchesterwerk Amériques neben Musik von Schönberg und Richard Strauss (10. 8.). Die weiteren Termine des "Kontinent Varèse" bestreiten das Ensemble Modern (11. und 12. 8.), die Wiener Philharmoniker unter Riccardo Muti (13., 15., 16. 8.) sowie das Ensemble Recherche (15. 8.). (daen)

  • Brachte die Geräusche der 
Großstadt in den Konzertsaal und träumte von einem Laboratorium für 
elektronische Musik: Edgar Varèse
    foto: rough trade/el records

    Brachte die Geräusche der Großstadt in den Konzertsaal und träumte von einem Laboratorium für elektronische Musik: Edgar Varèse


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    foto: rough trade/el records
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