Eiserner Vorhang wird transparent

4. August 2009, 17:57
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"Kunst und Kalter Krieg" gelingt ein einender Blick auf deutsche Kunst zur Mauerzeit

Nürnberg - Öde Ostkunst und wonnige Westmoderne. Mit diesem Stacheldraht-Hochmut riegeln sich auch noch zwanzig Jahre nach dem Mauerfall deutsche Kunsttempel vom Kunstschaffen der DDR ab. Nachdrücklich bewiesen und sich dabei nicht gerade mit Ruhm bekleckert hat das heuer im Frühjahr die Ausstellung Sechzig Jahre, Sechzig Werke in Berlin: Zum Geburtstag der Bundesrepublik wurde im Gropius-Bau das gezeigt, was "unter den Bedingungen des deutschen Grundgesetzes" , also unter dem Garant des Artikel 5 Absatz 3 - der Freiheit der Kunst - produziert wurde. Nicht existent also alles, was - pfui! - vor 1989 in der ehemaligen DDR entstand. Empörte Reaktionen blieben nicht aus: "Kolonialer Blick" , "Frechheit" , "Skandal" , ließen daher deutsche Dichter und Denker über die Medien ausrichten. Ein Fauxpas, den die große Schau Kunst und Kalter Krieg im Germanischen Nationalmuseum zu vermeiden wusste und die Deutsche Positionen 1945-1989 dies- und jenseits des Eisernen Vorhangs gemeinsam präsentierte. Noch dazu - obwohl die Unterschiede für Uneingeweihte nicht immer augenscheinlich sind - gelang dies ganz ohne abgrenzenden Fingerzeig, Farbindizes oder womöglich gar ausgeschildert mit Hammer-und-Zirkel-Symbolen.

Keine alten Grabenkämpfe

Aus den Fehlern anderer lernt man, könnte man schlussfolgern, aber irren:Denn initiiert wurde die Schau, die nun als zweite Station in der Dürer-Stadt zu sehen ist, ganz woanders: in Los Angeles. Verantwortlich zeichnet Lacma-Kuratorin Stephanie Barron (mit Eckhart Gillen / Sabine Eckmann), die dort am Los Angeles County Museum bereits 1997 die Ausstellung mit deutschem Thema - Exiles and Emigres - realisiert hatte.

Vielleicht hat also dieser geografische Abstand geholfen, Grenzziehungen zu vermeiden und alte Grabenkämpfe zwischen Abstraktion und Figürlichkeit, zwischen lauter, ungebändigter künstlerischer Artikulation und subtiler Kritik zu unterbinden. Was allerdings unverständlich bleibt, ist, dass das G'riss deutscher Häuser um die Beherbergung der ebenso fundierten wie gut sortierten und mit erstklassiger Ware ausgestatten Ausstellung ausblieb.

In Nürnberg findet man freilich ebenso wie in der Berliner Schau gleiche künstlerische Positionen. Arbeiten von Jörg Immendorf, Joseph Beuys, Gerhard Richter und Georg Baselitz - Letztere übrigens künstlerisch im "bösen" Sozialismus ausgebildet - dürfen selbstverständlich nicht fehlen. Aber man vergisst eben nicht auf die Werke von Gerhard Altenbourg, Werner Tübke oder Hermann Glöckner, zeigt Arbeiten von A. R. Penck lange vor dessen Absiedlung 1980 in den Westen. Und Altenbourgs Werk ist ja nun wirklich meilenweit entfernt von der seit 1949 regierenden Doktrin des sozialistischen Realismus. Deswegen steht sein radikal modernes Schaffen, das sich geschickt den formalistischen DDR-Kunstdogmen entzog, der westdeutschen Kunstproduktion aber um nichts näher.

Altenbourgs frühe, expressive Zeichnung Ecce Homo (1949) ist etwa eines jener Beispiele in jenem Kapitel der Schau, das die künstlerische Orientierungslosigkeit, Schock und Ohnmacht der Nachkriegszeit dokumentiert. Wie unterschiedlich die "fremden" Blicke auf den deutschen Neubeginn waren, illustrieren besonders kompakt die mit eigenem Augenzwinkern ausgesuchten Filmzitate: von Billy Wilders Foreign Affair bis zum russischen Propagandafilm Der Fall von Berlin, der Stalin als überstrahlenden Messias ins Bild setzt.

Der Weg bis 1989 ist weit, doch die Schau beschreitet ihn zügig: Sie hechelt nicht Stilen nach, sondern verknüpft die Kunst mit politischen Wegmarken. So macht auch die großzügig bebilderte politische Chronologie den Katalog erstklassig. Damit könnte er sich verdient zum Überblickswerk deutsch-deutscher Kunst jener Periode mausern. (Anne Katrin Feßler/DER STANDARD, Printausgabe, 5. 8. 2009)

Bis 6. 9.

  • RAF als Thema der Kunst: Joseph Beuys' Arbeit "Dürer, ich führe persönlich Baader + Meinhof durch die Dokumenta V"  (1972).
    foto: katalog

    RAF als Thema der Kunst: Joseph Beuys' Arbeit "Dürer, ich führe persönlich Baader + Meinhof durch die Dokumenta V" (1972).

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