Kriegsforscher: Südkaukasus bleibt "heikle Krisenregion"

4. August 2009, 15:56
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"Die Gefahr neuer Gewalt ist sehr groß"

Moskau/Berlin - Der Südkaukasus ist aus Sicht des Berliner Kriegsforschers Herfried Münkler auch ein Jahr nach dem August-Krieg zwischen Russland und Georgien eine "heikle Krisenregion". "Die Gefahr neuer Gewalt ist sehr groß", sagte Münkler in einem Gespräch mit der Deutschen Presse-Agentur dpa. "Die Region gehört zu den heiklen Krisenregionen, die ich - was die europäische Peripherie anbetrifft - gleich hinter dem Nahen Osten sehen würde."

Der Krieg im August 2008 habe eine besondere Bedeutung. Hier standen sich nicht nur mit Russland und Georgien zwei staatliche Akteure gegenüber. Vielmehr sei eine "Reibestelle der Weltmächte" entstanden. "Dadurch, dass Russland einbezogen war und auf der anderen Seite die georgische Politik versucht hat, die NATO oder die Amerikaner in diese Sache zu verwickeln, war dieser Krieg sehr viel bedeutsamer als viele andere."

Versorgungsabhängigkeit

Der "kurze und nicht einmal besonders verlustintensive Krieg" sei im Westen vor allem als eine Störung der Beziehungen zum Energielieferanten Russland wahrgenommen worden. "Diese Versorgungsabhängigkeit wird unsere Wahrnehmung des Konflikts immer beeinflussen", sagte Münkler.

Er wies zudem auf die besondere Dynamik im Kaukasus als eine zerklüftete Bergregion, die von zahlreichen Völkern bewohnt wird. "Hier treffen unterschiedliche Kulturen und Zivilisationen zusammen - so dass Konflikte, die sonst auf Ebene einer Interessenabwägung verhandelbar sind, gleich eskalieren können."

"Es geht darum, ein Überspringen der regional begrenzten Konflikte auf die große Fläche zu verhindern." Der Balkan als vergleichbare Problemzone sei nur mit dem Einsatz von immensen EU-Mitteln und Militärpräsenz etwas ruhiger geworden.

"Wenn sich diese Konflikte ideologisch aufladen, dann kracht es richtig", betonte Münkler. Hinzu komme, dass es von diesen Völkern in der westlichen Welt große verstreute Emigrantengemeinden gebe, die sowohl die Mobilisierung unterstützen als auch Geld einsammeln. Dadurch würden die Konflikte "entgrenzt".

Beim Kaukasus handle es sich klar um eine Interessenszone der Russen, in der der Westen vorsichtig agieren sollte, riet der Wissenschaftler. "Ich würde nicht sagen, dass die Russen nur mit Samthandschuhen herumgehen sollten", sagte der Professor. "Es bedarf sicher gelegentlich der Notwendigkeit, mit militärischen Mitteln zu drohen oder sie auch zu gebrauchen." (APA/dpa)

 

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