Grüne orten neue Ungereimtheiten

4. August 2009, 19:22
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Siegerprojekt ähnelt einem - offiziell bislang nicht bekannten - Vorkonzept des Krankenanstaltenverbundes

Wien - An Zufälle wollen die Grünen bei der Ausschreibung des Krankenhauses Nord schon längst nicht mehr glauben. Dementsprechend stutzig machte die Gemeinderätinnen Sabine Gretner und Sigrid Pilz ein Brief, der kürzlich ohne Absender im grünen Rathausklub eintrudelte. Der brisante Inhalt: das sogenannte Vorkonzept für den Krankenhaus-Neubau, _das der Krankenanstaltenverbund (KAV) anfertigen ließ, sowie eine Studie der Magistratsabteilung 21 darüber, auf welchem Areal sich dieser Entwurf am besten realisieren ließe. Beides wurde lange vor der Ausschreibung des Krankenhausbaus erstellt.
Die Ähnlichkeit des Vorkonzepts mit dem Siegerprojekt des Architekten Albert Wimmer ist offensichtlich - und das, obwohl der KAV-Entwurf laut Grünen-Planungssprecherin Gretner weder in den Unterlagen der Ausschreibung enthalten war, noch besprochen wurde. Da die anderen Projekte, die in der engeren Auswahl waren, dem Vorkonzept nicht ähneln, fragt Gretner nun, „ob das wirklich ein Wettbewerb war".

„Déjà-vu" beim Siegerprojekt?

Gesundheitssprecherin Pilz kann sich vorstellen, „dass die verantwortlichen Stadträte bei der Durchsicht des Projektes, das schließlich gewonnen hat, ein Déjà-vu hatten". Denn die Studie der MA 21 erging unter anderem an die Büros der SP-Stadträte Renate Brauner (Finanzen), Sonja Wehsely (Gesundheit) und Rudolf Schicker (Stadtentwicklung).

Die Grünen wollen nun eine Anfrage an Stadträtin Wehsely stellen. Bereits am Dienstag schalteten sie außerdem das Kontrollamt ein.
Beim KAV weist man die grünen Vorwürfe vehement zurück. Alle Architektenbüros hätten dieselben Unterlagen bekommen, betonte eine Sprecherin; außerdem seien die Konzepte anonym eingereicht worden, man habe also bis zuletzt nicht gewusst, wer hinter welchem Entwurf stecke.
Das Siegermodell mit zwei Versorgungstrakten und davon abgehenden Bettentürmen - das sogenannte Kammmodell - entspreche der international gängigsten Bauweise für Krankenhäuser. Dem Vorkonzept habe man der Einfachheit halber ebendieses gängige Konzept zugrunde gelegt, die Vorwürfe der Grünen seien dementsprechend „an den Haaren herbeigezogen". Dem sei nichts hinzuzufügen, sagte ein Sprecher von Stadträtin Wehsely zum Standard.
Ein weiteres Faktum, das die Grünen kritisieren, bestreitet der KAV nicht: Hinter der Firma VCE, die für die Bau- und Ausstattungsbeschreibung des Krankenhauses verantwortlich ist, und der für die Kontrolle zuständigen Arge FCP stehen, wie der Standard berichtete, die gleichen Personen. Dabei sollten laut Gretner Kontrolle und Ausführung so weit wie möglich voneinander getrennt werden. Der KAV erkennt dabei jedoch keine Unvereinbarkeit.

Spitals-Fleckerlteppich

Neben den Ungereimtheiten, die die Grünen bei der Projektvergabe erkannt haben wollen, reißt auch die inhaltliche Kritik am millionenschweren Krankenhausprojekt - kolportiert werden Gesamtkosten von 850 Millionen Euro - nicht ab. Der Gesundheitssprecher der ÖVP im Parlament, Erwin Rasinger, ärgert sich über den „Fleckerlteppich" der Wiener Spitalslandschaft, an dem sich trotz des teuren Spitalbaus nichts ändern werde. „Im Krankenhaus Nord werden die Augenabteilung, die HNO-Station, die Urologie und die Akut-Geriatrie fehlen", kritisiert Rasinger. Dafür werde es, ebenso wie im nur zwei Kilometer entfernten Lorenz-Böhler-Krankenhaus, eine große Unfallstation geben. Anstatt sich zu einer großen Lösung durchzuringen, „vergibt Wien eine Jahrhundertchance". Stutzig machen den praktischen Arzt Rasinger auch die Kosten: So koste der Bau eines neuen Krankenhauses in Wiener Neustadt bei vergleichbarer Bettenanzahl 400 Millionen Euro.(Andrea Heigl, DER STANDARD Printausgabe, 05.08.2009)

 

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    So soll es künftig ausschauen, das  Krankenhaus Wien-Nord.

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    Der Entwurf stammt vom Architekten Albert Wimmer.

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