"Vernachlässigung des Radverkehrs in Wien hat lange Tradition"

  • Ein alles andere als gelungenes Beispiel für eine geglückte Verkehrslösung ist der Radweg unmittelbar vor den Stufen des Wiener Künstlerhauses für den Rad-Experten und Historiker Sándor Békési.
    foto: derstandard.at/gedlicka

    Ein alles andere als gelungenes Beispiel für eine geglückte Verkehrslösung ist der Radweg unmittelbar vor den Stufen des Wiener Künstlerhauses für den Rad-Experten und Historiker Sándor Békési.

Auch heute besteht nur ein Bruchteil des Radwegnetzes aus "echten" Radwegen - Der Historiker Sándor Békési über Mythos und Realität des Radfahrens in der Bundeshauptstadt

Wien - "Die hiesigen Radwege gehören immer noch zu den abstrusesten und gefährlichsten. Zumindest damit könnte die Stadt einen Wettbewerb gewinnen", stellt Sándor Békési, Verkehrshistoriker im Wien Museum und Stadtforscher, der Bundeshauptstadt im Gespräch mit derStandard.at kein gutes Zeugnis in Sachen Radfahrerfreundlichkeit aus. "Wien liegt im unteren Spielfeld, sowohl international gesehen als auch im Vergleich mit anderen Landeshauptstädten." Während in Graz, Innsbruck oder Salzburg jeder siebente bis fünfte Weg mit dem Fahrrad zurückgelegt wird, kommt in Wien das Rad in Wien erst bei jedem 20. Weg zum Einsatz. Erst nach 1990 erreichte das Wiener Radwegnetz einen Umfang, wie ihn deutsche Großstädte wie Hamburg oder München bereits in den 1970er Jahren aufweisen konnten.

"Irreführende Jubelmeldungen"

Heute führt die Stadt Wien gern die beeindruckende Zahl von 1.100 Kilometern an, wenn es darum geht, das wachsende Radwegnetz der Bundeshauptstadt anzupreisen. "Das ist eigentlich eine Irreführung der Öffentlichkeit", kritisiert Békési. Tatsächlich zeigt eine genauere Betrachtung der von der Stadt Wien selbst veröffentlichten Zahlen, dass es sich bei rund 61 Prozent lediglich um verkehrsberuhigte Bereiche, Wohnstraßen, Fußgängerzonen und Radrouten, also mit Radgwegweisern beschilderte Straßen handelt. Radwege als baulich abgehobene Anlagen machen demgegenüber nicht einmal 20 Prozent aus, markierte Anlagen wie Radfahrstreifen bringen es auf 18 Prozent. Der Historiker ortet denn eine "Diskrepanz zwischen Werbung und Realität".

Voraussetzung für die Umsetzung einer fahrradfreundlichen Verkehrsphilosophie wäre eine "grundsätzliche Endscheidung, ob man das Radfahren nur ein bisschen fördert oder wirklich offensiv." Die Frage sei, ob man die Potentiale dieser - nach dem Zufussgehen - nachhaltigsten Mobilitätsform ausschöpfen wolle oder sie nur als verkehrspolitisches Feigenblatt dulde. In Wien fehle "ein echtes Bekenntnis über politische Absichtserklärungen hinaus zu einer positiven Diskriminierung der Radfahrer und Radfahrerinnen", kritisiert Békési, der in seiner wissenschaftlichen Arbeit dem historischen Verhältnis der Stadt zum Fahrrad nachgegangen und zum Schluss gekommen ist: "Die Vernachlässigung des Radverkehrs hat in Wien eine lange Tradition."

Versäumte Gelegenheiten

Bereits um 1900 wurden von Radfahrerklubs in Wien eigene "Fahrrad-Trottoire" oder "Fahrradbanketts" gefordert. Nachgekommen wurde diesem Wunsch nur vereinzelt, etwa in den repräsentativen Abschnitten des neu gebauten Westgürtels. Auch als zwischen 1926 und 1937 jährlich drei bis vier Prozent der Fahrbahnen und Gehsteige in Wien umgepflastert wurden, unterließ die Stadt eine wirksame Förderung des Radverkehrs und baute keine Radwege. Damals schon beklagten sozialistische Interessensvertreter die Nichtbeachtung des Fahrradverkehrs in Wien und verwiesen als positives Beispiel gern auf Deutschland. Das gängige Bild, dass in den 1920er und 1930er Jahren Fahrräder die Straßen Wiens dominiert hätten, ist laut den Forschungen des Historikers "schlicht falsch - aber unter diesen Umständen nicht weiter überraschend".

"Die nächste Gelegenheit, den Radverkehr zu integrieren, hätte sich nach dem 2. Weltkrieg geboten", so Békési. Stattdessen mussten die wenigen vorhandenen Radwege, insgesamt rund 50 Kilometer, der Verbreiterung der Fahrbahn für die Autos weichen. Bis in die 1970er Jahre wurde die Radweglänge auf einen Tiefststand von elf Kilometern minimiert. So hatte man Radfahrer aus dem Strassenverkehr komplett verdrängt. Während im Stadionbad Mitte der 70er Jahre Autoparkplätze gratis angeboten wurden, mussten Kinder für Fahrräder Abstellgebühren bezahlen.

Propagandamittel Fahrrad

Eine Entwicklung, die nach Ansicht des Historikers nicht allein durch die allgemeine Entwicklung des motorisierten Individualverkehrs, sondern durch die Blindheit lokaler Stadt- und Verkehrsplanung gegenüber Fahrradmobilität zu erklären ist. Békési sieht hier eine "Diskrepanz zwischen der symbolischen Bedeutung, die das Fahrrad für die einstige Arbeiterkultur hatte und der tatsächlichen Verkehrspolitik. Zwar hat die Sozialdemokratie das Rad zu propagandistischen Zwecken genutzt, wenn es darum ging, Mitglieder zu werben oder gefährliche Kurierdienste zu erledigen, ansonsten diente es aber bloß als technologische Übergangslösung. Die Motorisierung der Arbeiter und Angestellten wurde sehr bald als Manifestierung des sozialen und wirtschaftlichen Aufstiegs gesehen und entsprechend gefördert."

Negative Denkmuster, wenn es ums Fahrrad geht, prägen nach Ansicht Békésis auch heute noch die Verkehrspolitik Wiens. "Zukunftsträchtig wäre etwa der kombinierte Verkehr, das heißt, dass Radfahrer auch die Öffis benützen dürfen. Stattdessen betrachten die Wiener Linien Radfahrer immer noch als Störfaktor." Einen Grund für die Bevorzugung des "Liebkinds U-Bahn" sieht der Historiker darin, dass sich solche millionenschwere Großprojekte "politisch besser verwerten lassen als Radwege". "Bedauerlich aber bezeichnend" findet der Experte, dass Fahrräder in den neuen U-Bahngarnituren nur am Anfang und Endes des Zuges - gemeinsam mit Kinderwagen und daher maximal sechs an der Zahl - mitgenommen werden dürfen: "Hier wurde eine Chance auf Jahrzehnte vertan."

Halbherzige Lösungen

Gerade die drei viel gebrauchten Argumente gegen das Radfahren in Wien, "die Morphologie, die Witterung und früher das Pflaster, müssten eigentlich Pro-Argumente für eine verstärkte Förderung speziell für den kombinierten Verkehr sein". Der Historiker erinnert daran, dass die Mariahilfer Straße, Wiens große Einkaufsstraße mit Boulevard-Charakter, nach ihrer Renovierung ursprünglich ohne Radweg, dafür durchgehend mit Parkspuren für Autos eröffnet wurde. "Später wurde ein schmaler Radstreifen 'hingemalt', der Missstand nur halbherzig behoben."

Beispiele für "abstruse" und "gefährliche" Radwege in Wien weiß Békési viele. Etwa den kürzlich eröffneten Radweg vor dem Künstlerhaus, der direkt vor dem Eingang vorbeiführt. Oder den lange Zeit verabsäumten und nun fragwürdig angelegten Lückenschluss entlang der 2er Linie im Bereich Rathaus/Universitätsstraße. "Eine problematische Situation", die nach Ansicht von Békési leicht behoben werden könnte, "wenn man dafür die Parkspur für die Autos auflöst." Genau hier würden sich denn die Prioritäten der Verkehrspolitik zeigen: "Sobald es auf Kosten des Autoverkehrs geht, schreckt man zurück. Daran sieht man, dass es die Stadt Wien mit Radfahrerfreundlichkeit nicht wirklich ernst meint." Velo-City, die bedeutendste internationale Konferenzreihe zur Förderung der Radverkehrsplanung wurde seit 1980 in zahlreichen großen europäischen Städten abgehalten, von London über Paris bis München. Békési: "Wann kommt sie nach Wien?" (Karl Gedlicka, derStandard.at, 11. August 2009)

Zur Person
Sándor Békési ist Historiker und Kurator im Wien Museum mit den Arbeitsschwerpunkten Stadtentwicklung, Topographie, Umwelt- und Verkehrsgeschichte.

Links
Argus - Die Radlobby

IG Fahrrad

Stadt Wien: Radfahren in Wien

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"Stattdessen betrachten die Wiener Linien Radfahrer immer noch als Störfaktor"

Hab vor ca. 2 Jahren mal erlebt, wie ein Bim-Fahrer wütend in den hintersten Bereich der fast leeren Straßenbahn gestapft ist und dort eine Radfahrerin angeblafft hat, was sie mit dem Rad in der Bim will, das sei nicht erlaubt. Nachdem ihm die Radfahrerin erklärt hatte, dass sie leider einen geplatzten Fahrradschlauch hat, hat er ihr unter Murren zumindest den Fahrrad-Transport bis zur nächsten U-Bahn-Station erlaubt.

Radfahren verbieten!

nach einer "grundsätzlichen Endscheidung" lese ich nicht weiter

End-schieden.

"Zukunftsträchtig wäre etwa der kombinierte Verkehr, das heißt, dass Radfahrer auch die Öffis benützen dürfen. "


ja zu gewissen Zeiten dürfen sie das auch.
Nur die U-Bahn Züge sind nicht gscheit darauf ausgelegt
Die neuen U-Bahnzüge der U2 sind da schon besser, da vorne und hinten Platz ist für Räder. Wobei das halt auch noch viel zu wenig ist. Schließlich darf man auch die Kinderwägen nicht vergessen. Und wenn man viel los ist, dann soll den Stehenden auch mehr Platz gegeben werden, um mehr Personen in er U-Bahn zu transportieren.

--> d.h. es sollte mindestens 1 ganzer Wagon mit solchen Klappsitzen sein, damit man dort auch Kinderwägen, Fahrräder,... mitnehmen und auch stehen kann.

mir fehlt der link zur critical-mass:

http://www.criticalmass.at/

einmal im monat sich wie echte verkehrsteilnehmer fühlen (statt nur geduldete verkehrshindernisse) und gemeinsam durch die straßen radeln, um die dominanz der autos zu brechen.

Ich fühle mich auf dem Rad überwiegend wie ein echter Verkehrsteilnehmer.

schon mal auf dem gürtel am rechten fahrstreifen geradelt? :-) ist ein interessantes erlebnis. nicht ganz ungefährlich, aber interessant. insbesonders linguistisch.

Oja..und das mitten zur Rushhour. Ich musste vom Südbahnhof zum Westbahnhof radeln und war in meinem Leben davor noch nie am Gürtel unterwegs - ich wußte nur, dass das eine wichtige Straße in Wien ist, sonst nix. Das ist echt der Horror!

nur keine parkplätze vernichten...

das ist scheinbar das credo der stadtplaner. lieber werden gehwege durch aufgepinselte radstreifen verkleinert oder überhaupt in kombinierte radgehwege verwandelt, auf denen sich dann radfahrer und fußgänger gegenseitig behindern können, bevor man es wagt, auch nur einen stellplatz für die heilige kuh "automobil" dem nachhaltigen verkehr zu opfern.

liebe stadtplaner, nutzt die durch die krise der automobilwirtschaft rückläufigen autozahlen und schafft ehrliche 1000km radweg in wien...

Auf der Augartenbrücke wurden für einen Radfahrstreifen einfach die beiden rechten Autofahrstreifen so stark verschmälert, dass der Radfahrstreifen eigentlich ständig von Autofahrer mitbenutzt wird.
Außerdem ist besagter Radfahrstreifen meist auch mit Glasscherben übersäht.

Soviel zu den sinnvollen Radwegen Wiens...

vergesst das radl, vergesst das auto - dem luftkissenboot gehört die zukunft.

nah, zeppelin ftw !

Da waren die Radfahrer in den Straßenverkehr integriert.

[quote]Bis in die 1970er Jahre wurde die Radweglänge auf einen Tiefststand von elf Kilometern minimiert. So hatte man Radfahrer aus dem Strassenverkehr komplett verdrängt[/quote]
Das Gegenteil ist der Fall, mit den Gehsteigradwegen verdrängt man die Radfahrer aus dem Straßenverkehr.
Bei Eng- und Gefahrenstellen hören die Radwege meist ohnedies auf.

Ich will nicht den Jetzt-Zustand glorifizieren. Aber wenn man die 70er Jahre als besser dastellte als die heutige Situation, dann ist das schon etwas weit gegriffen. Der (West-)Gürtel ohne Gürtelradweg wäre schlicht unzumutbar für Radfahrer. Wer es nicht glaubt soll doch mal an den Gürtelteilen auf der Straße fahren auf denen es bisher keinen Radweg gibt. Alternativ dazu ist auch die Triesterstraße ein wunderbares Beispiel.

Da wundert es kaum, dass in den 70ern der Radfahreranteil so gegen 0 taumelte.

Die Triester ist wichtiger Teil meiner Trainingseinheiten.

auf beiden von Ihnen genannten Straßenzügen gab es zumindest in Teilabschnitten Radfahrstreifen. Schneller ging es, wenn man sich hinter einem schwächer motorisierten LKW "anhängte" (im Windschatten fuhr).

Das wusste ich nicht, aber "Teilabschnitte" wären eine Zumutung. Der Gürtelradweg gewinnt seinen Wert ja erst dadurch dass er zumindest im Westen durchgehen verläuft.

Ich kann mir auch lustigeres vorstellen als im "Windschatten" eines LKWs halb zu ersticken.

Danke für den Artikel

Vor allem daß man im öffentl. Verkehr keine Fahrräder haben will, spricht Bände!!!! In Wien kann man das Fahrrad nur pushen mit kombinierten Verkehr aufgrund der Distanzen. Und genau dort kann und darf man zu Spitzenzeiten nicht rein. So ein Schwachsinn. Jeder U-Bahn und Schnellbahn sollte einen eigenen Waggon ohne Sitze für Radfahrer haben, wo natürlich auch das größere Angebot an "Stehplätzen" genutzt werden kann. Wieso gibts das nicht?

Distanzen

Reichsbrücke - Ober-St.Veit in 13.5km 45min - Mach das mal mit den Öffis ;)

sehr gute idee!!

einerseits verstehe ich, dass die wr. linien in den stoßzeiten schauen müssen, dass genügend platz für fahrgäste vorhanden ist. und fahrräder nehmen doch einiges an stellplatz weg und behindern das schnelle ein- und aussteigen (was in spitzenzeiten wichtig ist). andererseits ist es ärgerlich.

eigene spezielle waggons wäre eine möglichkeit und sehr innovativ. vielleicht zu innovativ. :-)

die andere möglichkeit ist, das citybike so stark auszubauen, dass man das eigene fahrrad nicht mehr mitnehmen muss...

dafür gibts in deutschland

wirklich gute bsp.
wagons, die bei einer tür gleich daneben einen großen raum mit klappsitzen haben, wo sich die radfahrer breit machen können und ich finde, man sollte viel mehr leuten das radfahren ermöglichen.

wirklich gute bsp sind stockholm und kopenhagen mit ganzen spuren auf der str. für radfahrer, sodass man nicht mitten im verkehr ist und auf jeden fall genug platz hat.
tut den menschen gut und der luft in wien (und dem börsel der einzelnen)

Feig, feig, feig

Feig, feig, feig, das ist wohl die treffendste Bezeichnung für die Wiener Verkehrspolitik. Radwege oder (allgemeiner) Infrastruktur für Radfahrer wird nur errichtet, wenn es den Autoverkehr (auch den "ruhenden Autoverkehr", also das Parken) nicht beinträchtigt. Radwege werden auf Gehsteige gemalt, überall werden die unsäglichen kombinierten Geh/Radwege gebaut und Radfahrer mit Touristen, Pensionisten, Kleinkindern zusammengesperrt (bekanntlich gibt es Radwegbenutzungspflicht).

Als Verkehrsmittel ernst genommen wird das Rad immer noch nicht. Politiker steigen fürs Foto gern aufs Radl, aber die Verkehrspolitik fetter alter Männer, die fette Straßen für fette Autos bauen, ist immer noch die gleiche wie vor 40 Jahren.

Bei meinen Besuchen in Wien fällt mir immer wieder auf, dass die vorhandenen Radwege nicht benutzt werden, ja schlichtweg ignoriert werden.
Warum sollte man diesen Sozialschmarotzern, die keinerlei Abgaben zur Errichtung des bestehenden Radnetzes geleistet haben, noch zusätzlich Radwege schaffen?
Sollen sich diese Langzeitstudenten bitteschön dorthin verziehen, wo sie mit ihrem Fahrrad hingehören, nämlich auf einen Spielplatz.

Mit freundlichen Grüßen
Dipl. Ing. Herbert Birnwachs

>(({°>

Bei den vielen schlimmen Problemen die er mit dem Lärm auf der Straße hat, sollte er doch froh sein wenn die Leute mit dem viel leiseren Fahrrad unterwegs sind. Ganz offensichtlich ein nach Aufmerksamkeit haschender Troll.

http://www.1000ps.at/forum/for... T!_2417577
http://www.facebook.com/pages/Her... 3186770621
http://www.gs-forum.eu/showthrea... hp?t=35104

warum soll jeder Radfahrer ein Sozialschmarotzi sein?

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