"Wieviele Ehrungen kann ich mir leisten?"

4. August 2009, 01:24
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Für Wolfgang Loitzl haben sich die Vorzeichen für die neue Saison ver­än­dert - ein derStandard.at-Interview über Termine, Sponsoren, Stil und hinderliche Komplimente

Wien - Österreichs Skispringer werden nicht in voller Besetzung den Sommer-Grand-Prix-Auftakt in Hinterzarten (8./9. August) bestreiten. Das sechsköpfige österreichische Aufgebot besteht aus Thomas Morgenstern, Andreas Kofler, Markus Eggenhofer, Manuel Fettner, Lukas Müller und dem ehemaligen Nordischen Kombinierer David Zauner. Neben Gregor Schlierenzauer und Martin Koch verzichtet auch Tournee-Sieger und Weltmeister Wolfgang Loitzl auf ein Antreten im Schwarzwald. Seinen ersten Sommerwettkampf wird er voraussichtlich am 22./23. August in Zakopane absolvieren. Philip Bauer sprach mit dem 29-jährigen Steirer über potenzierte Termine, die Logik des plötzlichen Erfolgs und die nicht einfacher gewordene Suche nach einem Kopfsponsor.

derStandard.at: Wurde Ihnen im Laufe der vergangenen Saison irgendwann geraten, jetzt bloß "nicht abzuheben"?

Wolfgang Loitzl: Nein, ich bin bodenständig, dafür bin ich kein Typ, das wissen alle.

derStandard.at: Wäre dieser Tipp für einen Skispringer nicht ohnehin kontraproduktiv?

Wolfgang Loitzl: (grübelt, lacht) Im Winter wäre es wahrscheinlich nicht angebracht.

derStandard.at: Beim Auftakt zum Sommer-Grand-Prix in Hinterzarten werden Sie nicht abheben, weil Sie zuletzt "andere Aufgaben und Pflichten zu erfüllen" hatten. Darf man nachfragen?

Wolfgang Loitzl: Nach dem letzten Winter sind sehr viele Termine auf mich zugekommen, teils vom Verband, teils von Sponsoren, da muss man natürlich anwesend sein. Da steht dann manchmal das Training nicht im Vordergrund, zudem war ich am Knie verletzt. Jetzt habe ich Aufholbedarf. Mittlerweile stehe ich aber wieder voll im Training und bin voll motiviert.

derStandard.at: Sind Ihre Erfolge einer optimalem Vorbereitung gar hinderlich?

Wolfgang Loitzl: Der Vorbereitung zur nächsten Saison sind die Erfolge bestimmt nicht förderlich. Die Termine lenken ab. Man verschiebt das Training, man lässt es aus, man schaut zu wenig auf das Wesentliche, nämlich das Sportliche. Aber man will sich auch feiern lassen, genießt die Anerkennung. Man erinnert sich an die Situationen, die Erfolge, die Sprünge - das macht man gerne.

derStandard.at: Haben sich die Pflichten und Termine mit den Erfolgen potenziert?

Wolfgang Loitzl: Das kann man so sagen. Als es weniger gut lief, konnte ich die Termine an einer Hand abzählen. Das geht sich jetzt nicht mehr aus. Am Ende muss man immer abwägen: Wieviele Termine und Ehrungen kann ich mir leisten, ohne dass es auf Kosten der Vorbereitung geht?

derStandard.at: Wird der Sommer-Grand-Prix als reine Vorbereitung für den Winter gesehen? Oder entwickelt man da auch einen sportlichen Ehrgeiz?

Wolfgang Loitzl: Der Ehrgeiz ist immer da, die Top-Athleten wollen den Sieg einfahren, das ist der Sinn der Wettkämpfe. Da gibt es keinen Unterschied zum Winter, aber natürlich ist die Wertigkeit der Ergebnisse eine andere.

derStandard.at: Können Sie den wenigen Nicht-Skipringern unter uns den Unterschied zwischen einem Mattenspringen und einem Springen auf Schnee verdeutlichen?

Wolfgang Loitzl: Im Winter ist es weiß, im Sommer ist es grün.

derStandard.at: Und das war's?

Wolfgang Loitzl: Eigentlich schon. Man springt mit dem gleichen Material. Im Sommer gibt es vielleicht mehr Aufwind, damit kann dann der ein oder andere Springer besser umgehen.

derStandard.at: In einem Gespräch mit der "Kronen-Zeitung" haben Sie kürzlich gesagt: "Bei der Tournee war ich unheimlich modern". Das hinterließ mich ratlos, wie ist das gemeint?

Wolfgang Loitzl: Ich kann mich daran erinnern, aber nicht dass ich das so gesagt hätte. Ich habe mich dann selber gefragt: Was heißt das eigentlich?

derStandard.at: Auch folgender Satz wird Ihnen zugerechnet: "Wennst kein Tiroler bist, hast Du im Skispringen viele Hürden zu nehmen". Wie ist diese Aussage zu deuten?

Wolfgang Loitzl: (lacht) Stammt so auch nicht aus meiner Kehle. Aber womöglich habe ich das mal durchklingen lassen. Bei einigen Athleten hat man das Gefühl, das sie bevorzugt werden, anderen werden Steine in den Weg gelegt. Tiroler wirken da manchmal wie die Bevorzugten.

derStandard.at: Wurden Ihnen als Steirer denn Steine in den Weg gelegt?

Wolfgang Loitzl: Nein. Meine Leistung war so gut, dass das nie ein Thema war. Es war klar, dass ich meinen Weg gehen werde.

derStandard.at: Wenn man weit springt, hat man doch ohnehin alle Argumente auf seiner Seite. Also wie können Springer bevorzugt werden?

Wolfgang Loitzl: Es gibt nur eine beschränkte Anzahl an Startplätzen. Wen schickt man also zu den Wettkämpfen? Es gibt objektive Kriterien, aber oft müssen Trainer auch Entscheidungen aus dem Bauch heraus treffen. Da kommt dann auch Politik ins Spiel.

derStandard.at: Sie gelten als großer Stilist. War Ihnen die Eleganz beim Springen schon immer wichtig? Oder bekommt das erst Bedeutung, wenn man weiß, dass man richtig weit springen kann?

Wolfgang Loitzl: In ganz frühen Jahren geht es nur um die Weite, aber schon bald war es mir auch wichtig, einen sauberen Telemark zu setzen. Vielleicht ist es ein bisschen ein Talent von mir. Und wie man in den letzten Jahren gesehen hat: Oft macht es den Unterschied zwischen einer guten Platzierung und dem Sieg.

derStandard.at: Nach ihren Siegen bei der Tournee sprachen viele von einer Leistungsexplosion. Würden Sie das auch so betrachten oder erscheinen Ihnen die Erfolge etwas logischer als der Öffentlichkeit?

Wolfgang Loitzl: Für mich war absehbar, dass es irgendwann funktionieren muss, dass es einen Schritt nach oben geht. Ich habe in den letzten drei, vier Jahren sehr viel in mein körperliches Training und die Weiterentwicklung des ganzen Sprungs investiert. Als ich in den Weltcup einstieg, bekam ich immer wieder zu hören, dass ich die Möglichkeit hätte, sehr erfolgreich zu sein, womöglich einer der besten Skispringer der Welt zu werden. Es ist schön solche Komplimente von Menschen wie Toni Innauer zu erhalten, aber man denkt auch: ich bin so talentiert, ich muss ohnehin nicht so viel trainieren. Das ist ein Irrtum, das war ein Hindernis.

derStandard.at: Wann haben Sie das gemerkt?

Wolfgang Loitzl: In den letzten Jahren, als ich nicht so erfolgreich war. Da wurde mir klar: ich kann nur mehr rausholen, wenn ich mehr investiere. Im letzten Winter ist das aufgegangen, trotz eines problematischen Sommers mit Materialwechsel.

derStandard.at: Sie haben die Tournee gewonnen, sind Weltmeister und dennoch haben Sie keinen Kopfsponsor für nächste Saison. Wie ist das erklärbar?

Wolfgang Loitzl: Man denkt, mit den Erfolgen wird es einfacher. Das stimmt aber nicht unbedingt. Es geht in neue Dimensionen, es gibt weniger Firmen, die bereit sind viel Geld in die Hand zu nehmen.

derStandard.at: Sind Gregor Schlierenzauer oder Thomas Morgenstern medienwirksamer als Sie?

Wolfgang Loitzl: Das liegt wohl im Auge des Betrachters. Die beiden sind junge Draufgänger, ich bin eher der arrivierte Springer, der Familienvater. Für die meisten werden wohl die jungen Wilden interessanter sein, für manche aber das andere. Es gibt da natürlich Unterschiede in der Öffentlichkeitsarbeit und der Medienpräsenz.

derStandard.at: In den Werbungen der Volksbank, ich erinnere mich zum Beispiel an eine Art Jugendherberge und den flirtenden Schlierenzauer, wirken Sie ein wenig fehlbesetzt...

Wolfgang Loitzl: Das ist schon in Ordnung, ich denke es gibt in der Mannschaft eine gute Mischung aus Jung und Alt. Ich bin der Älteste, habe damit aber kein Problem.

derStandard.at: Sie wollen kein Superstar sein, sind dann aber doch gekränkt, wenn "es nur noch Schlierenzauer gibt". Ist das kein Widerspruch?

Wolfgang Loitzl: Ich will nicht medial ausgeschlachtet werden. Aber nach der Tournee und neben den Siegen von Schlierenzauer ist leider untergegangen, dass ich auch noch gut gesprungen bin. Mir fiel auf, wie schnelllebig das Ganze ist.

derStandard.at: Zum Abschluss die alles entscheidende Frage: Kennen Sie einen Skiflieger mit Flugangst?

Wolfgang Loitzl: Nein, ist mir noch keiner untergekommen. (derStandard.at; 4. August 2009)

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