Mit dem Laptop auf der Jagd nach Autodieben

4. August 2009, 12:37
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Die 75 Mitglieder der AGM-Gruppe jagen im Schatten der Soko Ost seit eineinhalb Jahren Autoschieber und kontrollieren Fremde

Wien - Am beeindruckendsten ist die Geschwindigkeit, mit der der Kriminalbeamte die Nummerntafeln entziffern kann. Entspannt sitzt er auf dem Beifahrersitz, plaudert mit dem Fahrer und tippt Nummer um Nummer in seinen Laptop. Nummern von Autos vor ihm, von Autos, die ihm entgegenkommen, von Autos, die am Straßenrand geparkt sind und die er nur einige Sekunden sehen kann. "Das ist reine Übung", sagt der Kriminalist, der Hans heißt und zur AGM gehört, eine Abkürzung, die für Ausgleichsmaßnahme steht.

Seit Ende 2007 gibt es die Truppe, in Wien hat sie drei Stützpunkte. Genau genommen ist sie ein Mittelding zwischen der uniformierten Sicherheitswache und der Kriminalpolizei. Der Stützpunkt von Hans und seinem Kollegen Dieter ist die Polizeiinspektion Seitenhafenstraße, einem gesichtslosen Bürokomplex, in dem auch die Verwaltung des Wiener Hafens untergebracht ist. Die Jagd auf Autoschieber ist einer der Schwerpunkte dieser nächtlichen Streife.

Erfolge wären nicht so schlecht, ist doch die Polizeibilanz in der Hauptstadt ziemlich durchwachsen. Plus 12,25 Prozent zeigte die Kriminalstatistik für das erste Halbjahr - allerdings verzerrt ein Internetbetrug mit mehr als 6000 Opfern die Statistik, die ohne diesen Fall ein Plus von 6,4 Prozent aufweist. Katastrophal sind die Werte im Bereich der Kfz-Diebstähle: Um fast 72 Prozent liegt man über dem Vergleichswert des Vorjahres.

Bilanz aufbessern

Bei ihrer Fahrt durch den 2. und 20. Wiener Gemeindebezirk sollen die beiden Kriminalisten die Bilanz aufbessern. In ihrem Laptop sind die Nummern gestohlener Pkws aus dem gesamten Schengenraum gespeichert. "Leider sind wir nicht online, es wird täglich off-line upgedatet", erzählt Hans.

Drei Farben kann das System ausspucken: Grün, Gelb, wenn es bei dem Wagen oder einer abgefragten Person eine Auffälligkeit gibt, oder Rot, wenn das Fahrzeug gestohlen ist oder der Mensch gesucht wird. Auf den Computer allein verlassen sich die beiden allerdings nicht. "So, den schauen wir uns jetzt an", sagt Dieter, der Fahrer, und wendet sein Zivilfahrzeug. Das Ziel seines Interesses: der rote Kastenwagen, der am Straßenrand des Handelskais unter einer Brücke geparkt ist.

Was an diesem Fahrzeug auffällig ist? "Wir kommen regelmäßig hier vorbei - einen Wagen von der Firma hab ich aber noch nie in der Gegend gesehen." Was daran so seltsam ist? "Diese Kastenwägen sind bei Motorraddieben beliebt. Man kann darin mehrere Motorräder bunkern und dann unauffällig abtransportieren." In diesem Fall ist der Verdacht aber falsch. Der Wagen ist nicht als gestohlen gemeldet, das Schloss ist nicht aufgebrochen, die Türen verschlossen.

Im Polizeifunk ist unterdessen zu hören, dass Kollegen in Floridsdorf mehr Glück hatten. Zwei Verdächtige sind festgenommen worden - mit gefälschten Papieren, elektronischen Chips und Bauteilen zur Überwindung elektronischer Wegfahrsperren. "Die Täter sind durchaus gut organisiert", weiß Dieter. "Das geht so weit, dass sie Späher einsetzen, die eine Route abfahren und vor Kontrollen warnen. Die Mittäter in den gestohlenen Fahrzeugen nehmen dann einfach einen anderen Weg." Polizeiinterne Kritiker sehen daher in Schwerpunktkontrollen, wie sie die Soko Ost durchführt, eher Zeitverschwendung.

Die Tücken des Kennzeichens

"Warte schnell", ruft plötzlich der Beifahrer, der unermüdlich seinen Laptop bedient hat. Eine Nummer aus dem Bezirk Baden bei einem geparkten Auto hat ein gelbes Ergebnis ausgespuckt. Dieter wendet und parkt vor dem Verdächtigen Fahrzeug. "Nein, warte, da stimmt was nicht, das ist kein Seat", gibt Hans Entwarnung. Ein Blick auf den begleitenden Anzeigetext liefert die Erklärung: Ein in Italien gestohlenes Auto hat die gleiche Buchstaben-Ziffernkombination.

Sind Fahrer dabei, schwingt bei Kontrollen durchaus auch eine gewisse Unruhe mit. Vor allem, wenn sich die Lenker nicht so verhalten, wie es sich die Polizisten wünschen. "Wenn ich von hinten mit Blaulicht komme und jemanden zur Seite winke, bleiben sie fast immer sofort stehen, und ich muss mich vor ihnen einparken." Was daran denn so problematisch ist? "Komm ich von vorn auf das Fahrzeug zu, ist die Gefahr größer, bei einer Flucht überfahren zu werden. Und im schlimmsten Fall schau ich in eine Pistole."

Eine Gefahr, die an diesem Abend nicht besteht - Verdächtige werden keine gesichtet. Dafür Nummerntafel um Nummerntafel, die Hans mit stoischer Ruhe in seinen Computer eingibt. (Michael Möseneder/DER STANDARD - Printausgabe, 4.8.2009)

Wissen:

Hinterland statt StaatsgrenzeSeit Dezember 2007 gibt es die Ausgleichsmaßnahmen (AGM). Die Überlegung: Mit dem Beitritt der Nachbarstaaten zum Schengenraum soll nicht mehr an den Grenzen, sondern im Hinterland kontrolliert werden. Die Haupteinsatzgebiete sind dabei die grenzüberschreitende Prostitution, die Kontrolle von Dokumenten beziehungsweise Personen und diverse Schwerpunktaufgaben. Damit sollen die regulären Polizeiinspektionen und Kripo-Dienststellen entlastet werden.

Wien bekam 100 dieser Beamten zugeteilt - von denen allerdings lediglich 75 wirklich im Einsatz sind, denn 25 von ihnen machen in den Polizeigefängnissen Dienst. Mit der neuen Soko Ost haben sie nicht direkt zu tun. Und im Gegensatz zu jener, die derzeit nicht einmal Strafmandate ausstellen darf, sind die AGM-Gruppen vollwertige Polizisten. (moe/DER STANDARD - Printausgabe, 4.8.2009)

 

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    Professionell ist nicht nur das Aufbrechen der Fahrzeuge - Autodiebe setzen auch Späher ein, um vor Kontrollen gewarnt zu werden.

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