Neuer Mordanschlag auf ungarische Romni

3. August 2009, 20:10
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Seit mehr als einem Jahr reißt die Angriffserie gegen ungarische Roma nicht ab, in der Nacht auf Montag wurde eine Romni in ihrem Haus erschossen, ihre Tochter überlebte schwer verletzt

Wien/Budapest - Es war gegen Mitternacht, als es "drei- oder viermal" laut knallte, erzählen die Bewohner des nordostungarischen Dorfes Kislétá am Tag danach. Bis zum Morgengrauen blieb es still, dann machte eine Angehörige der Opfer die grausame Entdeckung: Bisher unbekannte Täter waren in das Haus am Rande der Ortschaft eingedrungen und hatten die beiden Bewohnerinnen - eine 45-jährige Frau und ihre 13-jährige Tochter - niedergeschossen. Die Frau verstarb noch am Tatort, ihre Tochter schwebt weiterhin in Lebensgefahr. Der Fall sorgte in Ungarn umgehend für massives Aufsehen, denn bei den Opfern handelt es sich um Roma. Das Verbrechen dürfte sich somit in eine ganze Serie von brutalen Angriffen auf Angehörige der Minderheit einreihen.

Bisher forderten die Angriffe sieben Todesopfer. Der erste Anschlag erfolgte am 21. Juli 2008 unweit von Budapest, damals wurde noch niemand verletzt. Anfang November starben aber zwei Roma, als Unbekannte auf ihr Haus Molotowcocktails warfen und das Feuer eröffneten. Am 18. November wurden zwei weitere Roma ermordet, diesmal schmissen die Täter eine Handgranate in das Haus der beiden im südungarischen Pécs.

Ende Februar 2009 folgte im zentralungarischen Tatárszentgyörgy der nächste Doppelmord: Unbekannte zündeten ein Haus an und erschossen einen Roma und seinen fünfjährigen Sohn, die sich vor den Flammen retten wollten.

Die ungarische Polizei gab am Montagnachmittag nur ein knappes Kommuniqué heraus, indem sie erklärte, dass es sich beim jüngsten Mord "wahrscheinlich" um eine Fortsetzung der Anschlagserie handelt. Umgehend wurde das Kopfgeld zur Ergreifung der Täter von bisher 50 auf 100 Millionen Forint (ca. 380.000 Euro) erhöht. Ansonsten drangen wenige Informationen an die Öffentlichkeit: Die Täter haben nach Medienberichten die Tür des Hauses eingetreten und eine Schrotflinte benutzt.

Keine Spur von den Tätern

Obwohl die ungarische Polizei im November 2008 eine Sonderkommission zur Aufklärung der Roma-Morde eingesetzt hat, der nach Auskunft der Behörde 100 Beamte angehören, fehlt von dem Täter oder den Tätern bisher jede Spur.

Verschiedene Nichtregierungsorganisationen, wie etwa das in Budapest ansäßige European Roma Rights Center (ERRC), werfen der Polizei auch vor, besonders zu Beginn der Mordserie zu zögerlich agiert zu haben. So sei der Doppelmord an dem Vater und seinem Kind in Tatárszentgyörgy zunächst als Unfall gewertet worden, heißt es in einem ERRC-Bericht zur romafeindlichen Gewalt in Ungarn.

Der jüngste Mordfall schlägt jedenfalls auch schon politische Wellen. Die Liberalen (SZDSZ) forderten umgehend eine parlamentarische Sondersitzung. Auch sie wollen Informationen, warum die Arbeit der Sonderermittler bisher ohne Ergebnis blieb. (András SzigetvariDER STANDARD - Printausgabe, 4.8.2009)/

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