Auch Hitler kannte den Mythos von Wilhelm Tell

3. August 2009, 19:19
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Eine Doppelstrategie hielt den Krieg fern

Bern - Die Schweiz im Sommer 1940 - von Feinden umzingelt und militärisch klar unterlegen. In dieser Situation versammelte General Henri Guisan, der Oberkommandierende der Schweizer Armee, am 25. Juli 1940 seine Kommandanten zum Rapport auf der Rütli-Wiese am Vierwaldstättersee, der „Geburtsstätte der Schweizer Eidgenossenschaft". Dort, auf historischem Boden in den Innerschweizer Bergen, befahl er seinen Soldaten den Rückzug ins Réduit, in die Alpenfestungen und in den voralpinen Raum. Mit dem Rütli-Rapport und dem Rückzug ins Réduit belebte Guisan den Mythos von der wehrhaften Schweiz, die sich in den Bergen einigelt und der bösen Welt dort draußen trotzt, aufs Neue; und bis heute greifen vor allem konservativ-nationalistische Politiker immer wieder gerne auf diesen Mythos zurück.

Zwei schlechte Lösungen

„Nüchtern betrachtet, hatte die Schweiz damals nur die Wahl zwischen verschiedenen ungünstigen Lösungen", so der Militärhistoriker Rudolf Jaun von der ETH Zürich. „Denn mit dem Einmarsch der Deutschen in Frankreich fiel die erhoffte Unterstützung durch die französischen Truppen an der Westgrenze weg."

Mit anderen Worten: Entweder hätten Schweizer Soldaten von der Aare-Limmat-Stellung im Norden abgezogen und nach Westen verlegt werden müssen - was die Schweizer Verteidigungslinien gegen einen Angriff aus Deutschland geschwächt hätte. Oder man hätte, wie dies auch einzelne Bundesräte andeuteten, bedingungslos kapitulieren können. Als dritte Lösung blieb der Rückzug auf einen kleineren, leichter zu verteidigenden Teil des Territoriums in die Berge; man gab damit faktisch das bevölkerungsreiche Mittelland mit seinen Städten und Industriebetrieben auf, in der Hoffnung, einen allfälligen Angriff der Wehrmacht im Gebirge besser parieren zu können.

Verwundbarer Nachschub

„Hitler wusste, dass die Wehrmacht der Schweizer Armee hoch überlegen war, doch er hatte Respekt vor den Schweizer Schützen, die sich in den Alpen einem drohenden Einmarsch lange hätten widersetzen können", so Jaun. „Auch Hitler kannte den Mythos von Wilhelm Tell, dem treffsicheren und unerschrockenen Gebirgsschützen." Wichtiger noch: Die Schweizer hätten bei einem deutschen Angriff die Bahnverbindungen durch die Alpen gesprengt und damit die Achsenmächte an einem empfindlichen Punkt getroffen. Denn Italien war auf Rohstofflieferungen aus Deutschland angewiesen; und diese kamen nicht nur über den Brenner, sondern auch durch den Gotthard.

Eine intakte Schweiz, die zudem wirtschaftlich mit Deutschland kooperierte, war für Hitler nützlicher als ein möglicherweise verlustreicher Angriff auf die Schweizer Festungen im Alpenréduit. Für Professor Jaun ist deshalb aus heutiger Sicht klar: „Es waren sowohl militärische als auch wirtschaftliche und politische Gründe, die dazu beitrugen, dass die Schweiz verschont blieb. Früher hat man wohl die Rolle der Armee überschätzt; heute wissen wir, dass die Wirtschaftsbeziehungen der Schweiz mit den Achsenmächten ein zentraler Faktor waren." (kbo/ DER STANDARD Printausgabe, 4.8.2009)

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