Crossover Schweiz

Grollen in der Alpenfestung

3. August 2009, 19:15
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    foto: reuters/maffi

    Nicht nur mit „lebensnaher" Glorifizierung der Vergangenheit, auch mit solchen Veranstaltungen pflegen die Schweizer Streitkräfte ihr Image vor allem bei der jungen Bevölkerung: eine Armee-Modenschau in Luzern.

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    foto: schweizer fernsehen

    Fiktion:
    Dreharbeiten in der Alpenfestung, hier bei der Vorbereitung zum Artilleriegefecht.

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    foto: dpa / della valle

    Realität:
    Bewachter Eingang zum Artilleriewerk Schmockenfluh im Kanton Bern, einem von zahlreichen Bunkern der Alpen-festung.

Eine Fernsehserie trifft den wunden Punkt: Hatte die Schweiz im Zweiten Weltkrieg eine Alternative zur Strategie von Widerstand und Anpassung?

Bäuerin Corina Lüthi bäckt im Holzofen Brot und muss Windeln mit der Hand waschen. Soldat Schwizer müht sich damit ab, einen Knopf an seine Uniform anzunähen. Und Feldwebel Burri tadelt Soldat Heller, weil der schon wieder Bajonett und Gurt vergessen hat. Solcherart sind die Dramen, die derzeit das Schweizer Fernsehpublikum bewegen.

Alpenfestung - Leben im Réduit heißt die Vorabendserie, die seit einer Woche läuft und mit Marktanteilen um 50 Prozent recht gut „ankommt". 25 Freiwillige haben sich als „Soldaten" gemeldet zum Dienst am Vaterland, in der Artilleriefestung Fürigen bei Stansstad im Innerschweizer Kanton Nidwalden. Und die Frauen und Kinder spielen derweil einige Kilometer entfernt „Anbauschlacht" auf einem voralpinen Bauernhof bei Emmetten.

Geschichte als Unterhaltung

Das Schweizer Fernsehen will damit nach eigenem Bekunden versuchen, den Alltag von Schweizer Soldaten und ihren Angehörigen zur Zeit des Zweiten Weltkrieges aufzuzeigen. Neben Ausschnitten aus dem Leben der Soldaten in der Festung und der Familien auf dem Bauernhof zeigt das Fernsehen kurze Interviews mit Historikern und Zeitzeugen, mit Experten für das Uniformwesen in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts und mit Fachleuten für Kartoffelanbau im voralpinen Raum.

Die TV-Serie sorgt für Wirbel. Im Gegensatz zu früheren ähnlichen Serien, die zur Zeit der Pfahlbauer spielten oder das Leben in einem Internat simulierten, trifft sie den Nerv: Die Zeit des Zweiten Weltkrieges wird in der Schweizer Öffentlichkeit immer noch höchst kontrovers diskutiert.
„Unsägliche Kriegsleiden in Europa und auf der halben Welt waren Realität. Und das will nun die neue SF-Sendereihe den Schweizer Soldaten von damals in einer glorifizierenden Kostümshow in Erinnerung rufen", empörte sich ein Leserbriefschreiber und sprach von einem „absolut taktlosen Affront". Ein anderer hingegen fragte: „Wie naiv dürfen naive nachkriegsgeborene Historiker und Journalisten sein, wenn es darum geht, das Verhalten der verantwortlichen Kriegsgeneration zu kritisieren?"

Eine solche Fernsehserie könnte in keinem anderen Land der Welt gezeigt werden, sagte dazu der Schweizer Historiker Christoph Dejung im Schweizer Rundfunk. „Denn die Schweiz ist das einzige Land, in dem in der Erinnerung vieler die Zeit des Zweiten Weltkriegs positiv besetzt ist. Die Schweiz blieb in der Tat vom Krieg verschont, Tod und Zerstörung gab es nur jenseits der Schweizer Grenzen, von der Not von Millionen von Menschen merkte das Schweizer Volk damals wenig."
Nur darum, meint der Historiker, habe überhaupt erst der Mythos vom Réduit, von der wehrhaften Schweiz und der unbesiegten Schweizer Armee entstehen können.

Im Lande selbst sei man zusammengestanden und habe dank Wehrkraft und Gemeinschaftssinn die Bedrohung gemeistert - dieses Bild herrscht in der älteren Generation noch bis heute vor und wird von national-konservativen Politikern und von der Volkspartei (SVP) immer wieder gerne gezeigt.
Erst in den letzten 20 Jahren haben Historiker mit Erfolg begonnen, an diesem Mythos zu rütteln und ein realistischeres Bild zu zeichnen: Die Schweiz sei nicht allein dank militärischer Stärke, sondern auch wegen wirtschaftlicher Kooperation und politischer Anpassung an die Achsenmächte heil davongekommen, etwa indem sie ihre Grenzen vorübergehend auch für jüdische Flüchtlinge aus Nazideutschland schloss, ihre Industrie auch für Deutschland und Italien arbeiten ließ und ihre Bahnlinien durch die Alpen auch für den Transport von Rohstoffen von Deutschland nach Italien offen hielt.

„Rettet uns vor dem Réduit" titelte der liberale Zürcher Tages-Anzeiger und schrieb: „Eine authentische Schweizer Weltkriegsgeschichte ist viel mehr als eine Geschichte der Alpenfestung. Sie ist komplizierter, differenzierter und viel weniger romantisch als der Réduit-Mythos."

Nun wäre es wohl von einer dreiwöchigen Vorabend-Fernsehserie zu viel erwartet, diese komplexe Realität vollständig abzubilden. Denn die heutigen Laiendarsteller können die Bedrohung von 1940 gar nicht nachvollziehen: als die Schweiz nach dem unerwartet schnellen Fall Frankreichs von Feinden umzingelt und militärisch unzureichend gerüstet der potenziellen Bedrohung durch die deutsche Wehrmacht gegenüberstand. Das Schweizer Fernsehen hat deshalb auch eine Reihe von Dokumentarfilmen zum Thema eingeplant - die freilich zu später Stunde laufen und viel weniger Zuschauer erreichen. „Zur besten Sendezeit kommt der Mythos, erst um 23 Uhr die kritische Aufklärung", sagte dazu der Nationalratsabgeordnete Josef Lang. (Klaus Bonanomi aus Bern/ DER STANDARD Printausgabe, 4.8.2009)

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Al Berto
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11.8.2009, 15:55

gute postings hier.

die posterschaft ist wirklich gelebte info-demokratie (oder wie auch immer man das nennen mag).

Fernsicht
02
Antwort 1

Die Regierung der damaligen Schweiz mag Fehler gemacht haben. Dem deutschen Reich untergeordnet, hat sie sich nie - im Gegensatz zu Österreich. Und sie hat es fertig gebracht, dass die Schweiz weder besetzt noch zerstört wurde. Und dafür bin ich dankbar. Welche Mittel dabei eingesetzt wurden, ist zweitrangig, das Ziel zählt.
Was die jüdischen (und nicht jüdischen) Flüchtlinge anbelangt, so ist zu sagen, dass die Schweiz mehr Flüchtlinge aufgenommen hat, als jedes andere Land Europas (dies trotz begrenzter Ressourcen und rationierter Lebensmittel). Das Land Jahrzehnte später und im Wissen um den Ausgang der Geschichte zu kritisieren, damals nicht noch mehr Flüchtlinge aufgenommen zu haben, ist billig.

Homo Solodorensis
 
00
Mythen und Legenden - und eine Binsenwahrheit

Als Mitte der 1990er die Rolle der Schweiz im WWII hinterfragt wurde, ging es der Aktiv-Dienst-Generation buchstäblich an die Nieren:

Hatte der Vater seine Jugend auf sinnlosen Märschen zwischen Jura und Alpen verbracht, die Mutter als Röntgenschwester nicht vorhandene Flüchtlinge aus ganz Europa in Lagern betreut?

Waren Grossmutters Flüchtlingskinder gar keine und waren die internierten RAF-Piloten im Hotel von Tante Miggi in Klosters nur Feriengäste? War die Furcht vor einer Invasion für die Katz? Waren sie alle nur Marionetten in einem Ränkespiel?

Es gibt die objektive Geschichte der Historiker - und die subjektive derjenigen, die sie am eigenen Leib erfuhren. - Der Mensch hat gottseidank die Fähigkeit Vergangenes zu glorifizieren.

a klana indiana
37

als doppelstaatsbürger (ch und ö) schäme ich mich ob der eidgenössischen geschichtsaufassung und - interpretation;

die schweiz ist eines der wenigen länder, das aus unsagbarem leid die grundlage für seine wirtschaftliche erfolgsbasis geschaffen hat (stichwort "nazigold", "arisierte" wertgegenstände und geldmittel, die zwischen 1933 und 1945 in der schweiz angelegt wurden)

und noch heute schmaroziert die schweiz die halbe welt, indem sie steuerflüchtlingen ihre bankkonten offeriert und jegliche zwischenstaatliche aufklärung blockiert!

Neutraler
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Bitte machen sie ihrem Leiden ein Ende und

geben sie die schweizerische Staatsbürgerschaft ab: die Schweiz wirds überstehen...
Und das von ihnen zitierte "unsagbare Leid" hat die Schweiz jahrhundertelang nicht verursacht... im Gegenteil: seit anderthalb Jahrhunderten holen wir mit dem von den Spenden des Schweizervolks lebenden Roten Kreuz die kaputten Menschen aus den Trümmern und Elendszonen, die das Grossmachtsstreben überall auf der Welt hinterlässt.

Über das Schweizer Selbstverständnis in folgenden links:

http://www.zeit-fragen.ch/ausgaben/... itsimpuls/

http://www.zeit-fragen.ch/ausgaben/... denkweise/

Homo Solodorensis
 
01
Der kleine Indianer soll doch einfach ein paar Bücher lesen,

und sich dann in Ruhe entscheiden, welche Staatsbürgerschaft er abgeben soll. - Im Zweifelsfall diejenige des Landes, in dem es mehr Nazis, Kollaborateure und Konzentrazionslager gab.

aha15
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für so unsäglich einseitiges gedankengut müssen sie sich tatsächlich schämen.

was sie schreiben trifft natürlich auch zu. aber eben..

nbergmann
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und die schweiz das fette stachelschwein,

stecken wir am Rückweg ein. Ganz so ungefährdet war die Schweiz wohl nicht. Was macht der Mensch in der Not: Alles was recht und schelcht ist.

ewald berkmann1
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"krieg" wird jenen, die . . .

. . . ihren kopf dabei hinzuhalten haben immer als "kompliziert, differenziert und wenig romantisch" erklärt. eine aufarbeitung der schweizer (kriegs-)geschichte auf mehreren eben erfolgt macht sinn.

derweilen laufen jedenfalls in österreich noch tausende kriegsverbrecher und kriegsgewinnler herum.

an die arbeit!

Kontrahent1
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Haben Sie irgendwie

den Nürnberger Prozess, die Entnazifizierung der Besatzungsmächte und die zigtausenden Verurteilungen (auch Todesurteile) der österreichischen Gerichte übersehen ? Natürlich schlüpfen immer welche durch die Maschen des Gesetzes, aber entgegen anderen Kriegen (auch späteren) hat man hier doch wenigstens versucht, der Schuldigen habhaft zu werden.

mrheli
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Entnazifizierung war für nichts und der Nürnberger Prozess war ein reiner Schauprozess der Siegermächte! Die Urteile wurden vom deutschen Reich nichtmal anerkannt!
Zum Glück sind sie jetzt wieder weg die Amis und die Russen!

Kontrahent1
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Na, das wird die Gehenkten

des Nürnberger Tribunals aber beruhigen, daß ihre Verurteilung von Deutschland nicht anerkannt wurde. Auch jene zigtausend, welche in den Maschen der Entnazifizierung hängen blieben, von Karajan angefangen, werden sich wundern wenn Sie sagen, ihr Berufsverbot und Aberkennung der Bürgerrechte 'war für nix'.

Gaismair Michl
 
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Komisches Volk,

diese (deutsch-) Schweizer.

Jürgen Mayer
04
Interessanter Artikel

vielen Dank!

Neutraler
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Was die Fernsehserie in der Schweiz verschweigt:

Bei einem Angriff Hitlers hätte die Schweiz ihre im Reduit gelegenen Alpenflugplätze sofort für die Allierten Streitkräfte geöffnet: das wäre für Hitler gewesen wie die Landung in der Normandie, aber eine Front aus dem Herzen seines eroberten Reiches.

aha15
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wo haben sie denn sowas her?

Nick Tameer
01

Das kann man sich eigentlich - vorausgesetzt, die Schweiz hätte mit ihrem Heldentum Ernst machen wollen und hätte nicht doch eine rasche Kapitulation vorgezogen (nimmer! wird jeder schweizer Patriot jetzt zwar antworten, aber ich erinnere an das Jahr 1525) - an allen fünf Fingern abzählen. Dennoch: der tatsächliche Wert dieser strategischen Option ist, wäre wohl nicht ganz so hoch gewesen, wie es sich zunächst ausnimmt, wenn man die logistischen Probleme in Betracht zieht. Und nachdem die deutsche Luftwaffe einmal praktisch zerschlagen war, kam es ohnehin nicht mehr so darauf an.

Ich nehme an, Hitler wollte sich die Schweiz als Dessert aufheben. Vorläufig schien sie ihm keinen großen Kummer zu machen, später hatte er dann andere Sorgen.

steve low
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Totaler Quatsch!

Yossarian 0815
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:)
ah ja, und wie wäre das schwere Gerät der Allierten in die Schweiz gebracht worden?

PeterMehl
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herzen eines eroberten reiches?

palindromix ...
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ja klar

die allierten hätten ja *sicher* ohne monatelangevorbereitung sofort in die presche springen können. das entspricht einer haltung wie sie österreich hatte ("die" werden uns schon helfen wenn die russen kommen). wenn sie nachsehen würden wielange die operation d day geplant wurde (schiffe, pontons, infiltration, ausschalten der luftwaffe, versorgung (treibstoff, verpflegung, munition, nachschub), üben, ...)

Ava Tar
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wenn sie auch nachsehen würden^^

die im Rahmen des d-day auszuschaltende Luftwaffe bestand aus 2 (zwei) Jägern

ich denk der Nachschub an Hamburgern und Fritten war die größere Herausforderung, da haben Sie schon recht ;o)

palindromix ...
02
ja aber

aber vorher warens einige mehr - die luftwaffe wurde über monate gezielt im bereich normadie/bretagne dezimiert/liquidiert. das meine ich ja mit man kann nicht ohne vorbereitungen so eine schlacht beginnen. wer keine luftüberlegenheit hat, kann keine bodenoffensive/invasion starten.
naja, und die allierten hatten sicher nicht irgendwo 1500 spitfires, mustangs, flying fortresses, lancaster etc parkiert (plus die ganze logisitik - die schweit schwimmt ja im erdöl etc...), um schnell von heute auf morgen die schweizer flughäfen zu bedienen und deutschland von innen heruas anzugreifen.

Centurio
 
11
Die Schweizer sind nicht mehr zu retten

Neutraler
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Das Reduit ist kin Mythos: es war eine klug überlegte militärische Massnahme

Hitler hat zwei Staten nicht angegriffen: Schweden und die Schweiz. Beide waren in der Lage, Hitler eine glaubhafte Drohung entgegenzusetzen: Schweden drohte, bei einem Angriff, die Eisen- und Stahlhütten in die Luft zu jagen, und dann hätte Hitler sofort keine Panzer mehr bauen können.Er hätte damit sein Kriegsziel verfehlt.
Die Schweiz drohte, die verminten Alpentunnels in die Luft zu jagen und damit hätte Hitler die Transportmöglichkeiten nach Süden verloren. Man überliess ihm theoretisch das Schweizerische Mittelland mit den Städten: das machte die Drohung glaubhaft und hätte die Zivilbevölkerung vor Kriegshandlungen verschont. Aber da alle Produktionsstätten vermint waren, hätte er keine zusätzliche Rüstungskapazität gewonnen

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