"Natascha Kampusch ist keine Politikerin"

3. August 2009, 19:19
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Adamovich-Interviews polarisieren - Innenministerium hüllt sich in Schweigen

Wien - Die Frage, ob Ludwig Adamovich in Interviews mit Ö1 und der Kronen Zeitung zu Recht oder zu Unrecht über Kindheit und Zeit der Gefangenschaft Natascha Kampuschs spekuliert, spaltet Juristen und Experten. Ja, der Leiter der Evaluierungskommission in dem Entführungsfall habe das Richtige getan, meldete sich am Montag der Anwalt Georg Zanger zu Wort.

Denn immerhin, sagt Zanger, habe die Adamovich-Kommission den Auftrag zu klären, ob die Suche nach Mittätern oder Mitwissern des Entführers Wolfgang Prik-lopil nach dessen Selbstmord voreilig eingestellt worden sei. "Es wäre nicht das erste Mal, dass trotz Verdachts weitere Ermittlungen unterbleiben, weil die Sache als aufgeklärt gilt." Im Fall Omofuma etwa, wo Zanger die Ängehörigen des während der Abschiebung erstickten Nigerianers vertrat, sei es extrem schwierig gewesen, ein zweites Gutachten zur Todesursache durchzusetzen.

Öffentlich aus "Eigennutz"

In der Kronen Zeitung vertritt Adamovich zum Beispiel die "Hypothese", dass Kampuschs "Gefangenschaft allemal besser war als das, was sie davor erlebt hat ... zumal man weiß, dass ihre Mutter nicht gerade zärtlich mit ihr umgegangen ist". Mit derlei Spekulationen über Privates hat Zanger kein Problem. Die junge Frau sei nach ihrer Flucht aus Priklopils Gewalt "aus Eigennutz" an die Öffentlichkeit gegangen. Jetzt seien ihr solche Eröffnungen "zumutbar, so wie sie auch einem Politiker zumutbar sind", meint der Anwalt.

"Natascha Kampusch ist keine Politikerin, sondern war Opfer eines Verbrechens", widerspricht dem Medienanwalt Rainer Kornfeld. Also sei ihr "höchstpersönlicher Lebensbereich" laut Artikel 7 des Medienrechts zu schützen - ebenso wie jener ihrer Mutter Brigitta Sirny. Wobei - so Kornfeld - laut höchstgerichtlichen Entscheidungen, etwa zu veröffentlichten Fotos von Ex-Finanzminister Karl-Heinz Grasser und seiner Frau, "sogar das Privatleben von Politikern vor der Öffentlichkeit geschützt zu werden hat".

Keinen Grund, um auf Adamovichs Interviews zu reagieren, sieht man im Innenministerium, dem die Kampusch-Kommission untersteht. "Kein Kommentar", meint dazu Martin Brandstötter, Sprecher von Ministerin Maria Fekter (ÖVP). Vielmehr wartet man dort den neuerlichen Kommissions-Zwischenbericht ab, den Adamovich für "Ende August oder Anfang September" avisiert hat. Für Kampusch-Anwalt Gerald Ganzger ist das nicht akzeptabel: Das Innenministerium sei "auch für Adamovichs Öffentlichkeitsarbeit verantwortlich" - und die sei "derzeit alles andere als akzeptabel".  (Irene Brickner/DER STANDARD - Printausgabe, 4.8.2009)

Kommentar:

Fekter muss reagieren - von Irene Brickner

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    Sagt zu Adamovich derzeit nichts: Ministerin Maria Fekter.

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