Die Spendenaffäre machte Merkel groß

3. August 2009, 18:59
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Als Generalsekretärin emanzipierte sich die heutige Kanzlerin von Kohl und Schäuble

Eine Schrecksekunde dürfte die deutsche Kanzlerin Angela Merkel in ihrem Südtirol-Urlaub schon gehabt haben, als sie von der Ankunft Karlheinz Schreibers in Deutschland erfuhr. Doch ein paar nostalgische Erinnerungen werden wohl auch dabei gewesen sein. Denn ihre beispiellose Karriere verdankt Merkel eigentlich Schreiber. Ohne ihn hätte es keine Spendenaffäre gegeben. Und ohne Spendenaffäre wäre wohl der heutige Innenminister Wolfgang Schäuble Nachfolger von Helmut Kohl an der CDU-Spitze gewesen, nicht bloß „Kohls Mädchen aus dem Osten".

Denn als die Spendenaffäre im November 1999 über die CDU hereinbricht und die Welt vieler Mitglieder und Wähler zusammenbrechen lässt, da behält in all dem Chaos vor allem eine die Nerven: Die unbelastete Generalsekretärin Merkel, damals 45 Jahre alt.

Doch Merkel hat nicht nur das Wohl der Partei im Auge, sondern auch die eigene Karriere. Sie weiß, dass die Parteispendenaffäre nicht alleine den CDU-Ehrenvorsitzenden Helmut Kohl schwer beschädigt, sondern auch den damaligen CDU-Vorsitzenden Wolfgang Schäuble, denn auch er hat Geld von Schreiber genommen.

Anfang Dezember stellt sich Merkel an die Spitze derer, die das Unfassbare aufklären wollen und betont: „Jeder Versuch, jetzt bestimmte Dinge nicht zu sagen, führt nur dazu, dass irgendwann wieder etwas ans Licht kommt. Wir müssen das jetzt aushalten." Und Richtung Kohl fordert sie: „Ich fände gut, wenn er alles tut, was er zur Aufdeckung beitragen kann." Kohl aber denkt überhaupt nicht daran, er behält die Namen der Spender für sich. Daran hat sich bis heute nichts geändert.

Merkel erhöht den Druck und spricht zunächst von der „Enttäuschung der Bürger". Am 22. Dezember schließlich erscheint in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung ein Gastbeitrag, indem sie mit Kohl bricht. „Die Partei muss also laufen lernen, muss sich zutrauen, in Zukunft auch ohne ihr altes Schlachtross, wie Helmut Kohl sich oft selbst gerne genannt hat, den Kampf mit dem politischen Gegner aufzunehmen. Sie muss sich wie jemand in der Pubertät von zu Hause lösen, eigene Wege gehen", schreibt Merkel.

Derart offene Worte haben viele von Parteichef Schäuble erwartet, aber der schafft es nicht, was seinem Ansehen zusätzlich schadet. Merkels Lohn: Im Jänner 2000 legt Kohl den CDU-Ehrenvorsitz nieder, im Februar 2000 tritt Schäuble als Parteichef zurück. Merkel übernimmt im April und ist dem Kanzleramt einen Riesenschritt näher gekommen. (bau/ DER STANDARD Printausgabe, 4.8.2009)

 

 

 

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    Dramatische Tage im Jahr 1999: "Generalin" Merkel räumt mit Kohl (li.) und Schäuble auf.

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