Neue Hilfe im "Stellvertreterkrieg"

3. August 2009, 18:51
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Familienrichter sind sich sicher: Bei eskalierenden Scheidungsverfahren wird der Kinderbeistand helfen können

Am liebsten würden sie diese Fachkraft, die rein auf das Kindswohl achten soll, wohl gar nicht verordnen müssen.

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Wien - Der Vater ist überzeugt, die Mutter mache alles, um Treffen mit dem zehnjährigen David zu verhindern. Er stellt einen Antrag auf gerichtliche Regelung des Besuchskontaktes. Die Mutter will gar keine Besuche mehr zulassen. Und was will der Bub? Peter Barth hat in seinen zwei Jahren als Familienrichter im Bezirksgericht Wien-Liesing schon einiges erlebt. Mindestens zehnmal hat er einen Kinderbeistand angeordnet - so auch in diesem Fall. Der Sohn hatte an den Vater erst einmal viele Fragen - über sich selbst. So wollte David von seinem Vater wissen, was sein Lieblingsfilm ist (Zorro), wer seine beste Freundin ist (Karin) oder wie viele Hasen er denn sein Eigen nennt (drei).

Und David erklärte seinem Vater über den erwachsenen Vermittler, warum er „eine so große Wut wie das ganze Universum" auf ihn hat - Gründe wie: Versprechen nicht gehalten, nie Zeit gehabt.
Peter Barth war einer der Richter, die am Pilotprojekt zum Kinderbeistand teilgenommen haben, das jetzt (siehe nebenstehenden Artikel) generell umgesetzt werden soll. „Obsorge- wie auch Besuchsrechtsfälle sind oft einfach nur Stellvertreterkriege", sagt Barth. Er habe immer dann, „wenn die Eltern völlig festgefangen in ihrem Konflikt sind, eingegriffen". 20.000 Obsorgeverfahren gibt es etwa pro Jahr, das Justizressort schätzt, dass rund 600 derart dramatisch verlaufen, dass ein Kinderbeistand, also eine sozialpädagogisch ausgebildete Person, die nur auf die Rechte des Kindes achtet, gerufen werden müsse. „Es gibt Zeiten im Jahr, wo es stärker eskaliert, etwa Weihnachten. Von ältere Kollegen habe ich auch gehört, dass das generell zunimmt", sagt Barth.

Positive Erfahrungen hat man auch im Verein Rainbows, der sich auf die Beratung von Scheidungskinder spezialisiert hat, gesammelt. In den zwei Jahren des Testlaufs sind Mitarbeiter alleine in Salzburg 34-mal angefordert worden, 49 Kinder wurden begleitet. Dagmar Bojdunyk-Rack, Geschäftsführerin des Bundesvereins, nennt den oft gehörten Hauptwunsch der Kinder: Die Eltern sollen aufhören zu streiten. „Bereits die Bestellung einer nicht involvierten Person bewirkte bei den Eltern oft einen Aufrüttelungsprozess", sagt sie - trotz des „hohen Konfliktniveaus" der Eltern. Eines weiß auch sie nicht: wie lange die Vereinbarungen halten. „Da gibt es einfach noch keine Daten", sagt Bojdunyk-Rack. Richter Barth ist da pragmatisch: „Ich bin froh, wenn ich nichts mehr höre. Denn dann hat der Vergleich wohl geklappt." 

Die Familienrichter warnen vor zu viel Euphorie. Der Beistand sei „kein Wundermittel", sagt Doris Täubel-Weinreich, die in der Richtervereinigung die zuständige Fachgruppe leitet. Als warnendes Beispiel nennt sie das „begleitete Besuchsrecht", also wenn eine von Gericht bestellte Person bei Besuchen eines Elternteils anwesend ist. „Da hat sich gezeigt: Je bekannter diese Möglichkeit ist, desto mehr wird sie genutzt", sagt die Richterin. Zwar werde das Budget - derzeit 600.000 Euro - immer wieder erhöht, reichen würde es nicht: „Wenn das Kontingent ausgeschöpft ist, gibt es das Angebot nicht mehr. Oder man zahlt es selbst." Mit mehr als 40 Euro die Stunde müsse gerechnet werden. „Das wird auch das Problem des Kinderbeistands werden", fürchtet die Richterin. Laut Gesetzesentwurf werden zwar in erster Linie die Eltern zur Kasse gebeten, bei Verfahrenshilfe zahlt aber der Staat. „Es werden sich viele melden", ist sie überzeugt. Trotzdem sei der Beistand eine Verbesserung: „So kann man den Druck ein bisserl von den Kindern nehmen.

Im Fall des zehnjährigen David, der seinen Vater nicht mehr traf, zeigten sich die Eltern anfangs geschockt. Es wurde zuerst ein begleitetes Besuchsrecht vereinbart, der Vater gab sich zuversichtlich, bald seinen Sohn allein treffen zu können - zumindest ist das ein Anfang. (Peter Mayr, DER STANDARD, Printausgabe, 4.8.2009)

  • Wenn Mutter und Vater nur mehr streiten, alle Lösungswege versperrt
scheinen: Künftig kann das Gericht einen Experten bestellen, der sich
einzig und allein auf die Seite der Kinder stellen soll.
    foto: standard/corn

    Wenn Mutter und Vater nur mehr streiten, alle Lösungswege versperrt scheinen: Künftig kann das Gericht einen Experten bestellen, der sich einzig und allein auf die Seite der Kinder stellen soll.

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