Reflexionen im Revolutionszimmer

3. August 2009, 18:11
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Opernpremiere Luigi Nono: In Salzburg erlebt man eine opulente Umsetzung des anspruchsvollen Musiktheaters mit filmischen Mitteln

Salzburg - Erheblicher Aufwand in der Felsenreitschule: Wo einst Gounods Romeo et Juliette den Kommerzgipfelpunkt der Salzburger Operndramaturgie von Jürgen Flimm markierte, soll nun mit der klassischen Moderne im Großformat wohl auch ein bisschen Imagekorrektur betrieben werden. Hinfort wird wohl jeder Vorwurf einer zu seichten Salzburger Programmierung mit dem Argument abgeschmettert werden, man habe doch damals, 2009, Luigi Nono gebracht - und auch die Wiener Philharmoniker seien den Festspielen gagenmäßig entgegengekommen, damit dieses große Erinnerungsstück revolutionärer Vorgänge ermöglicht werden konnte.

Quasi eine Gondel

Al gran sole carico d'amore ("Unter der großen Sonne, mit Liebe beladen") ufert gleichsam räumlich aus: Die Philharmoniker agieren in einer Art Gondel, was mit zunehmender Distanz zu ihrem Dirigenten Ingo Metzmacher eine stufenartige Erhöhung mancher Bläser und Streicher ergibt, während an der linken und rechten Wand der Felsenreitschule percussive Gruppen agieren. In erheblicher Entfernung dazu, am rechten Teil der Bühne, fungiert die Konzertvereinigung Wiener Staatsopernchor als gestisch mitunter eingreifende uniforme Masse. 

Links vom Chor aber das szenische Zentrum: Fünf Zimmerchen beherbergen fünf Frauen, deren Aktionen in Echtzeit abgefilmt und auf eine riesige über dem Chor postierte Leinwand projiziert werden. Es ist natürlich keine lineare Geschichte, die sich hier entfaltet - eine solche existiert auch nicht in diesem komplexen Werk.
Nono hat im Grunde eine Collage aus Texten von Lenin, Marx, Brecht, Gorki, Che Guevara und Pavese erstellt und dabei reale und fiktive Frauenfiguren ins Zentrum seiner "azione scenica" gerückt.

Fünf Frauen der Revolution

Die britische Regisseurin Katie Mitchell verdichtet zusätzlich: Ihr multimedialer Zugriff kreist um Louise Michel (1830 - 1905), die Barrikadenstürmerin der Pariser Commune und Tania Bunke (1937 - 1967), Mitkämpferin von Che Guevara. Zudem sind da noch eine russische und eine italienische Mutter - und die Prostituierte Deola. Nur eine kleine Rahmenhandlung führt die Regie ein. Eine sechsten Frauenfigur, die nur filmisch in Aktion tritt und dabei ein aufgelassenes Museum der Revolutionen (mit Erinnerungstücken und Dokumenten) durchwandert. Die Bilder, die filmisch aufleuchten, sind frei von historischen Dokumenten oder die Revolutionen begleitenden Tumulten. Hier geht es um stille Momente der Figuren, die gleichsam in einem existenziellen Wartezimmer Zustände innerer Unruhe durchleben und sich mit alltäglichen Verrichtungen abplagen.

Da die Filmleinwand nicht weiß, sondern gräulich-fragmentiert wirkt, scheint sie die Filmszenen quasi zu übermalen. Die vor allem kontemplativen, Einsamkeit betonenden Momente erlangen so mitunter selbst das Flair gefundener Filmdokumente einer verflossenen Zeit, wirken wie Erinnerungsstücke, die in turbulenten Zeiten ein Licht auf Momente der Introspektion werfen: als eine Art "Backstage"-Reportagen zu Figuren der Revolution. 

Wie immer allerdings bei der Begegnung von Filmischem und Musikalischem siegt die Optik. Nonos Musik mit ihrer ungeheueren Bandbreite zwischen eruptiver Brutalität und feinster Klangsinnlichkeit mutiert bisweilen zum Soundtrack, wo sie doch genügend Ausstrahlung hätte, um die Hauptrolle zu spielen.
Immerhin: Die tadellosen Vokalistinnen, welche die Frauenfiguren repräsentieren, gehen als Sprachrohr der Filmfiguren nicht unter, transportieren jene Emotionalität der Filmcharaktere ausreichend deutlich. 

Szenisch bleiben sie diskret: Vor Vitrinen postiert, in denen besagte Erinnerungstücke lagern, ziehen die Sängerinnen Handschuhe an und nehmen Gegenstände aus den Regalen. Das wars.

Ingo Metzmacher und den Philharmonikern ist kein Vorwurf zu machen. Sie liefern einen auratisch-prägnanten Sound, der auch im Eruptiv-Aggressiven kultiviert bleibt. Die eigene Klangkultur wirft man ja nicht so leicht über Bord. (Ljubiša Tošiæ, DER STANDARD/Printausgabe 4.8.2009)

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    Szenen des Wartens und der Einsamkeit: Die britische Regisseurin Katie Mitchell sucht Nonos "Al gran sole carico d'amore" mit filmischen Mitteln zu fassen.

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