"Die Taktik der ETA ist ein kolossaler Fehler"

3. August 2009, 18:44
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Der geläuterte ETA-Mitgründer Julen Madariaga erklärt, warum der bewaffnete Kampf im Baskenland keine Zukunft hat

"Was in der Vergangenheit positiv war, hat sich gegen uns gewandt", sagt Julen Madariaga. Vor fünfzig Jahren hat der heute 77-Jährige die baskische Separatistenorganisation ETA mitgegründet und sich 1989 vom bewaffneten Kampf gegen den spanischen Staat abgewandt. derStandard.at hat den zurückgezogen lebenden Mann in seinem Haus auf der französischen Seite der Grenze erreicht. Im Interview erklärt er, warum der Kampf seiner früheren Gefährten im Jahr 2009 sinnlos geworden ist.

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derStandard.at: Am Freitag jährte sich die Gründung der ETA zum 50. Mal. Davor gingen in Burgos und auf Mallorca Bomben hoch. Welche Gefühle verbinden Sie mit der Geschichte der Organisation?

Julen Madariaga: Dass sich die ETA im Jahr 2009 noch des bewaffneten Kampfes bedient um politische Ziele zu erreichen, halte ich für kontraproduktiv. Für die baskische Sache hat das überhaupt keinen Sinn mehr. Im politischen Kontext von vor zwanzig oder fünfundzwanzig Jahren brachte der bewaffnete Kampf unseren Interessen noch etwas. Diese Situation hat sich nach und nach geändert. Das baskische Volk, das früher hinter der ETA gestanden ist, trägt den bewaffneten Kampf heute nicht mehr mit. Ich denke, dass man zu jeder Zeit den Mehrheitswillen der baskischen Bevölkerung berücksichtigen muss. Dass die ETA den bewaffneten Kampf noch immer weiterführt, wirkt sich auf die Interessen aller Basken negativ aus und schadet der baskischen Sache.

derStandard.at: Warum sind Sie 1989 aus der ETA ausgestiegen?

Julen Madariaga: Die Methoden der ETA hatten sich geändert. Man ist dazu übergegangen, willkürliche Attentate zu verüben, Sprengfallen und Autobomben zu verwenden, um etwa einen Wagen der Guardia Civil zu treffen. Ich sage immer wieder: ein Auto hat weder Augen noch Ohren, es sieht nicht, ob ein Polizist oder eine alte Frau zufällig in dem Moment vorbeigeht, wenn der Sprengstoff explodiert. Diese Methode ist natürlich viel praktischer und weit weniger riskant, als wenn das Kommando selbst vor Ort ist. Ich bin aber der Meinung, dass man Risiken in Kauf nehmen muss, wenn man tödliche Fehler verhindern will, etwa, dass Zivilisten, Kinder und alte Leute aus dem Leben gerissen werden.

derStandard.at: Warum haben Sie ihre Kraft auf die politische Arbeit verlagert?

Julen Madariaga: Nach einem Attentat gewinnen bei Wahlen in unserem Land und in ganz Spanien immer die Feinde, also die politischen Gegner wie die Sozialisten, vor allem aber der PP (Partido Popular, konservative Volkspartei, die bis 2004 den Regierungschef Aznar stellte, Anm.) Stimmen und Sitze dazu. Man muss sich fragen, ob es der baskischen Sache, also der Unabhängigkeitsbewegung, wirklich dient, wenn die Zahl der baskischen Abgeordneten links und rechts ständig sinkt und der politische Gegner immer stärker wird. Die Taktik der ETA in den vergangenen zwanzig Jahren ist ein kolossaler Fehler. Was in der Vergangenheit positiv war, hat sich gegen uns gewandt. Das konnte ich nicht mehr mittragen.

derStandard.at: "Txillardegi", ihr Mitstreiter aus der Gründungszeit der ETA, ist schon 1966 ausgestiegen. Warum haben Sie sich dem bewaffneten Kampf so viel später entsagt?

Julen Madariaga: Txillardegi war viel enthusiastischer als ich, darum war sein Ausstieg für mich wie ein Stoß vor den Kopf. Vielleicht lag es daran, dass er ein sensiblerer Charakter als ich war und den Druck weniger gut verkraftet hat. Kurz gesagt, er hat viel schneller auf die Situation reagiert als ich. Ich habe mich danach auf den Aufbau von Aralar (nationalistische baskische Partei, die Gewalt ablehnt, Anm.) konzentriert, deren Ziele sich weder von jenen der Herri Batasuna (inzwischen verbotener politischer Arm der ETA, Anm.) noch der ETA prinzipiell unterscheiden: die Wiederherstellung der verlorenen nationalen Unabhängigkeit und Einheit unseres Landes. Die Methoden sind aber komplett unterschiedlich.

derStandard.at: Finden Sie, dass Sie diesem Ziel näher gekommen sind?

Julen Madariaga: Ich denke nicht. Man muss sich fragen, warum die ETA noch Anschläge durchführt, wenn die politischen Akteure, die die baskische Unabhängigkeit in der Vergangenheit massiv unterstützt haben, sich immer mehr von diesem Ziel abwenden. Das stärkt die zentralistischen Kräfte in Spanien und Frankreich.

derStandard.at: Wie kann der Konflikt beendet werden?

Julen Madariaga: Bei aller Kritik an den Methoden der ETA habe ich auch in den spanischen Staat nicht viel Vertrauen. Man muss die Strategie der Regierung betrachten, egal ob es sich um eine konservative oder eine sozialistische Führung handelt. Seit dem letzten Versuch des Verhandelns konzentriert man sich dort auf eine militärische oder polizeiliche Lösung des Konflikts mit der ETA. Immer wieder hört man von dort, dass sie diese ausschließlich durch militärische Mittel und durch die Polizei "besiegen" wolle. Das ist in meinen Augen der große Fehler der Spanier. Dabei wäre es viel wichtiger, dass Spanien, Frankreich und die ganze Welt jene baskischen Kräfte unterstützen, die nicht kämpfen, sondern auf politischer Ebene arbeiten. Der einzige Weg, die baskische Frage endgültig zu klären, führt über Verhandlungen. Und das sollte besser früher als später passieren, denn so könnte man viele Tote und viel Leiden verhindern.

derStandard.at: Denken Sie, dass der bewaffnete Kampf bald beendet wird?

Julen Madariaga: Diese Frage müssen Sie der ETA stellen. Ich persönlich habe den Eindruck, dass die ETA den Kampf in kleinen Schritten aufgeben wird. Einfach deshalb, weil sie die Unterstützung immer größerer Teile der baskischen Bevölkerung und darüber hinaus verliert. Jene Mitglieder der ETA, die ihre Idee konsequent verfolgen, sollten das erkennen und ihren bewaffneten Kampf beenden. Leider glauben viele noch immer, dass Gewalt ein wirksames Mittel ist, die Unabhängigkeit des Baskenlandes zu erreichen. (Florian Niederndorfer, derStandard.at, 3.8.2009)

Zur Person:

Julen Madariaga (77) hat gemeinsam mit Mitstreitern 1959 die baskische Separatistenorganisation ETA gegründet. Er verbrachte als Kind während des spanischen Bürgerkriegs lange Jahre in Chile und studierte nach seiner Rückkehr nach Europa in England Jus. 1989 stieg Madariaga aus der ETA aus, wechselte zur nationalistischen Baskenpartei Herri Batasuna und gründete in den 90er-Jahren die pazifistische Aralar-Partei. Madariaga lebt nach langen Gefängnisaufenthalten, zuletzt 2006, heute als Vater von zehn Kindern im Dorf Ainhoa im französischen Teil des Baskenlandes.

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    ETA-Mitgründer Madariaga: "Um unsere Ziele zu erreichen, muss man auf die gesellschaftliche Mehrheit hören."

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