Streit um "Wortwahl" im Fall Kampusch

2. August 2009, 20:04
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Streit zwischen Kampusch-Anwalt Gerald Ganzger, und Ludwig Adamovich entbrannt - Wegen des Wortes "pikant" und einem "Kronen Zeitung"-Interview

Innenministerin Maria Fekter solle die aktuellen Medienberichte über den Fall Kampusch genau studieren, meint Gerald Ganzger, Anwalt des Entführungsopfers. Dabei solle sie den Wortmeldungen des Leiters der Evaluierungskommission, Ludwig Adamovich, besonderes Augenmerk schenken. Denn: "Die jüngsten Äußerungen Adamovichs sind mehr als entbehrlich, seine Wortwahl ist entlarvend", sagt Ganzger im Standard-Gespräch.

Im Innenministerium, dem die Evaluierungskommission untersteht, möge man daher überlegen, ob Derartiges der Sache dienlich sei. Am Freitag hatte die Kommission entschieden, dass in dem Entführungsfall weiterermittelt werden soll.

Anlass des Streits sind Aussagen Adamovichs in Ö1 und in der Kronen Zeitung (siehe "Zitiert"). In den Einvernahmeprotokollen mit Kampusch nach deren Flucht aus achtjähriger Gefangenschaft bei ihrem Entführer Wolfgang Priklopil stehe "ja so gut wie überhaupt nichts Pikantes drin", hatte der ehemalige Verfassungsgerichtshofpräsident im Radio gesagt. Die Äußerungen Adamovichs wurden in der Folge von anderen Medien übernommen.

In Zusammenhang mit der langjährigen Entführung eines Kindes sei "das Wort 'pikant' inakzeptabel", meint Ganzger dazu: "Was hat Adamovich denn erwartet?"

Weitgehende Spekulationen 

Auch die Spekulationen des Evaluierungskommissionsleiters in der Kronen Zeitung, wie Kampusch die Gefangenschaft überstanden hat, sind seiner Ansicht nach überbordend: "Das geht über ein allfälliges Informationsbedürfnis der Bevölkerung hinaus", sagt der Jurist, der auch den News-Verlag vertritt. Zudem sorgt die Ankündigung eines ausführlichen Interviews mit Adamovich in der Kronen Zeitung am kommenden Sonntag für Nervosität.

Doch Adamovich steht zu seinen Aussagen. Diese, so betont er im Gespräch mit dem Standard, habe er "nicht ins Blaue hinein gemacht". Vielmehr gebe es in den Einvernahmeprotokollen und darüber hinaus "gewisse Anhaltspunkte", denen man nachgehen müsse.

Zwar sei "das Ganze eine überaus heikle Geschichte, in der eigentlich jedes Wort eines zu viel ist", doch wenn es Hinweise auf Mittäter Priklopils gebe, "so ist dem nachzugehen. Das hat nichts mit der Person Natascha Kampusch zu tun".

Die heute 21-Jährige war 1998 entführt worden, acht Jahre später gelang ihr die Flucht aus der Gewalt Wolfgang Priklopils. Dieser beging noch am selben Tag Selbstmord.(Irene Brickner, DER STANDARD; Printausgabe, 3.8.2009)

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    Evaluierungskommissionsleiter Ludwig Adamovich nimmt Medienvertretern gegenüber im Fall Kampusch kein Blatt vor den Mund.

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