Neidkomplex gegen wohl erworbene Rechte?

2. August 2009, 19:19
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Nachtrag zur Pensionskassen-Debatte - Von Anton Schwarz

Hans Winkler, Exchef der Wien-Redaktion der "Kleinen Zeitung", hatte Standard-Gastkommentator Anton Schwarz vorgeworfen, mit seinen Argumenten noch der "Traumwelt der Verstaatlichten Industrie" verhaftet zu sein (15./20. 7.).

Winklers "Korrekturen" enthalten leider eine Reihe von Unkorrektheiten. Die von mir erwähnten Pensionszusagen von bis zu 80 Prozent des Letztgehalts gab es nicht nur in der Verstaatlichten Industrie und in staatsnahen Unternehmungen, sondern auch im Banken- und Sparkassensektor und in vielen "privaten" Großbetrieben wie IBM oder ITT/Alcatel, um nur zwei davon zu nennen.

In den 60er- und 70er-Jahren herrschte ein großer Facharbeitermangel. Um Facharbeiter rekrutieren zu können oder deren Abwerbung zu konterkarieren, da diese in der Privatwirtschaft zum Teil einiges mehr verdienen konnten, als in der Verstaatlichten, hat man die Facharbeiter mit dem Versprechen eines sicheren Arbeitsplatzes und einer höheren Pension als Ausgleich für niedrigere Gehälter "geködert". Es war dies also kein "Privileg", sondern ein vertraglicher Gehaltsbestandteil.

Während der Verstaatlichtenkrise in den späten 80er- und frühen 90er-Jahren wurden diese Versprechungen zurückgenommen, es kam zu Kündigungen, und die Pensionisten wurden mit vergleichsweise minimalen Pauschalbeträgen abgefunden. Bei Werkmeistern oder Chemiefacharbeitern waren das circa 400-500 Euro monatlicher Verlust, die durch keine Lebensversicherung garantiert waren. Die "Traumwelt" war also schon vor 20 Jahren zu Ende. Getroffen hat es in erster Linie die "Kleinen", denn das Management hatte Vertragpensionen, deren Auszahlung ausjudiziert wurde.

Aus diesen Ereignissen heraus entstand die Idee der Auslagerung bestehender "Zusagen" in ein von der betrieblichen Entwicklung unabhängiges "Sondervermögen", nämlich in die Pensionskassen. Die für die Arbeitnehmer damit verbundenen Schlechterstellungen habe ich in meinem Beitrag ausführlich dargestellt.

Es ist immer wieder traurig, dass in Österreich dann, wenn jemand seine vertraglich zugesicherten Rechte einfordert, auf denen er seine Lebensplanung aufgebaut hat, mit dem Neidkomplex reagiert wird. Was im Falle von Dr. Winkler umso erstaunlicher ist, wenn ich bedenke, dass meine Studienkollegen, die in Medienunternehmen Leitende Redakteure / Ressortleiter wurden, über mein Abteilungsleitergehalt nur lächeln konnten. Anton Schwarz, DER STANDARD, Print-Ausgabe, 3.8.2009)

Anton Schwarz ist Exbetriebsratsobann, 1210 Wien

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