Ungesühnte Verbrechen als neues altes Thema

2. August 2009, 18:48
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Debatte um Koalitionsfähigkeit der unreformierten tschechischen Kommunisten

Im November wird sich zum 20. Mal der Machtverlust der Kommunisten in der damaligen Tschechoslowakei jähren. Doch die Frage, wie es die tschechischen Kommunisten mit ihrer Vergangenheit halten, ob sie sich ausreichend vom Terror während der Zwangskollektivierung oder von den Schauprozessen der 1950er-Jahre distanziert haben, steht weiter im Raum.

Neuen Diskussionsstoff liefert der tschechische Film "Klíèek" ("Schlüsselchen"), der Mitte August in die Kinos kommt. Es handelt sich um eine Fiktion, bei der ein Liebespaar sich auf eine Zeitreise in die 1950er-Jahre begibt. Es ist die Zeit der kommunistischen Schauprozesse. Die beiden landen im Gefängnis im südmährischen Uherské Hradiste (Ungarisch Hradisch) und werden dort unter anderem vom äußerst brutalen und gefürchteten Ermittler Alois Grebeníèek verhört und misshandelt.

Dessen Sohn, der frühere Parteichef der unreformierten tschechischen Kommunisten, Miroslav Grebeníèek, der in der Partei den orthodoxen Flügel vertritt und immer noch als äußerst einflussreich gilt, hat mit Empörung auf den Film reagiert. Er will nicht nur die Autoren des Streifens verklagen, sondern auch ein Buch über seinen Vater verfassen und dessen seit Jahren "verzerrtes Bild zurechtrücken". Tatsache ist, dass Grebení-èek sen. sich nach der Wende trotz Eröffnung eines Verfahrens 1997 nie der Justiz stellen musste. Er starb 2003.

Dieses und andere Beispiele zeigen, dass die früher bei den Kommunisten nur unter vorgehaltener Hand betriebene Relativierung der kommunistischen Verbrechen innerparteilich mittlerweile zunehmend mehrheitsfähig geworden ist. Davon zeugt auch der stille Aufstieg von Marta Semelová. Die 49-jährige Prager Geschichtslehrerin machte vor Jahren erstmals auf sich aufmerksam, als sie sich weigerte, in ihren Stunden die kommunistischen Verbrechen anzusprechen. Dafür wurde ihr später die Lehrbefugnis entzogen. Seit geraumer Zeit ist sie allerdings Chefin der Prager Stadtpartei. Bei den Parlamentswahlen ist sie Listenzweite.

Brisant wird das Thema insbesondere wegen dieser Wahlen. Die bürgerlichen Parteien wollen einen Lagerwahlkampf führen und hoffen den Rückenwind von "1989" für eine Wählermobilisierung der Wähler nutzen zu können. Die Sozialdemokraten beeilten sich nach der Polemik um "Klíèek" zu erklären, im Falle eines Wahlsiegs im Oktober nicht mit den Kommunisten gemeinsame Sache machen zu wollen - wegen deren mangelnder Distanzierung von ihrer Vergangenheit. Ob dies auch für die Zeit nach den Wahlen gilt, bleibt dahingestellt. Schließlich regieren die Sozialdemokraten seit Herbst 2008 in einigen Regionen entweder offen oder im Rahmen eines Tolerierungsabkommens mit der KP. (Robert Schuster aus Prag/DER STANDARD, Printausgabe, 03.08.2009)

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    Mit einem Porträt des stalinistischen Parteichefs Klement Gottwald demonstrierten KP-Anhänger 2008 in Prag.

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