"So Großkopferte gibt es nicht"

2. August 2009, 18:41
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    foto: standard/corn

    Gutsverwalter Maximilian Hardegg sieht Landwirte mit beiden Beinen auf dem Boden stehen - "weil innerhalb einer halben Stunde eine Ernte vernichtet sein kann."

Der Landwirt Maximilian Hardegg verteidigt die EU-Agrarförderungen und hält den Ausbau der Landwirtschaft für notwendig

Standard: Sie sind als Großgrundbesitzer ein typischer Vertreter der besitzenden Klasse, um es ein bisserl marxistisch zu formulieren. Was halten Sie vom Kapitalismus?

Hardegg: Also das Wort Kapitalismus, besonders der Kapitalist, ist für mich sehr negativ besetzt. Es geht um die soziale Marktwirtschaft, um das System, das wir seit dem Zweiten Weltkrieg entwickelt haben mit dem Mittelpunkt Konsument und dessen Kaufkraft. Und da ist die Landwirtschaft ein ganz wichtiger Anknüpfungspunkt: Bei den meisten europäischen Haushalten sind die Ausgaben für Nahrung sehr gering geworden. Das ist eindeutig ein Hinweis, dass im Budget für andere Dinge Platz gemacht wurde: für Bildung, Mobilität, Reisen. Das ist eindeutig eine Errungenschaft, die auf das Konto der Landwirtschaft geht.

Standard: Die aber auch ausreichend gefördert wird.

Hardegg: Diese Diskussion wird einseitig geführt, besonders jetzt, da es ab 2013 eine neue Periode für die EU-Agrarhilfen geben wird. Ich sage mir, man muss abwägen: Was kostet es, und was bekommt die Gesellschaft dafür? Und sie bekommt viel, abgesehen von günstiger Nahrung. Eine intakte Umwelt, dass alles gepflegt und sauber ist. So etwas kann nicht gratis geliefert werden. Dann die Nahrungssicherheit. Das ist ein Thema, das 2008 wieder akut wurde, als Nahrungsmittelreserven nur mehr für zehn Tage vorhanden waren, weltweit. Die Weltbevölkerung wächst jährlich um 85 Millionen Menschen, das heißt es ist ein großer Auftrag, die Landwirtschaft nachhaltig zu sichern und gleichzeitig zu intensivieren.

Standard: Okay, aber ist das Ausmaß an Subvention nötig?

Hardegg: Ich bin kein Agrarpolitiker. Ich bin Landwirt und natürlich Teil des Systems, auch bei Agrarförderungen. Und als solcher stelle ich die Gegenfrage: Was wäre, wenn wir mit unserer Nahrung abhängig wären von Ländern wie Libyen und Simbabwe? Man sieht doch, wie fragil unsere Energieabhängigkeit ist. Alle großen Mächte - und da zähle ich die EU dazu, haben stark subventionierte Landwirtschaft, Japan hat zusätzlich noch einen starken Außenschutz. Da sind auch strategische und Sicherheitsinteressen im Spiel.

Standard: Sie meinen also nicht, dass es in einer globalisierten Welt Arbeitsteilung geben könnte, dahingehend dass die armen Länder ihre Landwirtschaft für den Export entwickeln?

Hardegg: Wir haben in Europa gesicherte klimatische Bedingungen; Unsere Ackerböden gehören zu den fruchtbarsten auf der Erde. Alles spricht dafür, dass wir weiter Landwirtschaft machen.

Standard: Wie hoch sind die Förderungen, die Sie erhalten?

Hardegg: Wir haben 2300 Hektar Landwirtschaft, das heißt wir versorgen eine Kleinstadt von rund 20.000 Menschen mit Brot und Getreide. Und wir bekommen 600.000 Euro. Die Leistung, die wir dafür liefern, ist, dass wir die Auflagen zur Erhaltung einer nachhaltigen Landwirtschaft einhalten.

Standard: Ihre Branche ist aber verdächtig still bei der aktuellen Diskussion um gerechte Verteilung.

Hardegg: Das hängt damit zusammen, dass sich kein Bauer reich fühlt, es auch nicht ist. Die Branche ist höchstwahrscheinlich die mit dem höchsten Risiko. Wir sind dem Markt und dem Wetter ausgesetzt. Hagel, Überschwemmungen, Trockenheit. Diese Risiken bedeuten, dass man mit beiden Füßen auf dem Boden bleiben muss. So Großkopferte, wie wir auf dem Land sagen, gibt es bei uns nicht - weil innerhalb einer halben Stunde eine Ernte vernichtet sein kann.

Standard: Landwirtschaft und Finanzmärkte haben nichts gemein?

Hardegg: Doch, doch. Die Finanzmärkte sind erst letztes Jahr wieder auf die Landwirtschaft aufmerksam geworden. Wir haben beobachten können, wie die Agrarmärkte den Energiemärkten gleichgestellt wurden, als der Ölpreis hoch war und Weizen oder Mais wegen der erneuerbaren Energien interessant wurden. Wir wissen, wie das ist, wenn sich der Finanzmarkt auf einen stürzt. Im Positiven wie im Negativen. Aber von den Spekulationsgewinnen, die da eingefahren wurden, haben die meisten Bauern nichts gehabt.(Johanna Ruzicka, DER STANDARD, Print-Ausgabe, 3.8.2009)

 

Zur Person

Der studierte Landwirt Maximilian Hardegg (43) leitet die Gutsverwaltung Hardegg in Seefeld-Großkadolz seit 14 Jahren.

Kommentar posten
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Chrifa
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Noch einmal:

Einen "Landwirt" mit 2300 ha zu subventionieren, ist ein Tritt in den Allerwertesten der ehrlich und fleißig arbeitenden Landwirte mit Betriebsgrößen bis zu 100 ha. Die Förderung dient lt. Eigendefinition dem Erhalt der kleinstrukturierten Landwirtschaft in Europa. Dieser Herr bekam 915.500 € im Jahr 2008 an Förderung, jeder kleine Bauer weiß selbst, was er bekommt. Warum verteidigt ihr immer so vehement dieses System? Dieses Geld wird euch weggenommen!

wunderwuzzi25
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kritik 2

vielfach dient die förderung dazu wichtige wünsche der gesellschaft (oder der ngos, oder der medien) zu erfüllen. der naturschutz lebt im wesentlichen von subventionen der landwirtschaft. wer würde denn von uns seine flächen renaturalisieren wenn wir davon nichts hätten? ohne diese maßnahmen wären viele arten längst verschwunden.

andere frage: wer will von uns biologischen landbau im geschäft bezahlen? den meisten ist die sau um 2,99/kg noch zu teuer. jeder schreit tierschutz, rauf auf die alm mit den rindern, bezahlen will die arbeit im laden aber keiner.

meiner meinung nach sollen alle agrarsubventionen abgeschafft werden, dann sehen die menschen einmal was ihre bio-lebensmittel wirklich kosten.

Sanzo
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10.8.2009, 06:25
so einfach ist das nicht

1. dafür das zwischen 20-35% des Eu-Budgets der letzen 20 Jahre hineingegangen ist - ehrlich ? Post ÖBB usw. sind deshalb relevant weil sie im gegensatz zum Agrasektor ein hundertfaches an Arbeitsplätzen schaffen

2. Bioprodukte werden entsprechend teurer verkauft oder ?

3. spricht ja nichts gegen eine förderung - bioanbau, landschaftsschutz - aber das ausmaß ist einfach in keiner relation. wenn man sich die jahresabschlüsse der 10 größten agrakonzerne in Europa anschaut ist ihr gewinn ein vielfaches ihrer übertrieben hochen förderung. also notwendig ? nope...

wunderwuzzi25
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kritik teil 1

es ist schon sehr interessant. wenn es um bauernförderungen geht kocht im standard immer die emotion der poster hoch. geht es aber um öbb, post, aua, telekom oder sonstige typische gewerkschaftsbetriebe denen milliarden hinten hineingeschoben werden, sieht die sache ganz anders aus. da wird dann ganz selbstverständlich gefordert, dass völlig unnötige strukturen (zb postämter, festnetz, bahnnebenstrecken) mit steuergeldern erhalten werden.

p.s. die eu gibt desshalb 50% ihres budgets für die landwirtschaft aus, weil ihr vor allem die landwirtschaft von den nationalstaaten übertragen worden ist. beim rest wollen unsere politiker halt weiter ihre ausrangierten genossen unterbringen.

Dust von Dust
03
qualität gehört gefördert und minderwertiges besteuert!

gefördert gehört traditionelles saatgut und bio anbau mit mischkulturen. besteuert gehört hybrid saatgut und chemischer industrieanbau in monokultur.

qualitäts kennzeichnung gehört ausgebaut, was ist in zb. dem fleisch drinnen, wieviel % wasser usw. preis / kg reicht nicht.

besteuerung von geschmacksverstärkern, zugesetzten aromen, süsstoffen, farbstoffen usw.

auf diese art können wirklich ALLE profitieren!

Porqué no te callas?
00

und kohlenhydrate gehören auch besteuert!

flattop
00
@ Dust - Bitte um eine Definition des Begriffes "Qualität" bei Lebensmitteln

Silvio Lackner
03
Förderungen sind OK, aber doch nicht für Betriebe mit 2.300 Hektar!

Das ist ein Schlag ins Gesicht für einen Familienbetrieb mit 20 ha Acker. So wird wahrhaftig der Bauernstand ausradiert.

mikromalist
 
01
Übrigens Herr MH,

Ihr Viognier gehört zu meinen Lieblingsweinen. Seit 02 ist er fixer Bestandteil meinen Weinkeller. Ein charaktervoller, gänzlich klischeeloser Wein.
Vergleichbar mit kostspieligeren Condrieu und ChdNdPapes, wenn nicht besser.
Ich hatte deshalb von Ihnen weniger Klischeeaussagen, zu Märkten, Chancen und Risiken erhofft.
Wenn Bauern nur mehr als protektionistische Abkassierer verstanden werden, dann haben sie wirklich ein Risiko.

Eigeier
01
Märchenstunde Teil2

In der französischen Sprache gibt es 2 Begriffe für den Job des Bauern:
Paysant (Landwirt): beobachtet die Natur, das Wetter, die Qualität seines Bodens und ist "mit Herz bei der Sache"- romantisches Ambiente der Pensionäre oder Aussteiger/"neo-rurales". (20.000 davon sperren jedes Jahr zu zugunsten von:)
Exploitant agricole: beobachtet online die Rohstoffmärkte, hat keine Ahnung und wenig Interesse, was unter den Rädern seines Potenztraktors stirbt -solange der kurzfristige Profit stimmt.

Schnabeltierfresser
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Fischler

differenziert auch ganz witzig zwischen "farming" and "agriCULTURE"...

Der Freund Deiner Frau
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leider lieber eigeier,

1. schreibt sich PAYSAN ohne T, 2. spricht man von NEO-RURAUX und 3. ignorieren Sie den Begriff AGRICULTEUR.

Auch inhaltlich halte ich Ihre Maerchenstunde fuer einen ziemlichen Stuss (was schade ist, denn gefuehlsmaessig stehen wir einander "ideologisch" gesehen vielleicht sogar recht nahe).

Pas de pays sans paysans!

Eigeier
00
oh-shit !

sorry for the typo & Rechtschreibfehler.
Agri-culture, "Kultur" nämlich und deren Grundlage gibt es in zu vernachlässigendem Ausmaß.
Wo ist der Stuss ??

Eigeier
24
Märchenstunde... Teil1

"Marktwirtschaft mit dem Mittelpunkt des Konsumenten und dessen Kaufkraft" ist eine Strategie der Großbanken, durchgedrückt mit dem Instrument der Weltbank. Der Konsument bekommt immer schlechtere Qualität zu (nicht gar so ) billigem Preis.
Daß Bauern seit den Bauernkriegen keine unabhängige politische Vertretung haben ist ein anderes Problem...
Märchen nr.2: "Intakte Landschaft": Das Grundwasser ist ziemlich flächendeckend verseucht, Die Bevölkerung leidet unter Krebs, genitalen Mißbildungen, Allergien und anderen schweren Erkrankungen, das Ökosystem ist schwersten betroffen bis zerstört und der Herr will uns Landwirte als Landschaftspfleger verkaufen ???

also dann ...
00
d´accord + 1 ergänzung : das mit der "landwirtschafts-pflege"... ist ein pr-schmäh...der WKÖ, weil

sonst (vor allem seit die subventionen veröffentlicht wurden) der masslose neid (verständlicherweise) ausbricht...
eine alibi-handlung - und die bauern trällern´s...eben hinterher.

Schnabeltierfresser
00
LWK meinen Sie hoffentlich,

nicht WKÖ.

farbrauschen
06
stimmt nicht.



wie es scheint, hat der herr selber schon ein bisserl den überblick verloren.

600 000.- glaubt er, dass er bekommt?
laut transparenzdatenbank schauts anders aus:

Summe der Zahlungen
von 16.10.2007 bis 15.10.2008: 915.500,64 EUR

aber bei solchen jährlichen summen brummt einem natürlich der schädel,
da kann man sich schon mal um 300 000 euro verzählen....


wunderwuzzi25
00

er hat recht, er bekam 600.000 euro förderung. die restlichen 300.000 waren eine bezahlung für bestimmte tätigkeiten. wenn ich will, dass flusslandschaften renaturalisiert werden, muss ich es halt auch bezahlen.

Ehemaliger ösi
00
"So Großkopferte gibt es nicht"

Was der "Bauer" und Graf auf seinem Schloss vergass zu erwähnen, ist, dass hier ein 400 Jahre alter Feudalbesitz jährlich mit 600.000 Ocken unterstützt wird.

Nix gegen den Adel, er hat in der Vergangheit auch viel Gutes geleistet; aber Feudalismus aus Steuergeldern ?

MIP1
13
Ernte vernichtet

Die Hagelversicherung ist schon erfunden. Das macht das Risiko kalkulierbar.

Der, der es besser weiß
00
23.8.2009, 01:09

Ja, nur dass zB in Ostösterreich überlegt wird, ob Hagel überhaupt noch versicherbar ist.

Auf der Parndorfer Platte spielt sich derzeit ein Streit zwischen Landwirten und der HV ab, weil diese die Zahlung verweigert.
Quelle: TopAgrar

So ist das eben mit Versicherungen: immer Prämien einzahlen und wenn Schaden eintritt bekommt man nichts, weil sich die Versicherung irgendwie hinauswindet und sich hinter Paragrafen versteckt.

Franz Weinpolter
00
Hagelversicherung?

Nicht jeder Bauer ist gewillt, sich diese zu leisten, denn der Staat schießt nur läppische 50% zur Prämie zu. Im Gegensatz zu anderen Förderungen (z.B. Agrarförderungen, Stipendien für Bauernkinder) ist das doch wohl lachhaft!

Der Mann im Fass
 
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Nur leider nicht für jeden bezahlbar.

Die Kleinen können sich oft die Prämien nicht leisten.
Und schauen dann durch die Finger.

Mit der Bitte nachzudenken
Ihr Mann im Fass

Wahl 09
10

es gibt auch noch andere jobs auf der welt als landwirt - ehrlich

Der Mann im Fass
 
00
Ich weiß.

Sie wollen ja, dass es bald nur mehr ein paar von denen gibt, scheint es.

Ein schönes Leben noch.

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