"Wirklich ein rauschartiger Zustand"

3. August 2009, 19:19
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Der Wiener Herbert Nitsch hält den Weltrekord im Tieftauchen mit nur einem Atemzug. Wie es sich in 214 Metern Tiefe anfühlt und wie der Körper auf die Belastung reagiert

STANDARD: Kennen Sie Luc Bessons Film aus den 1980ern, "Le Grand Bleu" ("Im Rausch der Tiefe"), eine Hommage an Apnoetaucher?

Nitsch: Ja, ich kenne den Film. Er hat mir sehr imponiert, aber ich dachte, dass das alles reine Fiktion ist. Zum Freitauchen bin ich erst später gekommen. Ich fuhr auf Urlaub nach Ägypten, die Airline vergaß aber meine Taucherausrüstung. Also habe ich begonnen, ohne Pressluftflaschen zu tauchen. Wiederum zufällig las ich in einem Artikel vom österreichischen Rekord. Ich lag nur knapp darüber. Also begann ich zu trainieren und holte mir den Rekord. Seither hat mich die Faszination ergriffen.

Standard: Einer der Pioniere, der legendäre Apnoetaucher Jacques Mayol, der als Vorbild für den Film diente, war der erste Mensch, der mit einem Atemzug 100 Meter tief tauchte. Der von Ihnen gehaltene Weltrekord liegt bei 214 Metern. Haben Sie andere Voraussetzungen?

Nitsch: Nein, die körperlichen Voraussetzungen sind gleich, nur der Wissensstand ist besser als damals. Ich habe sehr viel Mühe investiert, die Technik und auch die Sicherheit beim Tauchen zu verbessern. Außerdem habe ich das Training optimiert. Durch eine spezielle Atemtechnik kann ich mein Lungenvolumen von knapp zehn auf 15 Liter vergrößern. Die 214 Meter habe ich in der Disziplin No Limits erreicht. Dabei taucht man mithilfe einer Schlittenkonstruktion.

Standard: Ist der Druck in dieser Tiefe nicht unerträglich?

Nitsch: Ich habe für den Druckausgleich eine eigene Technik entwickelt. Dabei benutze ich eine wassergefüllte Plastikflasche mit Löchern im Boden und einem Plastikschlauch. Bei etwa 25 Metern unter der Wasseroberfläche stoppe ich und blase Luft in die Flasche. Weiter unten sauge ich dann schrittweise die Luft wieder aus der Flasche und ermögliche damit den Druckausgleich.

Standard: In diesen Tiefen wird mehr Sauerstoff aus den Lungenbläschen in das Blut gepresst. Tauchmediziner sprechen von einem Tiefenrausch. Wie fühlt sich das an?

Nitsch: Ja, es wirklich ein rauschartiger Zustand. Ich fühle mich dabei nicht unbedingt euphorisch. Es ist, als ob man von einem Wach- in einen Traumzustand hinübergleitet.

Standard: Mediziner tun sich allerdings schwer, die Reaktion des Körpers unter diesen Druckverhältnissen vorauszusagen.

Nitsch: Das macht ja auch die Faszination des Ganzen aus. Der Körper unterliegt in diesen Tiefen extrem komplexen Prozessen. Das Lungenvolumen schrumpft auf die Größe einer Orange zusammen. Auch die Milz kontrahiert und schüttet sauerstoffangereichertes Blut aus. Ein Effekt dieses Adaptionsmechanismus des Körpers ist, dass man dadurch die Luft länger anhalten kann. Außerdem tritt das sogenannte Bloodshift ein, wobei sich das Blut in den Rumpf zieht und die Blutgefäße sich ausdehnen. Kritisch ist die Auftauchphase, in der sich die Lunge ausdehnen und der Stickstoffgehalt wieder lösen muss. Das darf aber nicht zu schnell passieren.

Standard: Experimentieren Sie an Ihrem eigenen Körper?

Nitsch: Jein, ich versuche den Körper optimal zu kontrollieren, ihn aktiv zu steuern. Diverse Abläufe sind automatisch, aber nicht unbedingt die besten. Der Körper ist ein echtes Wunderwerk, der über unglaubliche Adaptionsmechanismen verfügt. Jeder hat sie, nur sind sie zumeist verkümmert.

Standard: Ihr Ziel ist es, mehr als 300 Meter tief zu tauchen.

Nitsch: Ja, 305 Meter, das sind tausend Fuß. Ich denke, dass es menschenmöglich ist. Wir sind gerade in Rhodos und arbeiten an einer Lösung, die einen besser steuerbaren Auftauchprozess ermöglicht.

Standard: Wie fühlt man sich eigentlich in dieser Tiefe?

Nitsch: Einsam. Alle anderen sind weit oben über einem selbst. Das ist eine weite Distanz und macht die Faszination aus.

Standard: Kollegen von Ihnen, die es in ähnliche Tiefen schafften, sind dabei umgekommen. Haben Sie nicht manchmal Angst?

Nitsch: Nein, aber natürlich ist Respekt notwendig. Regel Nummer eins lautet: Geh niemals alleine tauchen. Denn ohnmächtig kann man beim Tauchen leicht werden. Ich selbst hatte bisher nie Probleme. Zweimal platzte mein Trommelfell, das ist wieder verheilt.

Standard: Ist es nicht ein beklemmendes Gefühl, wenn Sie vier Minuten unter Wasser sind und Ihnen die Luft allmählich ausgeht?

Nitsch: Nein, dieses Gefühl hat man rasch wegtrainiert. Das geht innerhalb von einer Woche. Das Luftanhalten wird dann zu einem entspannten Gefühl. Wenn ich wieder an die Oberfläche komme, denke ich mir nicht, ich muss jetzt unbedingt atmen. Es ist einfach okay, wieder zu atmen.

Standard: Im Hauptberuf sind Sie noch Pilot bei der AUA.

Nitsch: Ja, aber demnächst bin ich für vier Monate freigestellt. Wir nützen die Zeit, um einen 3-D-Dokumentarfilm zu drehen, der nächstes Jahr im Kino anläuft. (Lars Ellensohn, DER STANDARD, Montag, 3. August 2009)

ZUR PERSON: Herbert Nitsch (39) erlernte beim Bundesheer das Fliegen. Der Wiener begann 1999 mit Apnoe. Er war der erste Mensch, der ausschließlich aus eigener Kraft mehr als 100 Meter tief tauchte. Nitsch erzielte bisher 26 Weltrekorde.

  • Einmal tief Luft holen, entspannen und runter geht's. Herbert Nitsch auf dem Weg in die Tiefe.
    foto: nitsch

    Einmal tief Luft holen, entspannen und runter geht's. Herbert Nitsch auf dem Weg in die Tiefe.

  • Diszipliniert tauchen: Die International Association for the Development of Freediving (Aida) ist größte anerkannte Verband für das wettkampfmäßige Freitauchen. Die Aida organisiert Wettbewerbe und ist für die Anerkennung von Weltrekorden zuständig. Seit dem Jahr 1996 finden Weltmeisterschaften für Männer und Frauen statt.

     

    Insgesamt gibt es acht offizielle Disziplinen. Beim Zeittauchen liegt der Taucher im Wasser und hält den Atem so lange wie möglich an. Der Franzose Stéphane Mifsud stellte im Juni mit 11:32 Minuten einen neuen Weltrekord auf. In der Disziplin Tieftauchen mit konstantem Gewicht ohne oder mit Flossen wird mit reiner Muskelkraft getaucht, ein Seil dient nur zur Orientierung. Der Weltrekord liegt bei 122 Metern Tiefe. Im Streckentauchen mit und ohne Flossen wird horizontal so weit wie möglich getaucht. Der Weltrekord (mit Flossen) liegt bei 250 Metern. Der Free-Immersion-Bewerb erlaubt dem Taucher, sich am Seil in die Tiefe zu ziehen. Andere Hilfsmittel sind nicht erlaubt. Beim Tieftauchen mit variablem Gewicht dürfen die beflossten Taucher einen Abtriebskörper verwenden und sich ebenfalls am Seil halten.

     

    Wie die Tiefe bei No Limits erreicht wird und wie man zurück an die Oberfläche gelangt, ist Sache des Tauchers. Den Rekord bei den Frauen hält die US-Amerikanerin Tanya Streeter mit 160 Metern, bei den Männern ist Herbert Nitsch mit 214 Metern Weltrekordler.

  • Tauchen nach Grenzen: Vom uralten Beruf zur Jagd auf unfassbare Rekorde - Das griechische Wort Apnoe heißt Nichtatmung und bezeichnet den Zeitraum zwischen Ein- und Ausatmen. Das Tauchen mit nur einem Atemzug nach Muscheln, Schwämmen und Perlen gehört zu den ältesten Berufen.

     

    Bei den Skandalopetra Games in Lindos auf der Insel Rhodos wird an die ursprünglichsten Tauchtechniken erinnert. Ausgerüstet nur mit einer Nasenklemme und einer Badehose tauchen die Athleten mit einem zehn Kilogramm schwerer Stein in die Tiefe. Herbert Nitsch tauchte am 26. Juni vor Lindos 107 Meter tief und sicherte sich damit den Titel und den Weltrekord. Ein inoffizieller, da die Disziplin nicht zu den vom internationalen Tauchverband (Aida) akzeptierten zählt.

    Als Sport wird Apnoe-Tauchen seit den 1930er-Jahren betrieben, offizielle Rekordversuche gibt es seit rund drei Jahrzehnten. Für Mediziner ist nicht genau kalkulierbar, wie der Körper in dieser Tiefe reagiert. Lange Zeit hielten es Tauchmediziner für unmöglich, ohne Atemgerät tiefer als 50 Meter zu tauchen. Einer der Pioniere der Freitaucher, der Franzose Jacques Mayol, tauchte schließlich 1976 als erster Mensch tiefer als 100 Meter.

     

    Nitsch, der in allen Tiefentauch-Disziplinen aktiv ist, schafft es im No-Limits-Bewerb mittlerweile auf 214 Meter und unternimmt demnächst einen filmisch dokumentierten Rekordversuch. (lars)

     

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