Reparatur-Tourismus bremst Werkstätten aus

2. August 2009, 18:17
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Kfz-Techniker sehen in Zeiten der Krise weniger Auslastung und mehr Konkurrenz aus Osteuropa. An der Preisschraube wird in Österreich nicht gedreht

Wien - Die Unwetter der vergangenen Tage sind für viele Kfz-Werkstätten ein Segen. Vor allem im Norden von Wien stehen Autos mit Hagelschäden vor den Spenglern Schlange. Porsche Wien Nord etwa ist mit der Reparatur von Hagelschäden "bis Ende Oktober" eingedeckt. Mehr als 300 Autos sind angemeldet, sagt ein Sprecher. Auch die Schnell-Reparatur-Kette Chipsaway klagt derzeit nicht über Arbeitsmangel. Nach den jüngsten Wetterkapriolen sieht sie sich in den kommenden sechs bis acht Wochen gut ausgelastet.

Wie viel eine Reparatur der Dellen durch den Hagelschlag kostet, lässt sich so pauschal nicht sagen. Der Schaden kann von 500 Euro bis zu 5000 Euro gehen und für ältere Baujahre am Autofriedhof enden.

Kosten unterschätzt

Von den Autobesitzern würden die Kosten bei Hagelschäden freilich oft unterschätzt. Versicherungen decken nicht alles, der Selbstbehalt ist vielfach hoch. Die Österreicher sehen daher gerade in Zeiten der Krise über manchen Kratzer hinweg. Sparen geht vor Schönheit, nicht unbedingt nötige Reparaturen werden verschoben.

Auch der Reparatur-Tourismus der Wiener, Burgenländer und Niederösterreicher in die angrenzenden Ostländer gewinnt an Fahrt. In Ungarn versprechen etwa die deutschen Car-Painter-Werkstätten Kostenersparnisse von bis zu 60 Prozent. Inhaber Florian Scheuer begründet den Preisunterschied mit geringeren Arbeitslöhnen. Sein Betrieb verpasse derzeit jährlich 150 Autos aus Deutschland und Österreich einen neuen Anstrich. Jetzt will er mit einem mobilen Lackierservice für Busse expandieren.

Neue originale Blechteile seien in Österreich jedoch vielfach günstiger zu bekommen als bei der Konkurrenz im Osten, hält Andreas Westermeyer von der Bundesinnung der Kfz-Techniker dagegen. Dass die Preise in den Werkstätten generell sinken, erwartet er nicht. Der Aufwand für Lohnkosten und Investitionen sei zu hoch.

Die Arbeiterkammer empfiehlt jedenfalls genaue Preisvergleiche. Die Stundensätze für einen Mechaniker pendelten ihren Erhebungen nach zwischen 78 und 190 Euro. Eine Stunde Karosseriearbeit habe sich im Vergleich zum Vorjahr um im Schnitt 4,9 Prozent verteuert.

"Mit dem Rücken zur Wand"

Die Werkstätten selbst stehen in Österreich mit dem Rücken zur Wand, seufzt Westermeyer. Denn der Druck der Fahrzeugimporteure und Versicherer sei enorm. Betriebe, die sich keine zusätzlichen innovativen Geschäftsfelder sicherten, kämen leicht unter die Räder.

Die Dichte an Werkstätten ist in Österreich im Verhältnis zum Autobestand fast einzigartig in Europa. Mehr als 5500 Betriebe drängen sich auf dem Markt. Der Kfz-Techniker zählt nach wie vor zu den beliebtesten Berufen. 6000 Lehrlinge stellen sich um Jobs an, und die Zahl der Gewerbeberechtigungen wächst jährlich um bis zu zwei Prozent. In Deutschland ist der Markt gerade einmal halb so stark besetzt.

Hartes Umfeld

Das harte Umfeld treibt künftig aber auch in Österreich die Marktbereinigung voran, sind sich Experten einig. Auch wenn die Branche versuche, mit Kooperationen gegenzusteuern: Kfz-Mechaniker schließen sich so zu Meister- und 1a-Werkstätten zusammen, um unter anderem gemeinsame Zugänge zu elektronischen Daten zu kaufen.

Einen neue Schwung an Kunden erhofft sich die Branche durch eine aktuelle, noch nicht veröffentlichte Studie der Technischen Uni Wien. Demnach weist in Österreich fast jedes zugelassene Fahrzeug schwere Mängel auf, meist bei Beleuchtung und Bremse. Hohen Reparaturbedarf gebe es vor allem bei den gewerblich genutzten Flotten, sagt Westermeyer. Er fordert, dass sie per Gesetz in kürzeren Abständen zur Überprüfung in die Werkstätten müssen. Die Wirtschaftskammer legt die Studie nun Infrastrukturministerin Doris Bures vor. (Verena Kainrath, Bettina Pfluger, DER STANDARD, Print-Ausgabe, 3.8.2009)

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    Die jüngsten Unwetter haben auch den Autos schwer zugesetzt. Das belebt die Geschäfte der Mechaniker. Bei der Reparatur geht Sparen aber vor Schönheit.

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