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Ausgerechnet die Eröffnung der Salzburger Festspiele nutzte der Schrifsteller Daniel Kehlmann zu einer großen Philippka gegen das "Regietheater". Regietheater, das ist ja so ein Kampfbegriff, gerne als Chiffre gebraucht für alle modernistischen Tendenzen, die der betuliche Kleinbürger nicht mehr versteht. Seitdem sich nicht mehr so leicht gegen die abstrakte Malerei oder die Fäkalkunst schimpfen läßt und auch die Klassifizierung von Popmusik als "Lärm" nicht mehr so gut kommt, sind Injurien gegen das Regietheater das letzte, worauf sich behäbige Bildungsbürger allgemein zu einigen vermögen. Hamlet im Business-Anzug! Dialoge im Chor gesprochen! Igitt! Aber ohne das Innovative, Experimentelle und Provokante, das stets von den Kehlmanns ihrer jeweiligen Zeit bekämpft wurde, hätte es nie einen Fortschritt in der Kunst gegeben.
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habe vorige woche angefangen, "ruhm" zu lesen und musste es nach zehn seiten weglegen. schon das erste kapitel dokumentiert eine *dümmliche* technikfeindlichkeit = wenn man so will, auch eine spielart des antimodernismus.
der zweite versuch, "ruhm" zu lesen, hat mich bis zur mitte gebracht. offenbar reicht es heutzutage, das weibliche personal der weltweit verbreiteten goethe-institute als hässlich und dumm darzustellen, um das deutsche feuilleton zu orgastischem stöhnen zu bringen und einen "genieverdacht" über den autor auszusprechen.
ein dritter versuch, das buch zu lesen, wird aller voraussicht nach entfallen - ich werde unrühmlich enden.
Wenn man hier die Kommentare liest, wundert man sich, wo die ganzen Positiv-Kommentare sind. Oder lachen die Progressiven nur über die Konservativen hier? Wenigstens ein Satz sei mir gegönnt:
Wer einige Ausformungen von neuen Theaterformen kritisiert, indem er alle Neuerungstendenzen verurteilt, ist schlichtweg reaktionär.
Die Frage ist vielleicht: Was darf Regietheater? Und was darf es nicht? Wenn in einer Inszenierung der Oper Carmen die Schmuggler nicht mehr Zigeuner sein dürfen, weil ja politisch unkorrekt, sondern durch Vorstadtburschen ersetzt werden, die sich ein RAPID-Match geben, der Knabenchor mit Mädchen zum KnabInnenchor gegendert wird, Carmen selbst von allem Bestialischen gesäubert als "traumatisiertes Opfer" männlicher Herrschaft überbleibt, dann hat das mit Tiefsinn nicht viel auf sich und läuft dem ursprünglichen Gedanken zuwider. Regisseure sind leider selten Philosophen, aber oft Vorkämpfer der Political Correctness oder sonstiger eifernder Ideen, die sie für Links halten. Ihr pseudoprogressiver Kanon gibt vor, was sie dürfen.
http://www.zeit.de/2009/33/01-Theater
irgendwie glaub ich dem mehr....
geschrieben von jemandem, dem man leidenschaft für das theater anmerkt, mit interessanten rückgriffen auf die geschichte, unverkrampft, unpolemisch, kehlmanns kluge anmerkungen als einladung zur überfälligen reflexion aufgreifend.
und auf der anderen seite robert m.
tja....
Ehepaar geht ins Theater, das Abo ausnützen. Er im Foyer: "Ich muß unbedingt noch austreten, geh' Du schon mal vor". Eiligst sucht er nach dem WC, findet und findet es aber nicht. Nach langem Umherirren sieht er eine große Vase und weil das Bedürfnis gar so dringend ist, erleichtert er sich hinein. Aufseufzend findet er den Weg zu seiner Loge und setzt sich neben seiner Frau mit der Frage "Und, hab' ich was versäumt?", nieder. Sie: "Ach, nichts Besonderes: Kommt ein Mann auf die Bühne, pinkelt in eine Vase und geht wieder".
Die Provokation als Alltagsgeschäft, der nahezu zwangsneurotische "Revisionsgeist" hatten damals eher ein Augenzwinkern denn Heiligsprechung abbekommen, um so seltsamer, daß Misik hier Spießbürgerlichkeit wittert.
Kehlmann,warum nicht gleich -statt langer Rede-die Sache auf d e n Punkt bringen: "Wollen Sie Jelinek,Peymann und Turrini? Oder wollen Sie Kunst und Kultur?" FPÖ 95 (und Kehlmann-jun.u.sen)-
Kehlmann hat entdeckt,was neuen Rechten,Neoliberalen und Neokonservativen schon lange ein Dorn im Auge ist:"Theater ist zur letzten verbliebenen Schrumpfform linker Ideologie degeneriert."(sic!Wortwahl:warum nicht gleich:"entartet"?)"
Überdies:bloße Verkaufszahlen sagen doch nichts über Qualität aus,da kann auch Charlotte Roche mithalten.
Kehlmann hatte mit "Vermessung der Welt" bloß einen Glückstreffer gelandet(clever lanciert im Humboldt-Hype 2004/05 (Enzensbergers Humboldt-Neuausgabe).
ebenn
und kritklosen Bejubeln dieses Genres gesprochen.
Hier paranoide Rundumschläge und kurzsichtige Verallgemeinerungen als Bewertungsgrundlagen der Person Kehlmann zu nehmen, wirft eher ein bezeichnendes Licht auf Herrn Misik, und nicht auf Herrn Kehlmann.
Es gehört in der heutigen Kunst-Szene offenbar viel Mut dazu,Kritik daran zu üben, dass vieles ungeachtet wie schlecht oder sinnlos es ist, hochgepriesen wird nur weil es 'Neu' ist...
Kultur (Theater) muss eine gewisse qualität haben damit es sehenswert ist, und nicht nur etwas 'noch nicht dagewesenes' sein.
Wenn einem Theaterstück eine gewisse tiefer greifende 'Überlegung' zugrunde liegt, spricht nichts gegen Inovation...
"Als Spießbürger oder Spießer bezeichnet man abwertend eine Person, die sich durch geistige Unbeweglichkeit, ausgeprägte Konformität mit gesellschaftlichen Normen, Abneigung gegen Veränderungen der gewohnten Lebensumgebung und ein starkes Bedürfnis nach sozialer Sicherheit auszeichnet."
Nach wem das wohl klingt. Ich komm einfach nicht darauf.
In der Tat. Weiters ist ein Spießer derjenige, der sich entgegen seiner eigentlichen Natur und Neigung der allgemeinen Norm unterwirft und das in weiterer Folge auch von anderen erwartet. Dementsprechend wären z.B solche Personen Spießer, die vorgeben Theater a la Jelinek zu mögen, sich aber insgeheim langweilen und andere, die ihr Missfallen offen zum Ausdruck geben, verurteilen bzw. aus der Gruppe der "Anständigen" (=Progressiven) ausschließen. Ob das auf Misik zutrifft weiß ich nicht, die Wahrscheinlichkeit ist aber IMHO hoch.
Man kann vielleicht von Kehlmann sagen, dass er konservativ ist, ein Spießer aber ist er sicherlich nicht.
Unfassbar, dass man über Daniel Kehlmanns Abneigung gegen das Regietheater spricht, ohne seinen Vater zu erwähnen, der einer der besten österreichischen Regisseure seiner Zeit und eine Lichtgestalt war aber wegen seiner Einstellung zur Werktreue irgendwann weder am Theater noch im Fernsehen arbeiten konnte. Michael Kehlmanns Karriere wurde letztendlich von der linken Kulturschikeria vernichtet.
Misik nimmt eine radikale Gegenposition ein, ohne auf die Argumente und Hintergründe einzugehen, er stellt sich diametral gegen Kehlmann und greift ihm polemisch an. Dabei nimmt er selbst eine nicht besonders moderne Position ein: der linke Theaterrevolutionär. Das ist legitim, liefert aber dem geneigten Leser/Hörer keinerlei Information.
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