Adamovich will Kampusch befragen

31. Juli 2009, 19:33
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Kein Ende ist im Fall Natascha Kampusch absehbar - Es gebe weiter offene Fragen und die Notwendigkeit für Einvernahmen, meint die Evaluierungskommission - und vergrämt damit die Staatsanwaltschaft Wien

Wien - Natascha Kampusch werde "auch diesmal Rede und Antwort stehen", sagt ihr Anwalt Gerald Ganzger. Zwar sei die inzwischen 21-Jährige, die 2006 aus der Gewalt ihres Entführers Wolfgang Priklopil fliehen konnte, "seither insgesamt sieben Mal einvernommen worden": von Ermittlern ebenso wie vor Gericht im Zuge des Verfahrens ihrer Mutter Brigitta Sirny gegen den pensionierten Richter Martin Wabl im März 2009. Doch einer weiteren Befragung werde sie sich nicht versperren.

Fragen an Priklopils Mutter

Dass eine solche Einvernahme "erforderlich" sei, um abzuklären, ob es in dem Fall Mittäter oder Mitwisser gab, hatte am Freitag Ludwig Adamovich nach einer Sitzung der Kampusch-Evaluierungskommission in der Hofburg verkündet: Der Leiter des vom Innenministerium zwecks Suche nach Ermittlungspannen eingerichteten Organs will neben Natascha Kampusch selbst auch noch andere Personen aus dem Umkreis des Falles verhören - "die Mutter des Entführers Wolfgang Priklopil" etwa, der nach Kampuschs Flucht Suizid begangen hat.

Denn es seien weiterhin Fragen "aus drei Bereichen" offen, auch nachdem zwei Beamte der Adamovich-Kommission am 28. Juli 2009 Einblick in die Einvernahmeprotokolle mit dem Entführungsopfer aus dem Sommer 2006 genommen haben: "Erstens über die Modalitäten der Entführung, zweitens wegen technischer Details rund um Kampuschs Verlies, drittens um zu klären, was sie in der Zeit ihrer Entführung für Kontakte mit der Außenwelt hatte", zählte Adamovich im Standard-Gespräch auf. Ein Brief an Innenministerin Maria Fekter mit der Einschätzung, dass weitere Ermittlungen der im Bundeskriminalamt (BK) angesiedelten Soko Kampusch angesagt wären, sei am Freitag abgeschickt worden.

Mit dieser in der Öffentlichkeit kommunizierten Empfehlung machte sich Adamovich bei der Staatsanwaltschaft Wien unbeliebt. Dort nämlich will man für ausständige Einvernahmen und damit verknüpfte offene Fragen in dem Jahrhundertfall nicht verantwortlich sein. Vielmehr, so Sprecher Gerhard Jarosch, habe die Staatsanwaltschaft der Soko bereits am 8. November 2008 den Auftrag für weitere Befragungen aus dem Umfeld Priklopils erteilt. Doch die Ermittler hätten bisher "nur eine einzige Person verhört".

Langes Zuwarten

Weshalb dies? Wohl weil die Soko mit weiteren Befragungen auf die Einsichtnahme in die frühen Kampusch-Einvernahmeprotokolle gewartet habe, erklärt dies Werner Pleischl von der der Wiener Staatsanwaltschaft vorgesetzten Wiener Oberstaatsanwaltschaft. Warum dieses Warten? Weil die Beamten, die im Auftrag von Adamovichs Evaluierungskommission agieren, gleichzeitig dem Bundeskriminalamt unterstünden: eine "doch ungewöhnliche Doppelanbindung", wie Pleischl konzediert. (Irene Brickner, DER STANDARD Printausgabe, 01./02.08.2009)

 

  • Ludwig Adamovich lässt vom Verdacht, dass es im Fall Natascha Kampusch eine verborgene Wahrheit gibt, nicht ab.
    foto: matthias cremer/der standard

    Ludwig Adamovich lässt vom Verdacht, dass es im Fall Natascha Kampusch eine verborgene Wahrheit gibt, nicht ab.

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