"Brandstifter als Feuerwehrhauptleute"

31. Juli 2009, 19:17
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Zu einer glaubwürdigen Wirtschaftsethik gehört für den evangelischen Bischof Michael Bünker, Gesetze auf ihre Sozialverträglichkeit zu überprüfen

Standard: Ihr geistliches Credo lautet: "Fürchtet euch nicht". Trifft das auch auf die Wirtschaftskrise zu?

Michael Bünker: Ich fürchte mich vor jenen, die schnelle Auswege aus der Krise versprechen und nicht die Menschen als selbstständige Subjekte betrachten und fragen, wie können wir uns denn in dieser Krise bewegen. Nicht Wege aus der Krise, sondern in der Krise sind zunächst einmal gefragt.

Standard: Was für Wege könnten das sein?

Bünker: Etwa die Angst der Menschen vorm Fall ins Bodenlose aufzufangen. Dazu gehört bedarfsorientierte Mindestsicherung. Das ist zwar ausgemacht und beschlossen, wird aber nicht umgesetzt. Es würde bedeuten, deutlicher wahrzunehmen, dass wesentliche Teile der Gesamtwirtschaft nicht über den Markt geregelt werden. Etwa der Pflegebereich, Kindererziehung, Reproduktion im Haushalt.

Standard: Alternativen zum existierenden Wirtschaftssystem aus Sicht der Kirchen?

Bünker: Die Kirchen haben in Österreich vor Jahren mit dem Ökumenischen Sozialwort ein bemerkenswertes Dokument vorgelegt, das an Aktualität nichts verloren hat. Es geht um am menschlichen Bedarf orientierte Wirtschaft, es geht um Ernährungssicherheit, die Sicherheit des Auskommens, dass Risiken wie Arbeitslosigkeit, Krankheit und Pflegebedürftigkeit die Menschen in ihrer Existenz nicht bedrohen bzw. durch die Solidarität der Gesellschaft abgefangen werden. Wirtschaftsethik entsteht dort, wo man nicht nur an sich selber denkt, sondern den anderen, und das andere in den Blick bekommt. Zur Alternative gehört auch, dass Gesetze nicht nur auf Umwelt-, sondern auch auf Sozialverträglichkeit überprüft werden. Oder mehr in Soziales zu investieren als in irgendwelche Banken. Die Brandstifter werden jetzt zu Feuerwehrhauptmännern ernannt und sitzen am Steuer des Löschzugs. Das ist ja absurd.

Standard: Beim Thema Mindestsicherung fällt mir das protestantische Arbeitsethos ein. Der Mensch müsse hart arbeiten, um seinen Lebensunterhalt aus eigener Kraft zu verdienen. Kein Widerspruch?

Bünker: Nein. Das protestantische Arbeitsethos heißt, du kannst für dich selbst zuständig sein, und es ist Aufgabe der Gesellschaft, den Menschen in diese Lage zu versetzen. Mindestsicherung heißt nicht automatisch, dass das Leistungsprinzip, von dem Marktwirtschaft abhängt, infrage gestellt wird. Ich bin der Überzeugung, dass die Grundintention, den Menschen die Angst vorm Fall ins Bodenlose zu nehmen, wenn sie ihre Erwerbsarbeit verlieren, gesamtgesellschaftlich so wertvoll ist, dass sie auf jeden Fall zu einer höheren Wertschöpfung führt.

Standard: Das Geld für Mindestsicherung muss aber ja trotzdem erst einmal erarbeitet werden.

Bünker: Grundsicherung ist meiner Ansicht nach weniger eine Frage des erwirtschafteten Geldes als vielmehr der gerechten Verteilung.

Standard: Wie sollte diese Umverteilung vonstattengehen?

Bünker: Das Sozialwort spricht ja davon, das Steuersystem ständig auf mehr Gerechtigkeit zu überprüfen. Umverteilung ist aber nicht nur durch Steuern zu machen. Es gibt andere Maßnahmen wie Bildung, die hier auch wichtig sind. Gerade bei der Armutsbekämpfung ist Bildung ein entscheidender Faktor.

Standard: Geht das in die Richtung "mehr Staat, weniger privat"?

Bünker: Die Diskussion, ist Kapitalismus oder Staatsdirigismus besser, gehört der Vergangenheit an. Es geht darum zu sehen, leistet unser Wirtschaftssystem, was es verspricht, und leistet es, was gebraucht wird. Und das tut es nicht. Nicht einmal das, was es verspricht. Deshalb braucht es zusätzliche Korrekturen.

Standard: Ist der Götzendienst am Geld oder Gier die Krisenursache?

Bünker: Das sind nur moralische Worthülsen. Die Gier hat es immer gegeben. Die entfesselte Finanzmacht, das Geld, das sich angeblich selbst vermehrt, das ist eine interessante Rehabilitierung der Überlegungen von Karl Marx. Ein mir nahestehender Theologe hat einmal gesagt, wer Marx versteht, kann kein Marxist sein. Marx hat einen interessanten Punkt getroffen mit der Beobachtung, wenn man das Geld sieht, sieht man die Arbeit der anderen oder das, was wir der Natur weggenommen haben. Das sehen wir heute ja nicht mehr. Wir sehen Zinsen, Anlagen, Spekulationen, aber keine konkrete Arbeit dahinter. Wenn wir dann all das, was an Finanzspritzen gezahlt worden ist, zurückzahlen müssen, dann wird man die Arbeit dahinter schon wieder merken. (Karin Tschentke, DER STANDARD; Print-Ausgabe, 1./2.8.2009)

 

Zur Person: Michael Bünker (55) ist seit 2008 Bischof der Evang. Kirche A. B. in Österreich. Die Gemeinschaft Evangelischer Kirchen in Europa bestellte ihn 2006 zum Generalsekretär. Seit 2003 lehrt er als Honorarprofessor an der Evangelisch-Theologischen Fakultät Wien.

  • Michael Bünker: "Die Gier hat es immer schon gegeben."
    foto: standard/hendrich

    Michael Bünker: "Die Gier hat es immer schon gegeben."

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