Der unfreiwillige Abschied vom Servitenviertel

31. Juli 2009, 19:14
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Die letzten in Wien stationierten Serviten müssen demnächst aus dem Kloster im Servitenviertel ausziehen - Die Gottesmänner gehen nur ungern

Wien - Johann Paul Müller redet ausgesprochen gern. Vor allem über das Kloster im 9. Bezirk, in dem er seit sechs Jahren lebt. 1639 Ordensgründung, 1670 Fertigstellung der Anlage, 1783 Übernahme der benachbarten Pfarre - die Jahreszahlen sprudeln aus dem Ordensmann mit der großen Brille nur so heraus.

"Ich fürchte, da oben wird sich das Reden bei dir ein bisschen einstellen", sagt sein Mitbruder Gerhard Walder "denn im Winter ist es dort ein wenig einsam." Mit "da oben" meint Walder das Kloster Gutenstein auf dem Mariahilfberg in Niederösterreich, in das Müller demnächst übersiedeln wird. Auch Walder muss die Stadt verlassen: Er wohnt bald im Haupthaus der österreichischen Serviten in Innsbruck.

Auf Beschluss der Ordensleitung ziehen sich die Serviten aufgrund "zunehmend eingeschränkter personeller und finanzieller Möglichkeiten" mit 31. August aus Wien zurück. "Es ist jammerschade", sagt Walder, "aber Wien war immer schon ein bisschen abseits von Tirol."

Die vier verbliebenen Ordensmänner - "die letzten Mohikaner", sagt Müller - können die Entscheidung, das barocke Kloster aufzugeben, nicht wirklich nachvollziehen. "Natürlich ist es schwierig, ein so großes Haus zu erhalten", sagt Walder "aber unmöglich ist es nicht, wenn man bescheiden lebt - und das tun wir."

Die Gänge mit den dunklen Steinböden und den großen Bogenfenstern sind lang und imposant, die Einrichtung durchwegs spartanisch - sie besteht hauptsächlich aus einfachem Holzmobiliar. Die Bibliothek, in der neben mehrsprachigen historischen Bibeln auch ein handgeschriebener Koran aus der Zeit der Türkenbelagerung im Regal steht, dient gleichzeitig als Fernseh- und Computerzimmer.

Beim Nachrichtenschauen schwingen sich die Ordensbrüder gern auf die Hometrainer, die bei einem von der Pfarre veranstalteten Flohmarkt übriggeblieben sind.

"Man muss ja schauen, dass man ein bisschen was tut", sagt Müller. Ab September können sich dann die Brüder der "Kongregation der Libanesischen Maronitischen Missionare" zwischen alten Büchern sportlich betätigen: Der Servitenorden hat der Diözese Wien Kloster und Kirche auf unbestimmte Zeit übergeben. Kardinal Christoph Schönborn ernannte Maronite Michel Harb zum neuen Pfarrer in der Servitengasse.

Zwei Ordensbrüder werden vorerst mit dem 34-jährigen Libanesen, der seit sechs Jahren in Wien als Seelsorger tätig ist, ins Kloster ziehen. "Drei Männer sind eigentlich auch nicht mehr als vier. Genau genommen einer weniger", sagt Servite Walder - dabei huscht ein kleines Lächeln über das Gesicht des gebürtigen Osttirolers, der 19 Jahre in Wien verbracht hat. In seiner Blütezeit lebten rund 20 Ordensmänner im Kloster.

Trotz akutem Serviten-Mangel gibt es in dem zweistöckigen Gebäude auch jetzt kaum freien Wohnraum: 36 Asylwerber und Studenten aus Afrika sind gegen eine geringe Miete übergangsmäßig untergekommen, ein paar Dauermieter wohnen seit Jahrzehnten zum Friedenszins im Kloster. Rund um die Anlage haben sich in den letzten Jahren eine ganze Reihe schmucker neuer Lokale angesiedelt. "Wir sind hier voll im Leben", sagt Walder.

Das zwischen Donaukanal und Palais Liechtenstein gelegene Servitenviertel ist ein dicht bebautes Wohngebiet mit vielen frisch renovierten Altbauten. Die Mietpreise sind hier in den letzten Jahren massiv gestiegen. Im Bezirk Alsergrund leben insgesamt 6500 Katholiken, viele wollen die Serviten nicht kampflos ziehen lassen: Auf www.pro-serviten-rossau.at sammelt eine Bürgerinitiative Unterschriften für den Verbleib des Ordens im Neunten. 5000 Menschen haben die Petition bisher unterstützt.

"Es gibt viele Leute hier, die uns brauchen", sagt Walder, der hofft, dass es sich beim Rückzug nur um eine "Durststrecke" handelt. "Die Serviten kommen sicher irgendwann in das Servitenviertel zurück - denn das Haus passt zu uns wie ein ausgetretener Schuh." (Martina Stemmer, DER STANDARD Printausgabe, 01./02.08.2009)

  • ´Johann Paul Müller (li.) und Gerhard Walder müssen bald woanders
sporteln: Die "Kongregation der Libanesischen Maronitischen Missionare"
übernimmt das Servitenkloster am Alsergrund.
 
    foto: heribert corn/der standard

    ´Johann Paul Müller (li.) und Gerhard Walder müssen bald woanders sporteln: Die "Kongregation der Libanesischen Maronitischen Missionare" übernimmt das Servitenkloster am Alsergrund.

     

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