Der Tenor und die Leidenschaft

31. Juli 2009, 19:03
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Neapel zur Zeit des Faschismus: Im berühmten Theater San Carlo wird ein Startenor in seiner Garderobe ermordet...

Ein eigenbrötlerischer Commissario tritt auf den Plan; Ricciardi hat etwas, das ihn von allen anderen Menschen trennt. Diese Gabe ist furchtbar. Ricciardi sieht die letzten Augenblicke eines Mordopfers, kann dessen Gedanken lesen. Von den Kollegen wird er gemieden. Im Falle des toten Sängers weiß Ricciardi nur, dass dieser, schon sterbend, eine Passage aus der Cavalleria Rusticana sang. Da das Gerücht umgeht, der Tenor sei ein Lieblingssänger des Duce gewesen, macht der karrieregeile Vorgesetzte Ricciardi Druck.

Eines steht fest: Als Sänger war der Ermordete grandios, als Mensch ein Ekel und ein Weiberheld dazu. Also sollte es Mordmotive zuhauf geben. Die schöne Witwe ist jedenfalls nicht zu Tode betrübt. Der erste Krimi des Neapolitaners Maurizio de Giovanni ist durchaus gelungen. Die Atmosphäre der Stadt, die sich bis heute nicht verändert hat, bildet einen farbigen Hintergrund, in dem die Ära des Faschismus nur wie eine blasse, unbedeutende Episode erscheint. Denn wirklich wichtig sind hier nur die Leidenschaften, denen der Commissario auf der Spur ist. Irgendein nachvollziehbares Konzept ist hinter der neuen Krimireihe bei Suhrkamp nicht leicht auszumachen. Ob Surferepos oder Rückblick in die Vergangenheit, bekannte oder unbekannte Autoren, eher ist hier Zufall als Auswahl am Werk. (Ingeborg Sperl, ALBUM - DER STANDARD/Printausgabe, 01./02.08.2009)

 

Link:
www.krimiblog.at

  • Maurizio de Giovanni, "Der Winter des Commissario Ricciardi" . Deutsch:
Carla Juergens. € 8,20 / 246 Seiten. Suhrkamp, Frankfurt am Main 2009
    coverfoto: suhrkamp

    Maurizio de Giovanni, "Der Winter des Commissario Ricciardi" . Deutsch: Carla Juergens. € 8,20 / 246 Seiten. Suhrkamp, Frankfurt am Main 2009

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