Der Wert des Fernsehens hinter Gittern

31. Juli 2009, 18:50
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Justizwachebeamte stehen nicht nur auf Wachtürmen und beäugen die Häftlinge - Sie wissen oft mehr von den Insassen als deren Sozialarbeiter

So schlecht kann das Fernsehprogramm in Garsten gar nicht sein, dass die Justizwachebeamten nicht froh darüber sind. Nimmt es ihnen doch einiges an unangenehmer und belastender Arbeit ab. "Früher hatten wir praktisch täglich einen Selbstmord oder eine Selbstbeschädigung unter den Häftlingen", erinnert sich Norbert Minkendorfer, der Leiter der Justizvollzugsanstalt in der bei Steyr gelegenen oberösterreichischen Gemeinde. "Seitdem jeder seinen eigenen Fernseher mit Kopfhörern hat, ist das extrem zurückgegangen."

385 Menschen aus mehr als 30 Nationen verbüßen hier derzeit ihre Freiheitsstrafe, 40 von ihnen müssen laut Gericht den Rest ihres Lebens bleiben, weitere 100 sind zu zehn bis zwanzig Jahren Haft verurteilt worden. Sie sind die Klienten von Gerhard Haslinger, dem Leiter der Justizwache im Haus und seinen Beamten, der sich keinen anderen Job vorstellen kann. "Ich könnte schon seit einem Jahr in Pension sein, aber ich bleibe hier", sagt der 61-Jährige. Schon sein Vater war bei der Einheit, in der Umgebung ist das Justizministerium ein beliebter Arbeitgeber.

Derzeit könnte man wieder mehr Personal brauchen (siehe Artikel unten). Denn die Auslastung liegt bei 110 Prozent. Die Folge sind beispielsweise ein einwöchiger Urlaub der Betriebe im August - die Häftlinge haben weniger Abwechslung. Dazu kommen mehr Ausführungen zu Behörden. "Oft kann dann statt zwei Kollegen nur einer mitgehen - natürlich ist das extrem belastend", sagt Haslinger. Denn mehr Insassen zu haben bedeute, weniger auf Einzelne eingehen zu können - es wird schwieriger, das Gegenüber einzuschätzen.

Insgesamt, glaubt Haslinger, sei die Arbeit in einer Vollzugsanstalt aber leichter als in einem Untersuchungsgefängnis. "Dort sind die Leute wirklich in ihren Zellen eingesperrt und haben nur einen Spaziergang am Tag. Dazu kommt die Nervosität, da man ja noch nicht weiß, was für eine Strafe droht, das alles macht aggressiver. Bei uns wissen die Leute ja schon, wie lange sie dableiben müssen, und unser Freizeitangebot ist viel größer."

Tatsächlich laufen auch tagsüber Häftlinge im Hof ihre Run-den, sitzen lesend auf einer Bank oder spielen Volleyball. Höflich grüßen sie Besucher. Wie überhaupt die Umgangsformen hervorragend sind. Die Häftlinge, die in der Kantine servieren, sind freundlicher als manche Kellner in Wiener Kaffeehäusern.

Was nicht immer so ist. "Natürlich wurden auch schon Beamte angegriffen." Für Gefängnisdirektor Minkendorfer ist das Taser genannte Elektroschockgerät daher eine hervorragende Sache. "Es ist eindeutig das gelindere Mittel. Was wäre denn die Alternative? Der Schusswaffengebrauch?" Vom Argument, dass der Taser nun vielleicht in Situationen eingesetzt werde, in denen man früher noch geredet hätte, halten er und Haslinger wenig. "Die Benutzung ist an so strenge Vorschriften gebunden, dass kein Beamter das leichtfertig macht."

Dazu käme die persönliche Beziehung, ist Haslinger überzeugt. Denn Justizwachebeamte würden nicht nur einfach auf einem Wachturm oder im Zellengang herumstehen. Auch die Leiter der Betriebe wie Tischlerei oder Schlosserei sind Justizwachebeamte. "Die kennen die Häftlinge besser als die Sozialarbeiter, schließlich haben sie jeden Tag mit ihnen zu tun - und das über Jahre."

Nicht immer gelingt es aber, die Arbeit vorschriftsmäßig zu erledigen: Häftlinge flüchten. Mitunter auf kreative Weise: "Einmal hat sich ein Niederländer im Müllwagen versteckt", erzählt Direktor Minkendorfer. Das Ungewöhnliche: Der Mann meldete sich kurze Zeit später in seiner Heimat bei den Behörden, um dort seine Reststrafe abzusitzen. "Die Kollegen wollten ihn aber nicht, da er sich nicht ausweisen konnte. Also hat er bei uns angerufen und gefragt, ob wir ihm seinen Pass schicken können" - was abgelehnt wurde. Erst nach Formalitäten konnte der Mann in sein heimatliches Gefängnis. (Michael Möseneder, DER STANDARD Printausgabe, 01./02.08.2009)

 

  • Gerhard Haslinger ist der Schlüsselmeister des Gefängnisses in Garsten:
er leitet die Justizwache. Mit Begeisterung, denn er könnte schon in
Pension sein.
    foto: michael möseneder/der standard

    Gerhard Haslinger ist der Schlüsselmeister des Gefängnisses in Garsten: er leitet die Justizwache. Mit Begeisterung, denn er könnte schon in Pension sein.

  • Zellen mit Aussicht: Stacheldraht und Gitter trennen in Garsten die öffentliche Barockkirche vom Gefängnis.
    foto: michael möseneder/der standard

    Zellen mit Aussicht: Stacheldraht und Gitter trennen in Garsten die öffentliche Barockkirche vom Gefängnis.

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