"Schwangerschaft war wie drei Pubertäten"

1. August 2009, 10:00

Mira Mai hatte mit Babys nie etwas zu tun: "Das erste Kind, das ich gewickelt habe war mein eigenes"

Ich war der Meinung nie Kinder bekommen zu können. Ich hatte einen aufregenden Beruf, der ohnehin mit einem Kind nicht möglich gewesen wäre. Außerdem war es die Zeit des Bundesaufnahmestopps (um 1990 herum), als ich ins Berufsleben einstieg. Zuvor kamen 70 Prozent der AkademikerInnen im Bundesdienst unter. Mein Lebensgefährte bekam immer die Stellen, die noch zu den sogenannten sicheren Arbeitsplätzen führen konnten. Meine Verträge wurden alle 6 Monate verlängert und es war ziemlich eindeutig, dass es die Umgehung eines normalen unselbständigen Dienstverhältnisses war.

Eines Tages kam dann die Überraschung. Nach vielen Jahren Lebensgemeinschaft ging ich auf Grund von Unpässlichkeiten, zur damals glaube ich ältesten Gynäkologin von Wien. Ich hätte nie an ein Kind gedacht, da ich eigentlich der Meinung war, dass ich keine bekommen kann. Sie sagte diesen verhängnisvollen Satz: "Sie sind schwanger und es ist so und so groß!". Ich glaube sie verwendete das Wort "Mädel", was ich nun wirklich nicht mehr war. Ultraschall hatte sie auch keines, aber wie schon erwähnt, sie war sehr erfahren.

In meinem Kopf drehte sich alles. Ich rief meinen Lebensgefährten an, dass er auf der Stelle dorthin kommen solle, wo ich jetzt sitze. Er kam und war genauso erstaunt wie ich.

Ich hatte mit Babys nie etwas zu tun. Das erste Kind, das ich gewickelt habe war mein eigenes. Also, wie ich jetzt schon verraten habe, lief die Schwangerschaft gut. Mein Job wurde natürlich nicht verlängert und ich konnte weder in Karenz gehen, noch gab es ein Kindergeld. Sogar die früher üblichen Gelder, die man bei der Geburt eines Kindes bekam, waren gerade abgeschafft worden. Ich arbeitete in sogenannten prekären Arbeitsverhältnissen bis zwei Wochen vor der Geburt und eine Woche nach der Geburt ging es mit diesen Jobs weiter. Kleine Forschungsprojekte über Randgruppen, die keine Lobby haben. So kam es dann natürlich leider auch dazu, dass ein gut dotiertes Forschungsprojekt - es war am 21. Dezember - auf nahezu Null heruntergekürzt wurde. Es war bald Weihnachten und ich war nicht nur für mich verantwortlich, sondern auch für andere im Projekt. So verzichtete ich auf ein ganzes Jahr Arbeit, hatte gerade einmal einen etwas mehr als 3 Monate alten Sohn und verstand die Welt nicht mehr, wie aus einer Zusage eine Absage werden konnte und das im Nachhinein.

Ängste

Während der Schwangerschaft hatte ich so meine Ängste. Ich wollte nicht heiraten und einer meiner Stehsätze war: "Wenn ich es alleine mit dem Kind nicht schaffe, dann kann ich keines kriegen!" Ich hasste Abhängigkeiten. Ich habe es bei meinen Eltern gesehen, welche Besitzverhältnisse meines Vaters auf meine Mutter tierähnlich überschwappten. Wie schon geschildert beruhten die Ängste nicht auf irrationalen persönlichen Ideen, sondern waren dem System immanent. Mein Lebensgefährte wollte in Karenz gehen. Er hätte nur in Karenz gehen können, wenn ich einen Anspruch auf Karenz gehabt hätte. Er war im Bundesdienst und da ich keinen Karenzanspruch hatte, konnte er keinen anmelden. Resultat war, dass zu der Überraschung Kind sich einige Unannehmlichkeiten gesellten. Keine Sicherheit, trotz geleisteter Arbeit keine Entlohnung, keinen Groschen (damals gab es noch den Schilling) zum Leben. Die damalige Familienbeihilfe reichte nicht mal für den Windelbedarf eines Monats. Meine Ängste entstanden aus sehr konkreten realpolitischen Gegebenheiten und Umständen. Der Umstand, dass ich eine sogenannte alte Erstgebärende war, störte mich nicht, obwohl ich es fast von jedem erzählt bekommen habe.

In den 60iger 70iger Jahren, als meine Mutter mich auf die Welt brachte, gab es sichere Arbeitsplätze, gab es das Recht auf Karenz und Karenzgeld und ein Rückkehrrecht in den Beruf. Diese wirtschaftliche Aufschwungzeit und Babyboomer Zeit wurde für die Babys der Babyboomer Zeit zum Verhängnis. Die Einkommensschere ging immer weiter auseinander. Die Vergünstigungen für Familien, Babys gingen massiv zurück. Junge Frauen stellte man nicht mehr an, weil die könnten - ja - Kinder bekommen. Man sprach es nicht aus, aber es war klar, wenn man zum 50igsten mal in einem Dreiervorschlag war und der junge Mann genommen wurde. Ich hatte meine Studien mit Auszeichnung abgeschlossen und diverseste Zusatzausbildungen. Also hätte ich mich eigentlich umoperieren lassen müssen, denn als normal Sterbliche ohne politischen oder sonstigen Schieber, war frau zum Scheitern verurteilt, oder eben zu prekären Arbeitsverhältnissen.

Im Großen und Ganzen ging die Schwangerschaft gut. Die Schwangerschaft war für mich wie drei Pubertäten, nur eben zusammengedrängt in etwas mehr als 9 Monaten. In der ersten Hälfte bekommt man größere Brüste und findet sich selbst sehr verändert im Spiegel. Dann kommt der riesige Bauch und die Dominanz der Brüste rückt in den Hintergrund. Man betrachtet sich wieder und glaubt es kaum. Na und die dritte Pubertät ist ein paar Tage nach der Geburt, wenn der Bauch zwar weniger, aber weich und die Brüste wegen dem Milcheinschuss zu platzen drohen und ungeahnte Dimensionen annehmen, die mich persönlich nicht mit großer Freude erfüllten und in meinem Bewegungsdrang einschränkten.

Geburt

Die Geburt war ziemlich flott und wie ich es ausdrücken würde: "Wenn ich mich entschieden habe einen Berg zu besteigen, dann mach ich es möglichst flott und ohne lange Pausen!" Das einzige, was mir vor der Geburt sehr zu schaffen machte war, dass man nicht umdrehen kann, dass man nicht sagen kann, jetzt hör ich auf, ohne mich, morgen weiter! Also diese Unabänderlichkeit, den Weg zu Ende gehen zu müssen. Kaiserschnitt wäre für mich nie in Frage gekommen. Es war heftig und trotz der Bemerkung der Ärztin, dass es noch 8 Stunden dauern wird, in etwas mehr als zwei Stunden hinter mir. Ich bin dann auch gleich nach Hause geflüchtet, also es war eine sogenannte ambulante Geburt.

Da war es nun da das Baby, welches männlich war. Ich wickelte ihn ein halbes Jahr, um dann doch mal bei Pampers anzurufen und zu fragen: "Wo gehören nun diese Bären hin? Vorne oder Hinten? Man kann das auf der Beschreibung nicht erkennen!" Die Dame am anderen Ende gluckste seltsam und konnte erst nach geraumer Zeit antworten. Alle lachen, wenn ich das erzähle. Ich sagte ja schon, ich wäre der beste Priester geworden, denn diese tierischen Komponenten des Lebens haben mich sehr irritiert, wie zum Beispiel das Stillen. Ich kam mir anfänglich dabei fürchterlich vor. Wie eine Kuh! Ich wollte eigentlich keine Mutterkuh sein. Es hat aber trotzdem alles super geklappt und ich habe meinen Sohn 8 Monate gestillt. Alles, was ich über Babys wusste, habe ich mir angelesen. Persönliche Erfahrungen hatte ich wie schon erwähnt keine. Er hat es überlebt und gar nicht schlecht. Er macht bald die Matura und so viel kann ich verraten. Er hat auch noch eine Schwester. Sogar ich bin reingewachsen, trotz aller Unbillen. Die Kinder lassen einem meist genügend Zeit zu lernen, man/frau wächst mit. Auch wenn man es sich noch nicht so vorstellen kann, es geht. Die Umwelt und politischen Wetterlagen, sind eher Hindernisse. Wenn ich jetzt zurückschaue: Bei keinem meiner Kinder, auch nicht bei meiner Tochter habe ich, mein Lebensgefährte oder eines der Kinder eine finanzielle Zuwendung bekommen (außer der Familienbeihilfe). Beide Kinder waren dem Staat Österreich nicht viel wert. Ich musste auch noch all die Stempelmarken für die Dokumente kaufen, von Geburtsurkunde, bis Staatsbürgerschaftsnachweis und Pass, das war ganz schön teuer. Ich habe für beide Kinder immer eine gute Betreuung benötigt, damit ich arbeiten kann. In Wien ist bekanntlich die Kinderbetreuung am teuersten. Wenn du als Frau nicht arbeitest, oder nur Teilzeit, oder gar nicht, läufst du Gefahr zu der Schar der Frauen zu zählen, die zur sogenannten Altersarmut gehören werden. Zu wenig lange gearbeitet, zu geringen Verdienst, weil nur Teilzeit und deswegen so geringe Pensionen, dass sie davon nicht einmal die Miete bezahlen können. Also ich habe mir zusammengerechnet wie viel ich bis jetzt an Kinderbetreuung für beide Kinder gezahlt habe - es ist ein Haus, welches ich nicht gebaut habe. Ein ganzes Haus habe ich gezahlt - nur für Kinderbetreuung, damit ich arbeiten kann.

Jetzt werden die Kinderbetreuugsplätze gratis bis erschwinglicher. Jetzt bekommt eine Studentin ein Kindergeld und eine erhöhte Familienbeihilfe. Ich finde das wirklich gut. Die nächste Generation sollte Österreich etwas wert sein. Aber eine Ungleichbehandlung all derer ist es, die wie ich oft bis zur Erschöpfung arbeiten und gearbeitet haben. Ich zahle gerne für Kinder und deren Betreuung, dennoch finde ich sollte es einen gerechteren gesellschaftlichen Vertrag geben. Mehr Gerechtigkeit zwischen den Generationen und eine gerechtere Umverteilung. Die jungen Menschen und Kinder sollten dem Staat etwas wert sein, nicht das Festschreiben von Abhängigkeiten, wo wiederum eine neue Schicht von Armen programmiert wird. Die neue Armut werden die Frauen meiner Generation sein, die daneben nicht arbeiten konnten oder durften. Wer wird diese Frauen unterstützen? Plötzlich waren so viele Milliarden da, für Banken und Spekulanten - diese sollten in Bildung und Bildungschancen gesteckt werden und nicht in Banken und dubiose heruntergewirtschaftete Betriebe, wo einige wenige Profit gescheffelt haben.

Jede Frau kann es schaffen, wenn sie die Mitverantwortung des Partners einfordert und unterstützt. Sie muss aber in Anbetracht der Kurzlebigkeit von Beziehungen auf ihre finanzielle Unabhängigkeit achten. Eine unterbrochene Erwerbsbiographie sollte eine Selbstverständlichkeit für beide Geschlechter sein. (Mira Mai, dieStandard.at, 1.8.2009)

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    "Beide Kinder waren dem Staat Österreich nicht viel wert."

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