Grellbuntes Elend

31. Juli 2009, 17:46
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Wer behauptet, die unsäglichen Nachmittags-Talkshows der Privatsender seien der Tiefpunkt medialer "Unterhaltung", der hat noch nie Frauentausch bei RTL 2 gesehen

Wer behauptet, die unsäglichen Nachmittags-Talkshows der Privatsender seien der Tiefpunkt medialer "Unterhaltung", der hat noch nie Frauentausch bei RTL 2 gesehen. Das Rezept dabei ist denkbar simpel: Man nehme zwei Familien aus konträren Milieus und tausche zwei Mitglieder eine Woche lang aus.

Am Donnerstag (21.15 Uhr) wurde die kinderliebe, familienfreundliche, ordnungsliebende Hausfrau Peggi aus einem kleinen Dorf in Brandenburg in den Ostberliner Plattenbau verpflanzt, was allein schon für einen Kulturschock reicht.
Doch dort kommt es noch schlimmer. Abgesehen von Staub und Schmutz findet Peggi eine überforderte 19-Jährige mit Baby Samanta vor: Sarah, wasserstoffgelbe Haare, "Arbeit suchend" - die Chiffre also für „deutsche Unterschicht".

Was sie denn so mit ihrem Kind mache, fragt Supermama Peggi. "Fernsehen", antwortet Sarah und weint, was aber nicht am TV-Programm liegt. Das grell, bis ins schmutzige Badezimmer ausgeleuchtete Elend ist so erdrückend, dass der neunmalklugen Peggi auch nichts mehr einfällt, außer bunten Plastik-Nippes im kargen Wohnzimmer umzudekorieren.
Sarahs Schwester, die "Erotikdarstellerin" werden will, nervt derweil Peggis tüchtige Familie. Natürlich packt sie nicht im Haushalt an, sondern fläzt sich in der schicken Badewanne und überlegt, wo im Haus man am besten Sex haben könnte, wofür sie jedoch einen weniger druckreifen Ausdruck verwendet.

Das Ganze hat nur einen Sinn und Zweck: Menschen, die ohnehin schon am Boden sind, noch einmal zu erniedrigen, indem man ihnen zwei Stunden lang eine Musterfamilie vor Augen hält. Dann lieber Nachmittags-Talk. Der dauert wenigstens nur eine Stunde. (Birgit Baumann, DER STANDARD; Printausgabe, 1./2.8.2009)

  • Sarahs Schwester Janine.
    foto: rtl.de

    Sarahs Schwester Janine.

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