Leben des Kleinen Rimbaud

31. Juli 2009, 18:38
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Pierre Michon ist ein vollendeter Biograf und einer der auffälligsten Autoren Frankreichs - Nun hat er sich mit Rimbaud befasst

Pierre Michon trat als vollendeter Biograf in die Literatur ein. Ihm fehlte zudem die Scheu vor dem eigenen Ich. Die Leben der kleinen Toten, das Buch, das ihn zu einem der bekanntesten und auffälligsten Autoren Frankreichs machte, mischten abschnittweise Fremd- und Eigenbiografie. Michon zeigte sich als Meister der Unannehmlichkeit und des Schreckens, die Fremdbiografien packten (und kratzten) durch Detaildichte, die Autobiografien (im Plural, denn er sah sich mit jedem Neuansatz anders) durch die Auslese von exzessivem Katastrophenmaterial. Der Leser wurde im Gefolge des Autors in die untersten denkbaren Lebenssituationen gerissen. Ein anderer kann darüber nicht schreiben, weil ihm das Sensorium für diese Momente fehlt. Michon schreibt über Alkohol dort, wo sonst einer liegen bliebe und auf der Bahre zum Notarzt getragen würde.

Rimbaud der Sohn, als Nachfolge der Leben, wendet sich zwar eindeutig der Fremdbiografie zu, verlässt aber den objektivierenden Stil des Von-außen-Blickenden, fällt beim Fremden in einen Furor eigenen Erlebens. Die Vorstellung ist nicht vermessen, Michon habe diesen Rimbaud aufgeschlitzt und sich seine Haut übergezogen. Als hätte er dies gemerkt und wolle sich schützen, objektiviert Michon Rimbauds Schicksal, bringt in jeden seiner Sätze die mehr als hundert Jahre Distanz zu ihm hinein.

Er entmenschlicht ihn und verleiht ihm die sozialen Reaktionen eines Automaten. So und nicht anders musste sich einer verhalten, der genau in die für ihn offengelassene gesellschaftliche Lücke fiel, die ihm gnadenlos die Richtung nach oben wies.

Michon ist kein Determinist, allerdings ist sein in allen Tonarten variiertes "Ich kann ... nein, er kann nicht anders" eine traumatisierende Kontroll- und Leitplankenschilderung.

Rimbaud, wie Michon ihn sieht, ist zunächst ein an Reizmangel leidender Provinzler mit einer überstarken Mutterbindung. Nach der Ankunft in Paris reiht er sich in die dortigen Autorencliquen ein. Michon unterwirft den heute zum weltliterarischen Kernbestand gehörenden Autor einem webstuhl-artig hin und her zuckenden Blick und schreibt ihm ebendies, nämlich zur Weltgrundlage zu werden, als Pflichtprogramm vor.

Rimbaud kann in dieser Umgebung (gemeint ist: im Licht, das der Autor auf ihn wirft) seine ersten und folgenden Gedichte nicht aus Inspiration schreiben, sondern er erfüllt nichts Weiteres als das ihm - von heute aus gesehen - aufgetragene Programm des "meteoritischen Aufstiegs" . In dieser eigenartigen Sicht löst Rimbaud seine Wortfolgen und Sätze nicht aus einem Hang zu frühem Surrealismus auf, sondern er schlägt damit seine Konkurrenz, die auch weltberühmt werden möchte, aber eben klassische poetische Wortfolgen produziert. Sie liegt damit in der Zeit, er aber hat das Posthume für sich.

Michons monströse Satzkonstruktionen, gegen welche sich Thomas-Mann-Sätze wie Bauklötze aus dem Kindergarten ausnehmen, treiben den Leser in eine Fremd- und Selbstanalyse. Wer zum Teufel ist dieser Rimbaud, der in jeder Einzelheit neu daherkommt und dann doch derselbe scheint wie der bekannte?

Die Michon'sche Interpretationsmaschine deutet vier, fünf Szenen aus dem damaligen Pariser Autorenleben als Stufen auf dem Weg zur Weltdominanz. Meisterlich und wie üblich kopfzerdrehend eine lange, etwaige Sonntagsidyllen brutal sezierende Sequenz einer naiv wirkenden Pariser Autorengruppe (mit Rimbaud als fidelem und noch "normalem" Mitkumpan), die zu Daguerres Stellvertreter pilgert, um sich in seiner Werkstatt ein Gruppenfoto machen zu lassen. Gewaltig und nicht unbedingt lusterzeugend die affenartig klammernden Beischlafszenen zwischen Rimbaud und Verlaine. In einem abblätternden Hotelzimmer, zwischen langen Absinth-Schlucken, bespringen sie einander. Radikal seiner Perspektive des Spätergeborenen verpflichtet, lässt Michon Rimbauds ebenso blitzartigen Abstieg, seine Beinamputation, seinen Zerfall in jugendlichem und verkommenen Alter weg. Er zeichnet aber die Katastrophe deutlich vor.

Genauigkeit schert Michon nicht. Sein Rimbaud wirkt genial, aber das würde Michon auch für sich selbst in Anspruch nehmen. Ebenso wie in seinem Text löst sich immerzu die Welt unter dem genauesten Instrument, dem Mikroskop auf.

Es handelt sich um mikrochirurgische Schneidekunst, nicht für das synthetisierende, nur für das stechende Auge und die gallige Konstitution bestimmt. Der Bericht "Rimbaud" ist kurz. Durch Michons Akte ist ein Hindurchkommen. Die millimeterartig gewaltsam fortdrängenden Sätze sind ebenso einzigartig und drohend übersetzt von Anne Weber, der derzeit wohl besten Übersetzerin deutscher (und französischer) Sprache. (Jürg Laederach, ALBUM - DER STANDARD/Printausgabe, 01./02.08.2009)

 

Pierre Michon, "Rimbaud der Sohn" . Aus dem Französischen von Anne Weber. € 12,20 / 125 Seiten. Suhrkamp, Frankfurt am Main 2009

Zur Person:
Der Schweizer Autor Jürg Laederach (Jg. 1945), den die NZZ einmal einen "radikalen Minimalisten" nannte, wurde für sein Werk mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet. Neben seiner schriftstellerischen Arbeit ist er auch Übersetzer aus dem Französischen (u. a. Maurice Blanchot) und Englischen (u. a. Thomas Pynchon, William H. Gass). Zuletzt erschien von ihm bei Suhrkamp der von Michel Mettler herausgegebene Band "Depeschen nach Mailand".

  • Ein an Reizmangel leidender Provinzler? Arthur Rimbaud.
    foto: ullsteinbild

    Ein an Reizmangel leidender Provinzler? Arthur Rimbaud.

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