Nur ein Wochenende, aber es geht schief: Rainer Merkel schickt einen Familienthera-peuten auf einen Seitensprung nach New York
Erinnern, Wiederholen, Durcharbeiten: Auf diese Formel brachte einst Sigmund Freud seine Heilkunst. Ein Therapieprogramm, das aber ein Gegenüber voraussetzt. Wer sich selbst analysieren will, läuft rasch Gefahr, sich etwas vorzumachen. Sogar dann, wenn man ein erfahrener Psychologe ist. Wie Thomas Kaszinski, der Ich-Erzähler in Rainer Merkels Roman Lichtjahre entfernt. "Es ist nur ein Wochenende. Es ist nicht der Rede wert, aber es geht schief. Und ich frage mich, was eigentlich genau passiert, was genau schiefgelaufen ist. Was ist in New York passiert, frage ich mich." Was in New York passiert ist, ist schnell erzählt: Der Münchner Familientherapeut wollte dort mit seiner Freundin ein Wochenende verbringen. Doch das Wiedersehen mit Judith, die seit Monaten in Washington ein Praktikum absolviert, ging schief: Ein Abgrund an Fremdheit tat sich auf, der Abschied auf dem Port Authority Bus Terminal verlief in erschreckender Sprachlosigkeit.
Jetzt, wenige Stunden vor seinem Rückflug nach München, kämpft Kaszinski um sein "psychisches Gleichgewicht", beginnt mit seiner "Erinnerungsarbeit" . Nicht nur die möglichen Schlüsselmomente des desaströsen Wochenendes werden ins Gedächtnis gerufen, sondern auch frühere Reisen des Paares wie eine Fahrt durch die Mohave-Wüste. Und Erlebnisse ohne Judith: der Besuch einer Schwulenparty auf dem Hudson, die letzte Sitzung vor dem Hinflug mit einem Klienten, ein Treffen mit zwei Callgirls.
Es gibt Bücher, die weniger durch eine originelle Geschichte überzeugen als durch die Art ihrer Darbietung. Merkels dritter Roman ist so ein Fall. Schon in seinen früheren Werken ging es um Protagonisten, die sich in einem eigentümlichen Schwebezustand zwischen Träumen und Wachen befanden. Wie 2001 in Das Jahr der Wunder, Merkels großartigem Debüt mitten aus dem Herzen des New-Economy-Hypes. In seinem neuen Roman kommt die Verabschiedung der Chronologie hinzu, ein von James Joyce bis Christa Wolf altbekanntes Merkmal anspruchsvoller Literatur. Doch imponiert, wie radikal Merkel das "primitiv Epische" , um es mit Robert Musil zu sagen, hier überwindet.
In dem absatzlosen Fließtext wechseln ständig die Zeitebenen, von einem Satz zum nächsten. Während der Therapeut im Hier und Jetzt erst die fremde Wohnung aufräumt, dann zum Flughafen hetzt, durchquert er gleichzeitig immer wieder Erinnerungsräume seiner Psyche, in der es nur ein Nebeneinander gibt: "pures Simultandolmetschertum."
Merkels Erzählkonstruktion führt zu einer extremen Vertiefung und Dehnung der Zeit, während diese dem Protagonisten zugleich davonläuft. Zeit braucht es auch, bis sich der Leser zurechtfindet. Aber dann siegt die Lust am Kombinieren und Ordnen. Was an Kaszinskis Selbstanalyse fasziniert: Wie sich hier ein Psychologe selbst in die Tasche lügt. Dabei ist es gerade die fehlende Chronologie, die entlastende Fehldeutungen provoziert: Lange glaubt man, Kaszinski sei nach dem gescheiterten Wochenende - aus Frust - zu den beiden Callgirls gegangen; dann wird deutlich, dass sein Seitensprung schon vorher geschah.
Den alles entscheidenden Moment, nach dem Kaszinski sucht, gibt es nicht, nur eine Folge symptomatischer Nahaufnahmen, die dem Leser die feinen Risse in dieser Beziehung verraten. Er nimmt gegenüber dem Icherzähler die Therapeutenrolle ein, muss das Erinnerungswirrwarr deuten und analysieren. Dass sich der Protagonist am Ende als jemand entpuppt, der süchtig nach käuflichem Sex ist und, ohne es zu merken, mit seinen Eskapaden jede tiefere Beziehung zu Judith sabotiert, enttäuscht allerdings: So blind gegenüber seinen eigenen Ticks kann selbst ein Psychologe nicht sein. (Oliver Pfohlmann, ALBUM - DER STANDARD/Printausgabe, 01./02.08.2009)
Rainer Merkel "Lichtjahre entfernt". € 18,95 / 208 Seiten. Fischer, Frankfurt am Main 2009