Sporteln ohne Schwerkraft

2. August 2009, 19:01
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Schwimmen trainiert den Kreislauf, erhöht den Energieumsatz und aktiviert die Muskeln. Als Breitensport ist Schwimmen hierzulande leider nicht etabliert

Baden ist nicht Schwimmen. Der Unterschied scheint klar, doch in der Praxis wird die Abgrenzung so scharf dann auch wieder nicht gemacht. Wie sonst ließe sich erklären, dass die meisten Österreicher Schwimmen als bevorzugte Sportart angeben. "Richtiges Schwimmtraining entwickelt sowohl Ausdauer als auch Kraft, Voraussetzung dafür ist aber die richtige Schwimmtechnik", sagt Stephan Dvorak, Schwimmtrainer von Flowsports, einer Gruppe von Trainern, die Menschen in Wien Brust-, Rücken-, Delfinschwimmen und Kraulen beibringt. Brustschwimmen ist am populärsten, "beim sportlichen Schwimmen muss der Kopf allerdings bei jedem Tempo unter Wasser getaucht werden", sagt Sportmediziner Paul Haber. In der aktuellen Ausgabe der Fachzeitschrift Sport- und Präventivmedizin (Bd. 39, Heft 1, 2009) listet er die gesundheitlich positiven Effekte des Schwimmens auf: Verbesserung der Sauerstoffaufnahme, Reduzieren des Körperfettanteils, Senken des Blutdrucks, der Blutfette und eine Erhöhung der Insulinsensitivität. Je häufiger das Training, umso intensiver ist die Wirkung.

Und das bis ins hohe Alter. Sogar Laufen im hüfthohen Wasser ist eine gute Übung, weil dabei viele Muskelgruppen bewegt werden. Wer gleichzeitig auch noch mit den Armen paddelt, trainiert zusätzlich die Schultermuskulatur. "Der Widerstand des Wasser wird ausgenutzt, um die Muskeln zu stärken", erklärt Haber. Sein Nachsatz: Selbst Menschen, die nicht schwimmen können, könnten diesen Vorteil für sich nutzen. Und darüber, dass Ausdauersportarten einen überaus positiven Einfluss vor allem auf Diabetes-Patienten haben, gäbe es tonnenweise Literatur. So kennt Haber viele Fälle von Altersdiabetes, die mit Kraft- und Ausdauertraining sogar geheilt werden, Patienten mit Diabetes II können ihre täglichen Insulindosen reduzieren.

Denn Schwimmen ist eine hochkomplexe Sportart: "Die Anfangsprobleme sind individuell. Häufige Probleme sind die Atmung, der Beinschlag, die Wasserlage oder die Koppelung von Arm- und Beinbewegungen", erzählt Schwimmtrainer Dvorak. Wer die Anfangshürden genommen hat, könne erleben, dass Schwimmen vor allem auch eine entspannende Wirkung hat. "Wer richtig schwimmt, braucht selbst auf langen Distanzen die Atemfrequenz nicht zu erhöhen", so Dvorak.

Wer Schwimmen als Sport mit allen körperlichen Benefits betreiben will, muss oft trainieren: drei Tage in der Woche, zu Beginn 20 Minuten und dann um alle sechs Wochen je um zehn Minuten die Schwimmzeit erhöhen. Idealerweise wird dreimal 40 bis 60 Minuten pro Woche trainiert, "und das ein Leben lang", sagt Haber.

Suboptimale Bedingungen

Eine der größten Hürden für Sportschwimmer in Österreich ist es jedoch, ein geeignetes Schwimmbad mit für Berufstätige geeigneten Öffnungszeiten zu finden. Vormittags sind die Schwimmbäder meist für Schulklassen reserviert, abends für die Schwimmvereine. "Schwimmkultur ist in Österreich ein Fremdwort, bei uns wird gebadet, deshalb werden keine Schwimmbahnen für unterschiedliche Schwimm- niveaus abgetrennt. In Ländern wie Großbritannien oder Holland ist das normal", kritisiert Dvorak und hofft, dass die Politik den volkswirtschaftlichen Nutzen von Schwimmtraining noch entdecken wird. Für Martin Kotinsky von der MA 44, dem Magistratsamt in Wien, das für die Bäder zuständig ist, ist das vor allem ein Platzproblem. Zwar gäbe es viele Anfragen von Vereinen und Privatpersonen, doch die Bedürfnisse von Badenden und Sportschwimmern zu vereinen sei rein logistisch in Wiens Bädern einfach nicht möglich. Kotinsky verweist auf die speziellen Angebote der Schwimmvereine, "Vereine bieten mittlerweile ja auch Seniorenschwimmen an", so sein Hinweis. Otto Klenner, Obmann der Schwimm-Union Wien, fühlt sich durch derartige Aussagen verhöhnt. "In Wien gibt es ein einziges 50-Meter-Becken, und das soll demnächst wegen Sanierung geschlossen werden. Wir wissen schon jetzt kaum, wo wir trainieren sollen, und die Stadt Wien schaut seit Jahren zu", äußert er sich empört. Ohne Spitzensport und die entsprechende Förderung könne es auch kein verstärktes Angebot für den Breitensport geben, sagt Klenner. Dabei ortet auch er Bedarf, weil "viele einfach nicht richtig schwimmen".

Wider die Depression

Für Sportmediziner und Ex-Schwimmprofi Haber wären solche Probleme mit dem nötigen politischen Willen leicht lösbar. Was fehlt: "Problembewusstsein bei den Politikern, die sich endlich bewusst werden sollen, dass in unserer Gesellschaft zu wenig Bewegung gemacht wird, Schwimmen ist für alle Altersstufen eine ideale Möglichkeit." Dass Schwimmen eintönig ist, sagt Haber, sei vielen Menschen gerade recht, auch für depressive Menschen sei Schwimmen eine gute Sportart. Durch die Aktivierung der Muskeln, die körperliche Anstrengung und den Flow im Wasser werden Hormone aktiviert - zum Beispiel Serotonin, das Menschen einfach fröhlicher macht. (Karin Pollack, DER STANDARD, Printausgabe, 03.08.2009)

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    Einfach abtauchen: idealerweise dreimal pro Woche für zumindest 20 Minuten

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