Zwischen Erfahrung und Evidenz

  • Wie wirkt eine Behandlungsmethode und lässt sich die Wirkung einer Therapie wissenschaftlich beweisen?
    foto: ap/thomas kienzle

    Wie wirkt eine Behandlungsmethode und lässt sich die Wirkung einer Therapie wissenschaftlich beweisen?

Um die Wissenschaftlichkeit komplementär- medizinischer Methoden wird viel diskutiert - Ist evidenzbasierte Alternativmedizin eine Utopie?

Homöopathie, Ayurveda, Akupunktur oder Aromatherapie - völlig egal von welcher alternativmedizinischen Behandlungsmethode die Rede ist, die Meinungen darüber könnten nicht gegensätzlicher sein. Im Wesentlichen dreht sich bei Befürwortern wie Gegnern aber immer alles um eine Frage: Lässt sich die Wirkung einer Therapie wissenschaftlich beweisen, beziehungsweise ist überhaupt nachvollziehbar wie eine Methode wirkt?

An diesem Punkt - allgemein wird auch von Evidenzbasiertheit geredet - scheiden sich regelmäßig die Geister. Was man darunter versteht, weiß Gerald Gartlehner, Leiter des Departments für Evidenzbasierte Medizin und Klinische Epidemiologie an der Donau-Universität in Krems nur allzu gut: „Evidenzbasierter Medizin ist die Integration der besten verfügbaren wissenschaftlichen Evidenz in klinischen Entscheidungen". Was in der Praxis soviel heißt wie: Ärzte arbeiten nicht mehr basierend auf ärztlicher Erfahrung, sondern greifen bei der Wahl ihrer Therapien auf das Ergebnis doppelblinder Studien zurück. Die Cochrane Collaboration, ein internationales Netzwerk von Wissenschaftern und Forschern, hat sich die Verbesserung wissenschaftlicher Grundlagen für Entscheidungen im Gesundheitssystem zur Aufgabe gemacht. Das Erstellen, Aktualisieren und Verbreiten systematischer Übersichtsarbeiten zur Bewertung von Therapien ist im Wesentlichen ihre Funktion.

Reduziert auf Parameter

Der Begriff Evidence based ist also klar definiert, jedoch nicht unumstritten, denn individualisierte Medizin durch Studien schließt sich per sei eigentlich aus. „Evidenzbasiertheit arbeitet mit Vereinfachungsmechanismen, von Interesse ist nicht der Mensch in seiner Gesamtheit sondern nur einige wenige Parameter", konkretisiert Ulrike Felt, Leiterin des Instituts für Wissenschaftsforschung in Wien und führt weiter aus wie klassische Medizin funktioniert: „Viele Indikatoren werden gesammelt um daraus eine Mittelwertsbehandlung für den durchschnittlichen Menschen zu destillieren". 

Klingt nicht gerade sympathisch, macht aber durchaus Sinn, denn nur standardisierte Verfahren räumen Patienten in unserem Gesundheitssystem auch das Recht auf bestimmte Therapien ein. Die Krankenkassen zahlen, allerdings nur wenn sich eine Krankheit auch belegen lässt.

Erfahrung zählt

Stellt sich die Frage, was hat Evidenzbasiertheit in der Komplementärmedizin überhaupt verloren, wenn schon so mancher konventionelle Mediziner damit seine Schwierigkeiten hat? „In der Alternativmedizin geht es weniger um diese Form der Überprüfbarkeit, sondern eher darum wie viel Wissen und Erfahrung ein Arzt zu bieten hat", betont Felt und ist sich der Schwierigkeit einer Objektivierung hier durchaus bewusst. Homöopathie oder Akupunktur sind nun einmal nicht darauf ausgerichtet das komplexe Wesen Mensch zu vereinfachen. Im Gegenteil hier wird das Gesamtbild Mensch in seiner Beziehung zur Umwelt erfasst. Der Begriff ganzheitliche Medizin steht für diese Betrachtungsweise. Dem Wunsch nach klinischen Studien im Bereich der Komplementärmedizin wird selbstverständlich trotzdem Folge geleistet. Ob sie allerdings von Relevanz für den praktizierenden naturheilkundlichen Arzt ist, bleibt offen.

Dass es nicht nur um Wissenschaftlichkeit und Evidenzbasiertheit geht, zeigen in Österreich die Psychotherapien, deren Kosten zum Teil von den Krankenkassen übernommen werden. „Evidenz heißt ja nur dass es etwas bewirkt, aber noch lange nicht dass ich es auch wirklich verstehe", betont die Wissenschaftlerin und ist bei der Verwendung des Begriffes „wissenschaftlich" deshalb eher vorsichtig. (Regina Philipp, derStandard.at, 20.08.2009)

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