Strom als Perspektive, Öl als Realität

31. Juli 2009, 16:49
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Obwohl das Elektroauto als Problemlöser in den Vordergrund geschoben wird, setzt die Autoindustrie auf den Verbrennungsmotor. Auch Daimler

Während die Autoindustrie die Ärmel hochkrempelt und darauf bedacht ist, sich möglichst innovativ zu zeigen, verlieren wir langsam den Überblick. Im konkreten Fall stellt sich zum Beispiel die Frage: Wo will Daimler hin? Nach der Trennung von Chrysler sind die Stuttgarter ohnehin ein wenig zerzaust dagestanden, und auch auf den ersten Blick wirkt die aktuelle Smart-Mercedes-Produktpalette nicht durchgehend schlüssig.

So versuchte man kürzlich zu zeigen, wo es langgeht: Kernthemen sind die Elektrifizierung des Antriebsstrangs und der absolut saubere Dieselmotor. Das bedeutet fürs Erste einmal: Alle Modelle werden sowohl im Verbrauchs- als auch im Abgasverhalten mit zahlreichen Detailmaßnahmen drastisch verbessert. Die Hybridisierung, die mit dem S 400 h gerade begonnen hat, wird sich rasch verdichten. Das heißt, die Kombination Verbrennungsmotor mit Elektromotor ist das Kernthema für die nächsten Jahre.

Um die Stückzahlen rasch hochschrauben zu können, setzt man auf einen "modularen Hybrid-Systembaukasten". Die Vielfalt an Systemen deutet nicht unbedingt darauf hin, dass man jetzt schon genau wüsste, wie es wohl künftig weitergeht. Ein wichtiger Eckpunkt scheint jedoch ganz sicher: "Ab 2012 verfügt Daimler über exklusive Produktionskapazitäten für modernste Lithium-Ionen-Batterien, die dann für alle automobilen Anwendungen bedarfsgerecht hergestellt werden können."

Parallel dazu versucht man, das Thema Elektroantrieb hochzuziehen, allerdings soll es zu keinem Knalleffekt kommen. Man orientiert sich an internationalen Studien: dass auch 2020 der Marktanteil an Elektrofahrzeugen nicht wesentlich über zehn Prozent liegen wird. Und man hält sich auch hier vieles offen.
Dreischienenvision

Drei Schienen werden genannt: Der reine Elektroantrieb mit Lithium-Ionen-Batterien als Energiespeicher und einer Reichweite von 200 Kilometern, der Wasserstoff-Brennstoffzellenantrieb (Reichweite 400 km) und das Elektrofahrzeug mit Range-Extender, also einem kleinen Verbrennungsmotor zum Nachladen der Batterien bei Bedarf (600 km).

Die Entwicklung dieser Systeme erfolgt anhand eines Konzeptfahrzeugs auf Basis der B-Klasse. Damit sollte die Sandwich-Bodenkonstruktionen der Mercedes-Fronttriebler doch noch längerfristig ihre Sinnhaftigkeit unter Beweis stellen, nämlich zwecks Unterbringung unterschiedlichster Energiespeicher und Aggregate, woran man ja schon ursprünglich gedacht hatte, als man 1998 die A-Klasse präsentierte. Wichtig ist natürlich immer auch ein klingender Name. Die Programme hier lauten Blue Zero E-Cell beziehungsweise F-Cell und E-Cell-Plus.

Eine wichtige Säule der Forschungstätigkeit ist die Erprobung. Obwohl keinerlei Aussicht besteht, dass die Wasserstoff-Brennstoffzelle in absehbarer Zeit tatsächlich auf den Markt kommen wird (wenn überhaupt), beginnt man jetzt mit der Produktion einer Kleinserie von B-Klasse-F-Cell-Fahrzeugen. Damit nimmt man an einem Großversuch in Hamburg teil, wo bis 2014 auch vier Wasserstofftankstellen in Betrieb gehen sollen.

In London läuft derzeit noch der Großversuch mit 100 Elektro-Smarts auf Basis alter Zebra-Batterien. Die nachfolgende Li-Ion-Batterie soll schon aus der Zusammenarbeit mit Tesla hervorgehen. In Berlin sind 100 Elektro-Smarts und Elektro-Mercedes unterwegs. Der Stromversorger RWE entwickelt 500 Stromladestationen. Ein ähnliches Projekt läuft ab nächstem Jahr mit Enel in Italien an, und zwar in Rom, Mailand und Pisa. Weitere Projekte in Europa und den USA sind in Vorbereitung. (Rudolf Skarics/DER STANDARD/Automobil/31.7.2009)

  • Mercedes Blue Zero E-Cell: Der Versuchsträger ist elektrisch unterwegs.
    foto: skarics

    Mercedes Blue Zero E-Cell: Der Versuchsträger ist elektrisch unterwegs.

  • E-Cell-Konfiguration mit Range-Extender - also mit kleinem Verbrennungsmotor zur Steigerung der Reichweite auf circa 600 km.
    foto: werk

    E-Cell-Konfiguration mit Range-Extender - also mit kleinem Verbrennungsmotor zur Steigerung der Reichweite auf circa 600 km.

  • Mercedes S 400 Hybrid, Concept Blue Zero E-Cell, B-Klasse F-Cell, Smart
Fortwo electric drive. Die Autos können alles - außer Deutsch.
    foto: werk

    Mercedes S 400 Hybrid, Concept Blue Zero E-Cell, B-Klasse F-Cell, Smart Fortwo electric drive. Die Autos können alles - außer Deutsch.

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