Von Engeln und Teufeln

2. August 2009, 16:45
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Immer weiter ging es an der Küste entlang nordwärts. In Liepaia war Zeit für ein paar Tage Rast und einen Traum vom Fischen

Eine alte Frau schimpft mich, weil ich für einen Moment meine kleine Kamera unbeaufsichtigt auf dem Stuhl gelassen habe, um mir zum Nachtisch eine Roggenbrotsuppe mit frischer Himbeersoße zu holen. So laut nimmt sie mich ins Gebet, dass sich das ganze Lokal umdreht. Sie gestikuliert wild, ihre russischen Worte prasseln auf mich nieder, ihr schönes, faltiges Gesicht wird unter dem gelben Kopftuch zum Dieb, der sich mit zusammengekniffenen Augen anschleicht und blitzschnell die Kamera schnappt.

Alle möglichen Variationen des Raubes stellt sie mir vor, und ich lache und danke ihr immer wieder, glücklich über diese Besorgnis und die laute Wichtigkeit ihrer Worte. Ein Lächeln zum Schluss, dann geht sie. Und obwohl keinerlei Gefahr bestanden hatte für die Kamera, weiß ich, man kann diese Schutzengel gar nicht ernst genug nehmen, und bemühe mich seither, vorsichtiger zu sein. Nicht vorsichtig genug, wie ich noch erfahren sollte.

Einladung auf ein Fischerboot im Hafen von Liepaia - ein zwanzigjähriges Roststück aus Sowjetzeiten, das jetzt für ein paar Tage zur Reparatur hier liegt. Der riesige Dieselmotor muss überholt werden, und die auseinanderfallende Schale des Kutters hier und da geflickt. Zwei Fischer, Ints und Dainis sitzen in der Kajüte und Egons, der Elektriker. Janis, der Schweißer, hat mich entdeckt, als ich mit meiner Kamera um die schönen bunten Schwimmer der Netze auf dem rostigen Vordeck schlich.

Ein paar Fragen, und schon hakt er mich unter und führt mich in die Kajüte, stellt mich den drei anderen vor und drückt mir ein Bier in die Hand. Die vier haben Feierabend, es ist Freitag, und nach einer ausgiebigen Bootsführung erzählt mir Ints, ein gutmütiger Hüne mit gefährlich tätowierten Oberarmen, vom Leben als Fischer. "Sobald die Meldung kommt, dass draußen irgendwo Fische sind, klingelt das Telefon, und es geht los.

Die Regeln sind einfach: Wir bleiben solange draußen, bis der Lagerraum voll ist. Die Kühlung ist kaputt, deshalb müssen wir vorher Eis bunkern. Gearbeitet wird ununterbrochen, geschlafen nur ein paar Stunden. Netze raus, Netze rein, Fische sortieren, die Kleinen zurück ins Meer, die anderen ausnehmen und in die Luke hier. Das Geld ist gut - aber nur, wenn wir voll zurückkommen. Wenn nicht, gibt's nichts. Und für die ganze Wartezeit an Land auch nichts." Die anderen nicken, trinken ihr Bier. Dann steht Janis auf und wirft tiefgekühlte Pelmeni in siedendes Öl. "Zum Bier!" meint er ernst. "Sonst kannst Du nichts trinken!"

"Stimmt's", sagt Ints, "Stalin war schlimmer als Hitler?!" "Nein" sage ich. "Die schmoren beide in derselben Hölle. Wie Deine Pelmeni hier. Bis in alle Ewigkeit." "Hast Recht", antwortet er, trinkt, und dann sagt er lange nichts mehr.

Eine Woche noch, dann soll der Kahn wieder flott sein. Janis bemerkt meine zweifelnden Blicke. "Das ist sowjetische Qualität. Hält ewig, nur an die Menschen hat damals niemand gedacht. Schau wie klein die Kajüte ist, wie eng die Gänge sind. Menschen waren damals nur so etwas wie Treibstoff. Wie es ihnen ging, wie sie lebten und arbeiteten, war egal. Sie waren fürs System da, und beim Entwurf dieses Bootes wurde an alles andere zuerst gedacht.

Wir sitzen, trinken, reden. "Das nächste Mal", sagt Ints schließlich, als wir uns verabschieden, "wenn Du wieder vorbeispazierst, kommst Du mit uns aufs Meer. Das ist harte Arbeit da draußen, aber gute. Wirst sehen." 

Ich gehe noch etwas an der Mole entlang, schaue aufs Wasser hinaus in diese ewige Helligkeit hier. Dann versuche ich, mich in den paar Straßen von Liepaia zu verlieren, es will aber nicht gelingen. Es wird einfach nicht dunkel, und alle Straßen führen mich immer wieder zu meinem Hotel- so falle ich viel früher als beabsichtigt in einen Schlaf voller Wellen und Stürme, fahre mit Barents durchs Packeis an Nova Zemlya vorbei, auf der Suche nach der Nordpassage. Wir essen rohen Fisch, trinken Dünnbier, segeln wie die Teufel, und wenn es uns zu sehr friert, drehen wir einfach die Temperatur in der Hölle etwas höher. (Markus Zohner)

  • "Das nächste Mal", sagt Ints schließlich, als wir uns verabschieden,
"wenn Du wieder vorbeispazierst, kommst Du mit uns aufs Meer."
    foto: zohner

    "Das nächste Mal", sagt Ints schließlich, als wir uns verabschieden, "wenn Du wieder vorbeispazierst, kommst Du mit uns aufs Meer."

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