Peter Zadek 83-jährig gestorben

    30. Juli 2009, 18:49
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    Der Regisseur prägte das Theater der Nach­kriegszeit wie kein zweiter: auf dem Terrain des schönen Scheins nach der Wirklichkeit

    Hamburg - Als der jüdische Kaufmannssohn Peter Zadek, 1933 nach London emigriert, 1958 nach Köln kam, um am dortigen "Theater am Dom" zu inszenieren, erregte sein Arbeitsstil maßloses Erstaunen. Zadek, der ein Jahr zuvor in London Jean Genets Der Balkon uraufgeführt hatte, woraufhin ihm der Autor mit vorgehaltener Pistole nach dem Leben trachtete, fiel durch Passivität auf.

    Peter Zadek (32) saß auf der Probe, aß Schokolade und enthielt sich jeder Anweisung. Prompt wurden Beschwerden laut: Ein Regisseur, der nichts sagt, sei gar kein richtiger Regisseur. Ein guter Freund riet dem zurückgekehrten Emigranten: "Schrei vor dem nächsten Probenbeginn den Erstbesten an, der deinen Weg kreuzt!" Das Schicksal erkor einen harmlosen Inspizienten zum Zufallsopfer: "Ab da" , erzählte Zadek, der fortan vielleicht wirkungsmächtigste Theatermann der deutschen Nachkriegskultur, "konnte ich in Deutschland Regie führen!"

    Und wie er das tat: Wenn das stockfleckige Wort vom "Regietheater" jemals Sinn ergab, dann mit Blick auf diesen stets salopp bleibenden, in seiner Begierde nach Welthaltigkeit geradezu gefräßigen Figuren-Entdecker.

    Peter Zadek, der seine ersten wirklich großen Erfolge in den 1960er-Jahren in Bremen feierte, als er Shakespeare mit Pop-Art-Zitaten (in den Bühnenbildern von Wilfried Minks) zu provokativer Durchschlagskraft verhalf, war kein Bilderstürmer. Sein Handwerk hatte er in den 1940ern, 1950ern in der walisischen Provinz erlernt: Dort wurden im Wochentakt Konversationskomödien auf wackelige Beine gestellt, während in den umliegenden Kohlenzechen die Schlote qualmten.

    Zadek blieb zeitlebens ein Wolf im angelsächsischen Konventions- (und Konversations-)Pelz. Für das Theoriebedürfnis der Deutschen hatte er bloß Spott übrig. Sobald sich Zadek-Schauspieler - wie Rosel Zech, Heinrich Giskens, Ulrich Wildgruber, Eva Mattes, Angela Winkler - seelisch wie körperlich auf der Bühne vor ihm entblößten, taten sie es, weil Zadek schwieg.

    Das Gesicht hinter Sonnengläsern versteckt, saß dieser hemdsärmelige Gottvater im abgedunkelten Zuschauerraum. Er betrachtete ungerührt das Treiben der Verhaltensauffälligen und Höchstbegabten, die er penibel auszusuchen pflegte. Manchmal wurde drei, vier Monate geprobt, gelegentlich auch ein geschlagenes halbes Jahr.

    Wenn der vor Hilflosigkeit brüllende Wildgruber als "Mohr" Othello (1976) die hüftbreite Eva Matthes (als Desdemona) mit schwarzer Schminke beschmierte und sie nach vollbrachter Erdrosselung über die Vorhangschnur hängte, mit dem entblößten Gesäß zum Publikum, dann geriet das Auditorium verlässlich in Wallung.

    Dabei war Zadek, der als Intendant in Bochum, Hamburg und Berlin wirkte, so etwas wie ein chemischer Projektleiter: Er brachte die Säfte seiner Schauspieler in Wallung. Er verließ sich mehr instinktiv als bewusst auf das Ingenium seiner Mimen, die er zu einer Wahrhaftigkeit an- und aufstachelte, die auf deutschsprachigen Bühnen bis heute ohne Beispiel ist.

    An den gelungensten Zadek-Produktionen hafteten denn auch - wie an geschlüpften Küken - merkwürdige Probierreste: Schalenkrümel, die im meist nur heruntergedimmten Saallicht die Ausgesetztheit und "Vorläufigkeit" von Figurenverabredungen verdeutlichten. Zadek blieb ein Freund "einfacher" Vergnügungen und als solcher ein wohltuender Fremdkörper im Kulturbetrieb. Er ließ die Einstürzenden Neubauten im Hamburger Schauspielhaus Krach schlagen (1987) und drehte Filme, die den Lebenshunger der Nachkriegsgesellschaft schamlos boulevardesk in Szene setzten.

    Jeder Weihegeruch war ihm zuwider. Er widmete seine kostspieligen Bühnenexpeditionen mit Vorliebe dem Dreigestirn Shakespeare - Ibsen - Tschechow und gab sich, vorsätzlich unbesonnen auch in den Äußerungen über Krieg und Nazi-Terror, als lässiger, unzuverlässiger Widerspruchsgeist. Autobiografien schrieb der Mann (der die Wiener Burg um einige der wichtigsten Produktionen in den letzten 20, 25 Jahren bereicherte), als wären es rotzige Monologstrecken, zurückgelegt am Küchentisch - in Lucca, wo der zuletzt herzkranke Star mit seiner Lebensgefährtin, der Autorin Elisabeth Plessen, ein Gut hatte.

    Pläne, in der abgelegenen Mark Brandenburg ein Tourneetheater zu eröffnen, waren bereits gescheitert. Übrig bleibt sein Schwanengesang: die Zürcher Produktion von Shaws Major Barbara im Februar 2009. Ein Unersetzbarer ist 83-jährig gegangen. Nach schwerer Erkrankung, ungesättigt in seiner theatralischen Wissensbegier. (Ronald Pohl / DER STANDARD, Print-Ausgabe, 31.7.2009)

     

    • Peter Zadek, im Bild 1999 als Gast der Wiener Festwochen, wo er das Schauerdrama "Gesäubert"  von Sarah Kane zeigen ließ: Widerspruchsgeist und Förderer der Schauspielersensibilität.
      foto: standard/hendrich

      Peter Zadek, im Bild 1999 als Gast der Wiener Festwochen, wo er das Schauerdrama "Gesäubert"  von Sarah Kane zeigen ließ: Widerspruchsgeist und Förderer der Schauspielersensibilität.

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