Untersuchungsausschuss statt Spekulationsgipfel

30. Juli 2009 17:48

Von den Finanzgebarungen der "Bundesspekulanten" bis zu den Leasing-Geschäften der "Rathauszocker" : Der Aufklärungsbedarf ist groß - Von Josef Hoppichler

Im Herbst 2008 wurde die Kommunalkredit AG verstaatlicht. Sie hatte mit einer Bilanzsumme von 37 Milliarden Euro einen Verlust von über 2,6 Mrd. Euro gebaut - das sind 7 Prozent Verlustmarge. 1,2 Mrd. Euro mussten in Form direkter Haftungen vom Bund übernommen und die Bank mit ihren restlichen Verlusten musste verstaatlicht werden. Die bisherige 49-Prozent-Miteigentümerin und Mitverantworterin, die belgisch-französische Finanzgruppe Dexia-Credit-Lokal, erhielt einen Euro und das Osteuropageschäft noch dazu. "Du glückliche Dexia!" , kann man da nur sagen, übernimmt doch damit der Staat die größte österreichische Bankenpleite der zweiten Republik allein.

Dabei war die Kommunalkredit AG doch das Urprodukt des neoliberalen Konsenses, sie war ein Aushängeschild des "New Public Management" und der "Private Public Partnership" (PPP). Sie war gleichzeitig jener führende Arrangeur für sogenannte Cross-Border-Leasing-Geschäfte (CBL), bei denen die Eisenbahninfrastruktur, Wasserkraftwerke, U-Bahnen und Abwasserkanalnetze in die USA langfristig verleast und nach US-Recht verkauft und dann wieder zurückgemietet wurden, um über Briefkastenfirmen Steuervorteile in Amerika zu lukrieren. In Österreich wurde die Kommunalkredit zu einem Synonym für ungehemmte Spekulation, und dies vor allem durch das Agieren im halböffentlichen Bereich.

Die Realität war aber noch schlimmer: Sogar der Staat Österreich selbst ist mittels seiner Bundesfinanzierungsagentur (ÖBFA) zum Spekulanten geworden und riskierte in seiner Hochzeit knapp vor der großen globalen Finanzkrise - oder war sie zu diesem Zeitpunkt nicht schon ausgebrochen? - mehr als 26 Mrd. Euro, die er in Kreditform aufgenommen hatte. Es ist schwer, irgendeiner Regierungspartei zu glauben, nicht zustimmend genickt oder gar davon nichts gewusst zu haben.

Und so mancher, der halbwegs über die Höhe der Verluste der Kommunalkredit AG und ihrer zypriotischen Tochter informiert ist (bis dato rund 2,6 Mrd. Euro), wird sich wohl auch fragen, ob durch die Umstrukturierungen der Bundesfinanzagentur nicht letztlich die potenziellen Spekulationsverluste alle bei der bereits seit langem "ominösen" Kommunalkredit AG indirekt geparkt wurden bzw. ob die Dexia-Gruppe die Kommunalkredit AG und ihre internationalen Töchter nicht schon die längste Zeit als "Bad Bank" benutzt hat.

Zwar sagt der Finanzminister in einer parlamentarischen Anfragebeantwortung vom Februar 2009, dass es "keine Kooperation im engeren Sinne" gegeben habe, aber die Kooperation "im weiteren Sinne" wäre schon interessant aufzuarbeiten. Immerhin sind das ordentliche Brocken, die da den Steuerzahlern umgehängt werden.

Ich halte es daher für nachgerade unumgänglich, dass die Geschäfte der ÖBFA und parallel dazu die Geschäfte der Kommunalkredit AG bzw. ihrer Töchter sowie der Verstaatlichungsvorgang inklusive des unheimlich "lockeren" Herauskaufs der Dexia-Gruppe von einem parlamentarischen U-Ausschuss untersucht werden.

Es ist doch ungeheuerlich, dass für die größte Bankenpleite und die größten Finanzspekulationen durch die öffentliche Hand in der Geschichte der Zweiten Republik niemand - weder wirtschaftlich noch politisch - zur Verantwortung gezogen wird. Was ist das für eine Demokratie? Wie will man da aus den Fehlern lernen?

Noch dazu ist es lächerlich, wenn andauernd - wie jetzt wieder im Umfeld des "Spekulationsgipfels" - beteuert wird, es werde "intern" untersucht und es gäbe ja schließlich den Rechnungshof. Der Rechnungshof selbst ist nicht geeignet und nicht dafür geschaffen, die makroökonomischen und schon gar nicht die politischen Dimensionen solcher Vorgänge zu untersuchen, wie aus der Lektüre der bisherigen RH-Berichte ersichtlich ist. Der Rechnungshof hat den neoliberalen Mainstream der Politik reproduziert und hat sogar zu diesem "New Public Management" inklusive der PPP geraten. Er prüfte immer nur die Korrektheit der Vorgänge und nicht die Sinnhaftigkeit an sich. Er hat die Gewinne gelobt und schimpft jetzt selbstverständlich bei den Verlusten, aber er kann nicht politische Verantwortlichkeit ersetzen und deshalb auch keine Leitlinien vorgeben.

Vieles, was heute in Form ungerechtfertigter Spekulation passiert, war im Grunde schon seit langem bekannt - und es hat eigentlich genügend Warnungen gegeben. Aber niemand hat reagiert.

Schon 2002 etwa wäre die Poilik gefordert gewesen, sich mit den "Landhauszockern" auseinanderzusetzen, als aushaftende "sichere Wohnbaukredite" einzelner Bundesländer gegen die unsicheren Aktien der Investmentbanken getauscht wurden. Oder es hätten alle Alarmglocken schrillen müssen, als Bürgermeister und staatsnahe Unternehmen Infrastrukturen in die USA via undurchsichtige Verträge verleasten oder als sie die Zinsen für Schuldendienste durch sogenannte "Swaps" am Finanzmarkt austauschten. Solche Bürgermeister werden in der deutschen Wochenzeitung Die Zeit bereits als "Rathauszocker" tituliert.

Mittlerweile hat sich der Aufklärungsbedarf derart vervielfacht (siehe oben), dass die Verweigerung einer parlamentarischen Untersuchung, die die Spekulation der öffentlichen Hand umfassend erhellt, aus meiner Sicht einer demokratiepolitischen Bankrotterklärung gleichkäme.

Manch einer wird jetzt vielleicht mieselsüchtig in tiefster österreichischer Tradition die Stirn in Sorgenfalten legen und davor warnen, "Schmutzwäsche zu waschen" . Doch ohne Waschen wird man den Schmutz nicht los! (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 31.7.2009)

Zur Person: Josef Hoppichler ist Lektor für Ökonomie und nachhaltige Ressourcen-Politik an der Universität für Bodenkultur, Wien.

    Kommentar posten
    24 Postings
    GHovorka
     
    13.08.2009 11:08
    Untersuchungsausschuss notwendig, aber schwer umsetzbar

    Gratuliere zu dem sehr guten Kommentar „Untersuchungsausschuss statt Spekulationsgipfel“ vom 31.7.2009, den ich – urlaubsbedingt - erst heute gelesen habe. Die Forderung und Notwendigkeit eines Untersuchungsausschuss ist überzeugend argumentiert. Ob ein U-Ausschuss in diesem Fall aber viel an das Tageslicht bringen würde bezweifle ich, dazu sind zu viele ökonomisch wichtige Interessen und Leute involviert. Aber zumindest die Notwendigkeit ist im Kommentar klar aufgezeigt, und die Forderung ist richtig! Jawohl.
    Ich hoffe, die niederösterreichische und die Wiener Mafia schicken keinen Hausbesuch zum Autor ;-)

    Günter Fallmann
    02.08.2009 13:00
    Fortsetzung des vorherigen Postings

    Und die Roten haben sich dem Trend einfach angepaßt, weil ja auch die Wähler bis in die Kernschichten der Arbeiterschaft dieser Illusion vom Mitnaschen an den Kapital(isten)gewinnen erlegen sind ....

    Und, zuletzt, Hand aufs Herz: Wer, auch von allen Kritikern dieser Vorgänge, hat NIE ein paar Aktien oder Fondspapierln gekauft, und damit zur Eigendynamik des Systems, vor allem zur Anonymisierung des Gewinndrucks beigetragen ?

    Wer ohne Schuld ist, werfe den ersten Stein ....

    Günter Fallmann
    02.08.2009 12:55
    Das eigentliche Problem ...

    ... sind ja nicht die Finazierungsgesellschaften und die riskanten Veranlagungen an sich, da diese nach der gängigen (vor der Finanzkrise gültigen) Kriterien korrekt und *sinnvoll* waren, sinnvoll bzgl. kurzfristiger Gewinnerwartung .... Also, das EIGENTLICHE Problem ist, daß man quer durch alle Parteien und Funtionen vor den neoliberalen Interessen des Großkapitals auf die Knie gefallen ist und gehuldigt hat ... in der ÖVP wurde das spätestens seit Schüssel sichtbar, im Untergrund hatte das Gedankengut dieses Götzenkults aber schon viel früher alle infiziert ... Wer erklärt mir bitte, was in dieser einst *christlich sozialen* Partei noch sozial ist, geschweige denn christlich ? Und die Roten ahben sich dem Trend einfach angepaßt, weil ja

    also dann ...
    01.08.2009 15:41
    stimmt : das einzige was hilft (?)... ist ein u - ausschuss !

    der wird natürlich n i e ...
    kommen, da dies die totale un-fähigkeit der polit-nieten (egal welcher couleur) entlarvend offenbaren würde.

    der spek-gipfel...ist ja eh nur eine farce, eine bonden-nebel-aktion - sonst nichts.

    pr re
    01.08.2009 00:52
    Doch ohne Waschen wird man den Schmutz nicht los!

    apropos, was tut sich in der BABF?
    hat der schwarze DI Berlakovich den Dr Krammer wirklich geklagt?!
    sauber, sauber, ganz in ehrlicher VP manier.
    http://www.bergphoenix.at

    zensur bei der "fma betrugsverdacht" vertuschung
     
    31.07.2009 18:38
    zocken mit unserem geld und behalten den gewinn für sich alleine,

    diese sch.eine!

    Die Tibetanische Gebetsmühle
     
    31.07.2009 15:53
    Das ist ja zum Schreien mit der Polemik der SPÖ,

    jede Bank ist verpflichtet Ihr Risiko zu limitieren und sowohl Limite, als auch ein Regelwerk zu schaffen und dessen EInhaltung zu kontrollieren. Tut Sie es nicht, kommt sie mit § 39 BWG Abs. in Konflikt, dazu nicht die Bank, sondern im Besonderen die Geschäftsleitung.

    Jetzt tut der Faymann so als organisiere er etwas weltbewegendes, was ohnehin schon längst klar war und lädt dann die ein, die das auch ohnehin schon längst zu überprüfen gehabt hätten.

    Ein Armutszeugnis sondersgleichen, was das Know How unserer Regierungsspitze betrifft, gut da kann man die Leute auch leicht aufhetzen, weil vorher verblöden!!!!!

    meine Wenigkeit
    31.07.2009 14:25
    Vorsicht vor vorschnellen Schlüssen! Wien erlitt nicht auf Grund von Spekulation einen Buchverlust von rd. 200 Mio Euro

    dies ist die Abwertung der Anteile am Flughafen Wien. Das ist sicher keine Spekulation, das ist einfach die Abwertung aus einer Infrastrukturbeteiligung. So, hat halt Wien einen Verlust in Höhe von rd. 200 Mio ausgewiesen.
    Wo sind dann aber die notwendigen Abwertung aus den Veranlagungen aus den CrossBoarderLeasung CBL Geschäften???
    Sind das etwa die rd. 90 Mio Finanzaufwand in der Bilanz 2008 der Stadtwerke Wien? Oder sind das nur die Verluste aus dem KanalCBL und die Verluste der Wiener Linien sind woanders geparkt?

    Wir als Steuerzahler und Eigentümer fordern Aufklärung über die wahren verluste aus diesen Transaktionen!!

    Simplicius Simplicissimus
    31.07.2009 15:59
    Ich darf noch an ...

    ... die nicht auffindbaren ~160 Betrugs-Mio. aus dem AMS erinnern.

    FatFaceRicky
    31.07.2009 14:03

    Guter Kommentar. Leider ist unsere Opposition, die eigentlich lauthals so einen U-Ausschuss fordern müsste, mit Agenten-Spielen beschäftigt und setzen andere Prioritäten.

    Ein anderer Grund, wieso die parlamentarische Kontrolle in diesem Bereich nicht funktioniert, ist meiner Meinung nach, dass die Grünen, leider die einzige ernst zu nehmende Oppositionspartei, im Finanzsektor keinen Sachverstand mitbringen. Würde aber auch abseits der Krisen-Themen eine super Angriffsfläche bieten (nur z.B. BruckInvest, Avw, etc.). VdB hat zum Thema meines Wissens noch kein Wort verloren. Die Grünen bräuchten einen Finanzmarktexperten, der das Feld professionell beackert. Die dürften aber aus ideologischen Gründen nicht willkommen sein.

    ino
    31.07.2009 12:40
    politisch zur Verantwortung gezogen

    wurde in schnitzelland schon seit jahrzehnten niemand mehr. zur erinnerung:

    nach dem tod von marcus omofuma übernahm minister schlögl die "politische verantwortung" - konsequenz null

    als cheibani wague starb, übernahm minister starsser die "politische verantwortung" - konsequenz null

    und an die ganzen lumpereien von khg (homepage, steuerhinterziehung, riesenprovision an nachmalige business partner,...) kann man sich gar nicht mehr erinnern.

    Dormouse
    31.07.2009 11:18

    so hoch wie die oben erwähnten summen...so niedrig fallen die stimmen bei den nächsten wahlen für die übeltäter hoffentlich aus!

    mfg

    Quantensprung
    31.07.2009 12:42

    Glauben Sie wirklich, dass KGH und Molterer bei den nächsten Wahlen antreten?

    djei kotzi
    31.07.2009 10:08
    Kommunalkreditvergangenheit der Frau Dr. Oberndorfer

    Gebe hiermit zu bedenken, dass Frau Dr. Martha Oberndorfer, nunmher Vorstnad der ÖBFA, vor einigen Jahren Leiterin des Treasury in der Kommunalkredit war und zudem sich eine gute Freundin und persönliche Beraterin des Herrn Dr. Platzer (vormals Vorstand der Kommunalkredit) nennen darf.

    pawel lewap
    31.07.2009 09:57
    guter artikel, aber...

    was wird es bringen darueber nachzudenken und sich ueber spielsucht und gier der sogenannten maechtigen zu aergern. ach ja genau - einige 1000 postings. aber sonst?

    Bijan1
    31.07.2009 08:51
    Wie wahr

    Aber natürlich ist die Bereitschaft für einen Untersuchungsausschuß enden wollend. Denn an der Zockerei waren so gut wie alle beteiligt. Ein Untersuchungsausschuß ist aber nicht genug es müssen auch politische und strafrechtliche Konsequenzen gezogen werden. Politiker und Manager sollen endlich ihre Verantwortung eingestehen. Es kann ja wohl nicht sein, dass noch Generationen für diese unglaubliche Abzockerei zahlen müssen. Frei nach Maggie Thatcher (die keine böse Linke war) I want my money back. Now!

    Dance
    31.07.2009 07:48
    Danke!

    franz der freie
    31.07.2009 07:43
    die milliardenverluste werden bei den sozialausgaben eingespart, wo denn sonst ?

    letztendlich wurden diese politiker alle vom volk gewählt, man muss sich fragen: stinkt der fisch nur am kopf?

    Skaidi
    31.07.2009 07:29
    Wow! Hut ab vor diesem Artikel! SUPER!

    Bertel Mann
     
    31.07.2009 06:10
    HIer wird auch das wesentliche Ziel der PPP gut beschrieben: Gewinne für den Privaten, Verluste für den Staat...

    Und da beide mittelgroßen Parteien Dreck am Stecken haben, wird sicher nicht aufgeklärt - zum Ausgleich wird das Minderheitenrecht "Untersuchuingsausschuss" nicht kommen...

    der Emir
    31.07.2009 05:30
    hier wurden Risikogeschäfte

    von Politikern getätigt, die die nächsten 2-3 Generationen ausbaden dürfen.

    Daher ist die Frage der Verantwortung dafür JETZT zu beantworten und jene Summen, die als Risiko eingestuft werden, sind eben von den Verantwortlichen zu hinterlegen auf ein Treuhandkonto.

    Wird das Risiko während der Restlaufzeit nicht schlagend, bekommen die Politiker ihr auf den Treuhandkonten hinterlegtes Sümmchen, einschliesslich Verzinsung wieder zurück (in 30 Jahren halt...). Wird das Risiko schlagend, na dann ist es wenigstens gedeckt ohne unsere Kinder und Enkelkinder damit zu belasten!
    Ich denke es ist höchst an der Zeit, dass die Staatsanwälte aktiv werden und diesen Zockern, die mit öffentlichen Mitteln Roullette spielen, einfach den Prozess machen!

    Ava Tar
    30.07.2009 21:47
    Sehr guter Artikel

    die "demokratiepolitische Bankrotterklärung" haben wir aber letztlich schon öfters erlebt, etwa am 6.12.07 mit dem dringenden Änderungsantrag zur Überwachungsgesetzgebung, oder die nunmehrige Aushöhlung der Mitsprache des Volkes bei Justizprzessen durch ein "Budgetbegleitgesetz". Die sogenannte 4.Kraft der Demokratie, die Presse, hält brav den Mund, denn erstens gibt's bei vielen Terminen belegte Brötchen und zweitens für die Firma die Presseförderung. Und so geht das Land den Bach runter.

    Was auch interessant ist: Wenn der Bund im Lauf der letzten Jahre vllt 100 Mrd. Euro veranlagt hat, dann floß dabei wohl geschätzt 1 Mrd. Euro Provisionen/Gebühren

    Ich würde gerne wissen, an wen.

    Der Rechnungshof soll also bitte prüfen. Eingehend !

    andreas wreiser
     
    30.07.2009 20:44
    risikoreiches Jonglieren mit öffentlichem Eigentum, dessen Konsequenzen noch nicht abzusehen sind

    http://www.letsmakemoney.at/diefakten... asing.html

    Deadly Dust
    30.07.2009 20:22
    Investment Banker - Berufsgruppen, die diese Welt nicht braucht

    Volker Pispers

    http://www.youtube.com/watch?v=1... re=related

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