Mozartplatz 1

30. Juli 2009, 16:59
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Das Salzburg Museum zeigt, wie schwierig es ist, am Mythos einer Stadt zu basteln. Um ihn dann gleich wieder zu zerlegen

Provokation sollte in Salzburg eigentlich kein Problem sein, wenn man es so angeht: Mit Marx die bourgeoise Adresse Mozartplatz 1 beziehen und dort behaupten, Wunderkind Wolfgang sei gar kein Österreicher gewesen. Doch als das Salzburg Museum 2007 unter der Direktion von Erich Marx in die Neue Residenz am Mozartplatz umzog, blieben die Reaktionen der Salzburger auf den Mythenentzug verhalten. Der Europarat dagegen hat die völlige Neukonzeption des Hauses jetzt mit dem Preis als "Europäisches Museum des Jahres" ausgezeichnet. Als erstes in Österreich und vor allem für die "selbstkritische und couragierte Dauerausstellung Mythos Salzburg", wie im Jury-Protokoll nachzulesen ist.

"Den Salzburgern ist das wurscht", kommentiert Erich Marx das Feedback auf die nüchtern präsentierte Tatsache, dass Salzburg zu Lebzeiten Mozarts kein Teil Österreichs und der Musiker somit "nur" Salzburger war. Es scheint ihnen irgendwie traditionell egal zu sein, dass die "echten Salzburger Mozartkugeln" dadurch sogar noch echter werden: Bis ins beginnende 19. Jahrhundert konnten die Salzburger nämlich wenig mit dem Komponisten und dessen Vermarktung anfangen. Als 1842 die erste Mozart-Statue in der Stadt aufgestellt wurde, mussten die Bürger angeblich dazu überredet werden. Und so wichtig ist ihnen die genaue Herkunftsbezeichnung des Mythos offensichtlich bis heute nicht.

Was man mit so einem wie Mozart anfängt oder mit der Stadt als Kulisse, darum geht es in der Dauerausstellung. Das Salzburg Museum kennt sich da aus, wurde es doch vor 175 Jahren genau in einer Zeit gegründet, als die Bürger an der Verklärung der Stadt bastelten. Den Mythos einer Weltlandschaft, vorgefertigt in beinahe religiösen Bildern und Texten über die Einheit von Stadt und Land, aber eben von fremden Malern und Schriftstellern aus Wien und deutschen Landen, galt es sich nun anzueignen.

Der Salzburg-Mythos ist dann als echtes Krisenprodukt entstanden: 1816 der Habsburger-Monarchie einverleibt und an Oberösterreich angestückelt, verlor Salzburg jegliche Bedeutung, die meisten Kunstschätze gingen nach Linz. 1834 rafften sich einige Salzburger dann wenigstens zu einer bürgerlichen Konservierungswut auf und forderten "Erinnerungsstücke ans Vaterland" zurück, um ein Salzburg Museum damit zu befüllen. Bloß der Mythos war noch nicht ganz fertig: Wer wollte schon Urlaub machen in der sozialen und wirtschaftlichen Depression einer noch lange nach den Napoleonischen Kriegen vernachlässigten Stadt. 1860 waren dann mit dem Anschluss an das internationale Bahnnetz die Voraussetzungen für den Massentourismus gegeben.

Ohne die glorifizierte Kulisse wären die Salzburger Festspiele dort gar nicht erst installiert worden, glaubt Erich Marx heute. Zwischen den romantisierenden Stadt-Ansichten der Maler und einem erneuten Impuls von außen hatten die Salzburger aber ausreichend Zeit, sich den fremdhergestellten Mythos anzueignen und eine Infrastruktur aufzubauen. Nur waren es dann 1920 mit Max Reinhardt, Richard Strauss und Hugo von Hofmannsthal wieder keine Salzburger, die diese fixfertig verklärte Kulisse für Festspiele vorschlugen.

Dass zumindest die Touristen Salzburg heute so sehen, wie das Rundgemälde im Museum die Stadt im Jahr 1829 zeigt - als alpines Arkadien und als älplerische Hochkultur-Bühne -, ist gelungen. Allen widrigen Umständen eines ärmlichen Alltags der Bürger in jener Zeit zum Trotz - der Blick durch manipulierte Fernrohre auf einer Aussichtsplattform vor dem Gemälde soll solche Details offenbaren. Und dass die Bedingungen für die Persiflage der intakten Kulisse eben auch immer ideal waren, ist im Festspielpavillon des Museums zu hören: In einer unveröffentlichten Aufnahme aus dem Jahr 1958 nimmt sich Helmut Qualtinger schon früh der Festspiel-Society an.

Nur wie blickt man heute auf einen Mythos, der im Museum wie auch draußen von 90 Prozent der Touristen wahrgenommen wird? Man kauft diesen Touristen ein beliebiges Urlaubsvideo ab und stellt den Fremdblick einem Roadmovie mit Bildern vom Leben in den Randbezirken gegenüber. Dass der Weg zur idealisierten Kulisse für die Salzburger selbst heute kein leichter ist, wird in dieser Videoinstallation noch einmal klar.

Dass zumindest die Touristen Salzburg heute so sehen, wie das Rundgemälde im Museum die Stadt im Jahr 1829 zeigt - als alpines Arkadien und als älplerische Hochkultur-Bühne -, ist gelungen. Trotz idealer Bedingungen für eine Persiflage. (Sascha Aumüller/DER STANDARD/Rondo/31.7.2009)

 

Informationen:
Salzburg Museum

  • Von den Details aus dem Alltag der Salzburger in einer idealisierten Kulisse zeichnen die Fernrohre des Salzburg Museums ein schärferes Bild.
    foto: salzburg museum / hechenberger

    Von den Details aus dem Alltag der Salzburger in einer idealisierten Kulisse zeichnen die Fernrohre des Salzburg Museums ein schärferes Bild.

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