Wir steigen aus

30. Juli 2009, 16:56
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Vorfahren ist der Schlüssel zum Erfolg des Automobils. Die Eitelkeitsspirale ließ sich erst durch dieses Ritual so richtig in Gang bringen

Auch wenn das vielleicht nicht unbedingt die ländliche Idylle fördert, so manches Ausflugsgasthaus erfreut sich großer Beliebtheit, weil man direkt vor dem Gastgarten parken darf. Noble Hotels haben fast immer eine eigene Rampe um vorzufahren, auch wenn es mitunter viel einfacher wäre, das Gepäck von der Tiefgarage direkt in den Lift zu wuchten. Und ferner ist es nicht auszuschließen, dass sich die Freundlichkeit des Personals am Preis der Limousine orientiert, noch bevor das erste Trinkgeld geflossen ist. Von der Oper übers Parlament bis zum Burgtheater - auch wenn sie nur zu seltenen Anlässen genützt werden: Sie wären ohne prächtige Vorfahrtsrampen nicht vorstellbar. So ist die Rampe sozusagen integrierter Bestandteil eines Kultur-Bauwerks. Also ist es unumgänglich, auch das richtige Auto vorzuweisen.

Audi A8: Dynamischer als die Mercedes S-Klasse. Symbolisiert einen steilen Aufstieg und hohe Performance in allen Lebenslagen. Die Sympathiewerte steigen umgekehrt proportional zur Geschwindigkeit. Tolles Image im Stillstand, weniger beliebt auf Autobahnen, Stichwort Überholdruck.

Bentley: Haben Sie gerade Ihr Unternehmen, das Ihr Vater und Großvater gemeinsam aufgebaut haben, zu einem völlig überhöhten Preis an ahnungslose Heuschrecken verscherbelt? Dann geht sich zumindest ein "kleines" Cabrio aus. Für erfolgreiche Unternehmer zu empfehlen: das Modell Arnage.

BMW 7er-Reihe: Liegt irgendwo zwischen Mercedes und Audi.

BMW X6: Die aufregendste Möglichkeit, der Welt zu zeigen, dass man sich von Finanzkrise und Klimawandel nicht kopfscheu machen lässt.

Hummer H1: Der aktuelle US-Militär-Geländewagen ist die sicherste Möglichkeit, eine Rampe zu erklimmen, vorausgesetzt, sie ist breit genug. Privat aber kaum zu kriegen. Die Modelle H2 und H3 wirken dagegen wie Spielzeugmaschinenpistolen.

Jaguar XJ: Hohe Kontinuität im Design lässt leider auch den Ruf der Defektanfälligkeit bis in die Gegenwart leben, was aber gar nicht stimmt. So sagt man dem Jaguar-Fahrer hohe Leidensfähigkeit nach. Neustart auch im Image durch den neuen XJ, der ab Herbst völlig anders aussieht als seine Vorgänger.

Lexus LS 600h: Durch seinen Hybridantrieb symbolisiert er hohe gesellschaftliche Verantwortung, jedenfalls unter Kennern. (Sie sparen sich das Spenden für wohltätige Zwecke.)

Maserati Quattroporte: Der Rasse-Sportwagen als Limousine.

Maybach: Passt sehr gut zu wallenden Brautkleidern. Der Über-Mercedes verlangt nach einem starken Charakter, sonst wirkt er eher peinlich. (Sie können aber ein Chauffeurkapperl aufsetzen.)

Mercedes S-Klasse: Höchste Beliebtheit bei Politikern und Konzernbossen. Wird deshalb selbst in der gepanzerten Version ab Werk in Serie hergestellt. Trotz des hohen Preises vom Image her vergleichsweise wertneutral.

Mercedes G-Klasse: Eine reine Grundsatzentscheidung Hornbach'scher Dimension und eine glasklare Botschaft: Es gibt immer etwas zu tun, und zwar auf höchstem Niveau.

Porsche Cayenne: Immer noch eine hervorragende Möglichkeit, sich ins rechte Licht zu stellen, wenn der Mercedes gerade im Service ist. Muss halt der Gärtner diesen Abend zu Fuß gehen.

Porsche Panamera: Applaus! Der erste chauffeurtaugliche Porsche. Das ist schon ein Wert für sich.

Range Rover: Der Klassiker unter den Vorfahr-Geländewagen. Sämtliche Range Rovers aller Zeiten haben mehr Kilometer auf Auffahrtsrampen abgespult als im Gelände.

Rolls-Royce: Kostet deutlich mehr als ein Bentley. Der Besitz eines Fahrzeugs dieser Marke sollte deshalb stets von angemessenen Charity-Aktivitäten begleitet werden.

Ssangyong Chairman: Koreaner auf Basis der vorletzten Mercedes S-Klasse. Volles Bonzenfeeling zum Diskontpreis.

VW Phaeton: Fragen Sie Frau Merkel. (Rudolf Skarics/DER STANDARD/Rondo/31.7.2009)


Je fescher der Bertl, desto weniger wichtig die Kutsche. Hier parken Alain Delon und Estella Blain beim Filmfestival in Cannes im Jahre 1958.
Foto: Mirkine/Corbis

  • Gut möglich, dass das Personal beim Anblick dieses Rolls-Royce besonders freundlich agiert.
    foto: werk

    Gut möglich, dass das Personal beim Anblick dieses Rolls-Royce besonders freundlich agiert.

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