Die Kraft des gesprochenen Wortes

29. Juli 2009, 19:04
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Jacques Offenbachs verschollene Musik zu Victorien Sardous "La Haine" mit Gérard Depardieu und Fanny Ardant

... und die Elektronik-Oper "Parole perdue" beim Festival von Montpellier: Große Kunst - und das gratis.


Die Franzosen gehen mit dem Wort "Uraufführung" ein wenig inflationär um. Während in unseren Breiten nur ganz neue Werke gemeint sind, versteht man in Frankreich darunter auch verschollen geglaubte Stücke. So ein Fall ist Jacques Offenbachs Musik zum Theaterstück "La Haine" von Victorien Sardou (dieser schrieb unter anderem auch das "Tosca"-Libretto sowie den Komödienklassiker "Madame Sans-Gêne").

"La Haine" wurde 1874 zunächst erfolgreich in Paris aufgeführt, wobei die Premiere mehrfach wegen einer Grippeepidemie verschoben werden musste. Nach rund zwei Dutzend Aufführungen gab es einen heftigen Krach, Sardou zog sein Libretto zurück, und Text sowie Partitur versanken rasch in den Archiven. Jean-Christophe Keck, Offenbach-Forscher und Herausgeber der Offenbach-Werkausgabe bei Boosey & Hawkes, förderte nun beides wieder zutage und erstellte eine neue Spielfassung.

"La Haine" (dt.: der Hass) führt ins italienische Mittelalter und bietet eine ebenso gefühlvolle wie reißerische Romeo-und-Julia-Variante. In den wirren Glaubenskämpfen zwischen kaisertreuen Ghibellinen (Waiblingern) und papistischen Guelfen (Welfen) bekriegt sich ein Anti-Pärchen bis aufs Blut: Orso, ein Vertreter der Guelfen, und Cordelia, Tochter des Ghibellinenanführers. Da geschieht ein Wunder: Sie verlieben sich ineinander - und siechen wenig später doch aufgrund ihrer unversöhnlichen Verwandtschaft dahin, eingekerkert in der eigentlich zur Hochzeit erwählten Kirche.

Während Sardou seine Protagonisten in einer Mischung aus wütendem Wortgeschrei und melancholischem Sinnieren durch fünf lange Akte jagt, komponierte Offenbach eine recht bunte, dreiviertelstündige Bühnenmusik. Erstaunlich ist die stilistische Vielfalt: Da herrscht zwar oft ein dräuender Ton, dann wieder scheint sich Offenbach mittels überdrehtem Orchesterapparat selbst auf die Schippe zu nehmen.

Edler Zwirn und Sweatshirt

Auch ein Kirchenchor kommt vor und schickt düstere Kantilenen über die Unglückseligen. Und öfters durchbricht blitzschlagartig heftigstes Wagner-Blech die schattige Trauermusik. An die heute einschlägigen Stücke Offenbachs erinnert die Musik von "La Haine" nur bedingt, immerhin finden sich aber die ersten Takte der Ouvertüre fast genau so im Venedig-Akt von "Hoffmanns Erzählungen".

Der Lettische Rundfunkchor und das Orchestre de Montpellier Languedoc-Roussillon unter der Leitung von Enrico Delamboye waren zwar exzellent; doch die eigentlichen Stars hießen Fanny Ardant und Gérard Depardieu. Unterstützt von der famosen Dörte Lyssewski und Farida Khalifa, rezitierten, spielten, ja durchlebten sie das Untergangsgeschehen. Während Ardant im edlen Haute-Couture-Zwirn auftrat, trug Depardieu ein Sweatshirt von der Stange. Was er jedoch mit minimalen Gesten und voluminöser Stimme alles ausdrücken kann, lässt sowohl den Kleidungsstil wie die Tatsache vergessen, dass es sich hier um eine Lesung mit Musik handelt: Es entsteht großes Musiktheater ohne Bühnenmittel.

Wer sich nach dem mittelalterlichen Schlachtengemälde einigen neueren Tönen widmen wollte, für den gab es "Parole perdue", ein "Drame acousmatique" von Jean Vermeil und Daniel Teruggi.

Hier spielt der 2008 verstorbene Guillaume Depardieu die Hauptrolle. Es ist Depardieus Stimme, die elektroakustisch verzerrt, überlagert, gespiegelt wird und eine junge Dame peinigt. Offenbar wurde der Mann von ihr verlassen und rächt sich nun durch Anrufe, Voice-E-Mails und weitere Transmitter. Die Frau reagiert auf die Vorwürfe, Wortverdrehungen und philosophischen Reflektionen vor allem durch Tanz.

Regisseur Jean-Claude Fall hat mit der virtuosen (stumm bleibenden) Aktrice Emmanuelle Laborit ein intensives Kammerspiel inszeniert. Depardieu nahm den hochpoetischen Text von Jean Vermeil einige Zeit vor seinem Tod auf, der Argentinier Daniel Teruggi schuf eine komplexe Klanglandschaft.

Entstanden ist ein würdiges Gegenstück zu Francis Poulencs Klassiker "Die menschliche Stimme". Übrigens war der Eintritt zu dieser Weltpremiere, wie manch anderes beim Festival von Montpellier, frei. Das ist nach Meinung des Intendanten René Koering auch angemessen - man löhne ja ohnehin schon hohe Steuern für Subventionen. Warum also doppelt zahlen? Frankreich, du hast es besser! (Jörn Florian Fuchs aus Montpellier / DER STANDARD, Printausgabe, 30.7.2009)

 

  • Lesung mit Musik - oder großes Musiktheater? Fanny Ardant (li.) und Gérard Depardieu verwandeln in Montpellier die Wiederentdeckung einer Offenbach-Komposition in ein Ereignis.
 
    foto: festival de montpellier

    Lesung mit Musik - oder großes Musiktheater? Fanny Ardant (li.) und Gérard Depardieu verwandeln in Montpellier die Wiederentdeckung einer Offenbach-Komposition in ein Ereignis.

     

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