"Elektrokohle": Der späte Nachhall der Musikeffekte

29. Juli 2009, 18:49
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1989 hatten die Einstürzenden Neubauten einen denkwürdigen Auftritt in Ostberlin: Aufnahmen von damals und die Erinnerungen von Konzertbesuchern

Wien - An einem grauen Wintertag haben die Musiker nahe der Mauer Kleinkind und Keyboard und noch allerhand mehr Equipment in den Bandbus geladen. Am Grenzposten der immer noch geteilten Stadt werden Ausweise kontrolliert, Zollerklärungen und Visa unterfertigt. Später, als es schon dunkel ist, erreicht die Gruppe ihr Ziel.

Nach dem Soundcheck gibt es improvisierte TV-Interviews, in der Garderobe taucht unerwartet eine Delegation französischer Politiker auf. Fans drängeln bei einem T-Shirt-Stand. Dann geht es los: Der Dramatiker Heiner Müller spricht ein paar Sätze zum Geleit, und die Einstürzenden Neubauten geben in einem dichtgefüllten Saal ihr erstes Konzert in der Hauptstadt der DDR.

Uli M. Schueppels "Elektrokohle (Von Wegen)" ist allerdings weder Konzertfilm noch Bandporträt. Den dokumentarischen Momentaufnahmen, die die Einstürzenden Neubauten am 21. Dezember 1989 aus Berlin-Kreuzberg zum denkwürdigen Auftritt im Kulturhaus des VEB Elektrokohle in Lichtenberg begleiten, stellt der Regisseur Interviews gegenüber, welche fast 20 Jahre später entstanden sind:

Seine Gesprächspartner und -partnerinnen nehmen dabei noch einmal jene Wege, die sie seinerzeit zu ebenjenem Konzert geführt haben. Schon an den konkreten Ausgangspunkten dieser räumlichen Bewegungen wird zwischen "alles wie früher" und "nichts mehr so wie damals" auch gleich ein heterogener Erfahrungsraum aufgespannt. In weiterer Folge geht es nicht um ein inszeniertes Klassentreffen oder um nostalgischen Einheits-Wohlklang, sondern um Erinnerungen, Wahrnehmungen, Befunde, die einander ergänzen, überschneiden, widersprechen.
Gelassen und pointiert

Diese Vielstimmigkeit, der gelassene Tonfall oder auch die pointierten Bezüge, die sich in der Montage von historischen und aktuellen Aufzeichnungen ergeben (siehe zum Beispiel die Frage der Namensänderungen), machen die Qualität von Schueppels Film aus.

"Elektrokohle" dokumentiert Geschichte und Lebensgeschichte(n) im Anschnitt. Naturgemäß ist immer wieder vom Stellenwert der Musik die Rede, die auch in Schueppels Werk seit "The Road to God Knows Where" (1990) eine wichtige Rolle spielt: Die Neubauten, deren Platten man in der DDR verlässlich, aber häufig nur in Form schlechter Raubkopien auf Kassette hören konnte, sagt einer, hätten für ihn Freiheit verkörpert, nicht zuletzt in ihrer Destruktivität. Ein anderer erzählt, wie er bei Einsichtnahme in seine Stasi-Akte nicht nur Gespräche in seiner Wohnung verzeichnet fand: "'Löser spielte wieder seine Musikeffekte ab.' Das war also für die Stasi nicht mal Musik. Die Neubauten waren für sie nur Geräusche."

Am Ende kommen die Protagonisten mit Schueppel einzeln oder zu zweit noch einmal an ihr damaliges Ziel - und auch da darf man in diesem sympathisch zurückhaltenden Film noch einmal staunen. (Isabella Reicher / DER STANDARD, Printausgabe, 30.7.2009)

 

Derzeit im Wiener Schikaneder-Kino

  • Backstage anno 1989: Heiner Müller (Mi.) erklärt dem französischen Kulturminister Jacques Lang (re.) Blixa Bargeld (li.).
 
    foto: neue visionen

    Backstage anno 1989: Heiner Müller (Mi.) erklärt dem französischen Kulturminister Jacques Lang (re.) Blixa Bargeld (li.).

     

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