"Die benutzen die Religion"

29. Juli 2009, 18:32
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Nigerianischer Anthropologe Aderemi Ajala im STANDARD-Interview: Islamisten wollen Zugang zu Macht und Geld

Mit Ajala sprach Adelheid Wölfl.

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STANDARD: Warum greifen die Islamisten die Behörden der Teilstaaten im Norden an?

Ajala: Die kämpfen gegen ihren Ausschluss aus der Regierung. Der Gouverneur des Teilstaates Bauchi (Isa Yuguda, Anm. d. Red.), der 2007 an die Macht kam, wechselte nämlich vor einigen Monaten einfach die Partei. Er hat mit einer Partei die Wahlen gewonnen und ging jetzt zu der, die in der Bundesregierung sitzt. Er will einfach die nächste Wahl gewinnen. Die Menschen wollen aber nicht verstehen, wieso er zwar die Partei wechselt, nicht aber sein Mandat aufgibt. Das ist nicht demokratisch.

STANDARD: Geht es nicht um eine weitere Islamisierung? Boko Haram kämpft gegen westliche Bildung.

Ajala: Bitte, die westliche Bildung wurde ja schon vor langer Zeit eingeführt! Warum ist das plötzlich ein Thema? Überhaupt sind die Islamisten selbst sehr westlich, fahren Autos und haben westliche Waffen. Im Norden Nigerias sind zudem die Gouverneure selbst Muslime. Die Scharia gibt es dort schon seit den 1980ern. Die haben ja bereits, was sie wollen. Ich denke also nicht, dass dieser Konflikt jetzt eine rein "islamische" Krise ist. Die verwenden die Religion, um ihren Protest auszudrücken. Das, was die Teilstaaten haben, ist Bargeld. Und die Islamisten wollen quasi an die Regierung, indem sie auf sie Druck ausüben.

STANDARD: Wie viele Menschen gehören diesen Islamisten an?

Ajala: Diese religiösen Gruppen werden jeden Tag mehr. In einem Bundestaat gibt es vielleicht zehn bis 20 Gruppen mit oft mehr als tausend Mitgliedern. Die Gumi-Gruppe ist die größte mit vielleicht 50.000 Mitgliedern, sie ist aber nicht so gewalttätig wie Boko Haram mit etwa 2000 bis 3000 Mitgliedern.

STANDARD: Von wem werden diese Leute unterstützt?

Ajala: Die haben Mitglieder in der Wirtschaft und in der Politik. Im Teilstaat Kaduna sind sie im Parlament und sogar in der Exekutive. Und sie bekommen Unterstützung aus anderen islamischen Staaten wie aus Saudi-Arabien, Libyen, Tunesien und dem Sudan, um Koranschulen und Schariagerichte zu bauen oder Wallfahrten nach Mekka zu organisieren. Aber nicht all dieses Geld wird auch dafür verwendet. Es gibt aber keine Evidenz darüber, wohin das Restgeld geht.

STANDARD: Haben die Islamisten viel Zulauf ?

Ajala: Sie sind heute sicher mächtiger als noch unter dem Militärregime. Aber das ist auf die Unfähigkeit der Regierung zurückzuführen. Es geht nicht um die Scharia. Es geht um das Prinzip der Rechtsstaatlichkeit und um Zugang zu Ressourcen. Das muss die Regierung sicherstellen.

STANDARD: Haben die Behörden die Gruppen unter Kontrolle?

Ajala: In Bauchi und in Katsina haben sie das unter Kontrolle, aber das ist nur vorübergehend, es genügt ein kleiner Funke, und das Ganze fliegt in die Luft. Denn es gibt keinen Teil in ganz Nigeria, der nicht in der Krise ist. (DER STANDARD, Printausgabe, 30.7.2009)


  • Zur Person:
Der nigerianische Anthropologe Aderemi Suleiman
Ajala arbeitet am Institut fur Ethnologie und Afrikastudien der
Universität Mainz. Ajala hat erst im Vorjahr in den Teilstaaten
Katsina, Kaduna und Kano Feldforschung betrieben.
    foto: standard

    Zur Person:
    Der nigerianische Anthropologe Aderemi Suleiman Ajala arbeitet am Institut fur Ethnologie und Afrikastudien der Universität Mainz. Ajala hat erst im Vorjahr in den Teilstaaten Katsina, Kaduna und Kano Feldforschung betrieben.

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