"Es gibt keine Arbeiterpartei mehr"

17. August 2009, 10:52
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SORA-Chef Christoph Hofinger prognostiziert einen "offenen Kampf" um die Gruppe der Arbeiter zwischen SPÖ und FPÖ bei der kommenden Wien-Wahl

Egal ob verfrüht im Frühjahr 2010 oder tatsächlich erst wie geplant im Herbst 2010 gewählt wird: Eine der spannenden Fragen bei der Wien-Wahl wird sein, ob bzw. wie sehr die SPÖ ihre Stammwähler bei der Wien-Wahl halten kann. Das hängt für SORA-Chef Christoph Hofinger stark vom Wahlkampf ab. "Sollte die SPÖ die Wähler davon überzeugen, dass sie klare Antworten auf die Krise hat, dann kann es sein, dass die FPÖ nicht so stark wird", sagt er. Gibt es den Kampf um die "Arbeiterhochburgen" in Wien wirklich? Der Anteil der Arbeiter an der Bevölkerung sinkt zwar, warum sie trotzdem wichtig für Wahlen sind, erklärt Hofinger im derStandard.at-Interview. Die Fragen stellte Lisa Aigner.

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derStandard.at: Wenn sich Arbeiter von der SPÖ der FPÖ zuwenden, woran liegt das?

Hofinger: Die FPÖ hatte bei den Arbeitern in den neunziger Jahren schon eine Mehrheit. Die hat sie aber wieder verloren. Jetzt gibt es einen relativ offenen Kampf. Die FPÖ mobilisiert nicht alle Arbeitergruppen gleich stark. Vier von zehn wahlberechtigten Wiener Arbeitern sind Migranten. Sie wählen meist SPÖ, allerdings gehen Einwanderer auch nicht so oft wählen. Bei den inländischen Arbeitern ist die FPÖ stärker, wobei man noch nicht weiß, ob das bei der kommenden Wahl auch so sein wird.

derStandard.at: Bei der EU-Wahl bekam die FPÖ mehr Arbeiterstimmen als die SPÖ. Warum ist die FPÖ zurzeit wieder stärker?

Hofinger: Diesen Befund sehe ich nicht. Für die Wien-Wahl halte ich das für offen. Auf Grund der EU-Wahl vorwegzunehmen, wie die Wahl in Wien ausgeht, ist sehr schwierig. Man hat in den neunziger Jahren geglaubt, dass irgendwann alle Arbeiter blau wählen. So einfach ist das politische Leben aber nicht. Zu Beginn des Jahrtausends hat der Großteil der Arbeiter wieder rot gewählt und jetzt ist es von Wahl zu Wahl ein ziemlich offenes Rennen. Es hängt von Wahlkampf ab.

derStandard.at: Welche Faktoren spielen da eine Rolle?

Hofinger: Es hat mit Aufstiegshoffnungen zu tun. Wenn große Teile der inländischen Arbeiterschaft das Gefühl haben, beruflich in einer Sackgasse zu sein und die Zentrumsparteien - und das ist in Wien die SPÖ - keine Perspektive bieten, dann hat die FPÖ gute Chancen. Die Botschaft der Freiheitlichen ist, dass ein Verdrängungswettbewerb mit Migranten und Migrantinnen herrscht. Die kommt dann an. Sollte die SPÖ die Wähler davon überzeugen, dass sie klare Antworten auf die Krise hat, dann kann es sein, dass die FPÖ nicht so stark sein wird.

derStandard.at: Das heißt, es kann sein dass dieser Verlust in Richtung FPÖ nicht andauert, sondern wieder rückgängig gemacht werden kann?

Hofinger: Im Vergleich zur vergangenen Wahl im Jahr 2005, bei der die FPÖ relativ schwach war, ist schon zu vermuten, dass sie besser abschneidet. Die Freiheitlichen haben zurzeit ja deshalb Zugewinne, weil die jeweils letzten Wahlen immer in ihrer Krisenzeit waren. Vergleicht man das Ergebnis mit den neunziger Jahren, wird möglicherweise die SPÖ besser dastehen.

derStandard.at: Ist die FPÖ eine Arbeiterpartei?

Hofinger: Es gibt keine Arbeiterpartei mehr. Die Arbeiter machen nur noch einen geringen Teil der Bevölkerung aus. Vereinfacht gesprochen, sind die Wähler aller Parteien zum Großteil Pensionisten und Angestellte. In Wien ist fast nur mehr jeder fünfte Berufstätige Arbeiter. Sechs von zehn Wienern sind Angestellte, zwei von zehn im öffentlichen Dienst. Die Wiener Wahl wird somit eigentlich bei den Angestellten entschieden. Die Arbeiter haben aber eine wahnsinnig hohe Symbolkraft, weil sie als die Kernschicht der Sozialdemokratie gelten.

derStandard.at: Wenn die Angestellten die größte Wählergruppe stellen, sind dann die Arbeiter überhaupt noch wichtig für die Politik?

Hofinger: Zahlenmäßig nehmen die Arbeiter an Bedeutung ab. Es gibt Wahlen, zu denen sie kaum hingehen, wie zur EU-Wahl. Bei anderen Wahlen lassen sie sich wieder stärker mobilisieren. Dadurch, dass die Arbeiter sehr gut organisiert sind, sind sie aber in der Lage auch gesellschaftliche Stimmungen mit zu beeinflussen.

derStandard.at: Welche Partei kann von der Entwicklung, dass es immer weniger Arbeiter und mehr Angestellte gibt, profitieren?

Hofinger: Das ist eine gute Frage. Letztendlich ist der Organisationsgrad der Angestellten geringer als jener der Arbeiter. Es gibt weniger Betriebsräte in den Betrieben und weniger Gewerkschaftsmitgliedschaft. Grundsätzlich könnte das der ÖVP zu Gute kommen. Die Volkspartei hat sich aber in Wien bislang diese Stimmen nicht abholen können. (Lisa Aigner, derStandard.at, 17.8. 2009)

  • Hofinger: "Die Arbeiter machen nur noch einen geringen Teil der Bevölkerung aus."
    foto: corn

    Hofinger: "Die Arbeiter machen nur noch einen geringen Teil der Bevölkerung aus."

  • Obwohl die Arbeiter zahlenmäßig an Bedeutung verlieren, seien sie in der
Lage gesellschaftliche Stimmungen mit zu beeinflussen, so Hofinger.
    foto: derstandard.at/rasch

    Obwohl die Arbeiter zahlenmäßig an Bedeutung verlieren, seien sie in der Lage gesellschaftliche Stimmungen mit zu beeinflussen, so Hofinger.

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