Hotelchefin Wimmer: "Der Tag hat 48 Stunden - Ihrer nicht?"

30. Juli 2009, 05:54
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Hoteleigentümerin, Anwältin und Wirtschaftsmediatorin Renate Wimmer sieht in der Finanzkrise auch Vorteile - Von Quoten hält sie nichts - ein Porträt

Dass sie einmal im Tourismus landen würde, hätte sich Renate Wimmer nicht gedacht, als sie sich nach dem Jus-Studium entschied, Anwältin zu werden. Noch viel weniger, dass sie einmal eine Hotelgruppe ihr Eigen nennen würde. Aber die Branche passe zu ihr: "Ich liebe den Umgang mit Menschen, in angenehmen wie in herausfordernden Situationen."

1986 eröffnete die gebürtige Linzerin ihre eigene Rechtsanwaltskanzlei in der Wiener City, bevor sie mit ihrem Mann, Touristiker Raimund D. Wimmer, nur kurze Zeit später "ins Nichts hüpfte" und sich in das Abenteuer Unternehmensgründung stürzte: Beginnend mit dem Erwerb und Komplettumbau des Wiener Hotels Wimberger im Jahr 1989 baute das Paar sukzessive die Gruppe der "Arcotel Hotels & Resorts" auf - heute eines der größten privaten österreichischen Familienunternehmen im Tourismusbereich mit derzeit 750 MitarbeiterInnen in zehn Häusern in Österreich, Deutschland und Kroatien und Schwerpunkt auf Businessgästen. Raimund Wimmer kümmerte sich um die operativen Angelegenheiten, Renate Wimmer begleitete den Aufbau von der rechtlichen Seite: "Ich habe alles Vertragliche geregelt - Vertrags- und Gesellschaftsrecht waren schon immer mein Spezialgebiet und Kerngeschäft."

Schicksalsschlag

2006 starb Raimund Wimmer völlig unerwartet. Ein Schicksalsschlag, der für Renate Wimmer auch beruflich nicht ohne Folgen blieb: "Es bewegt mich noch immer, wenn ich daran denke, dass Hunderte Menschen auf mich geschaut und gedacht haben: 'Was tut sie? Verkauft sie uns oder nicht?' Das Team hat mich in dieser Situation enorm unterstützt, das war eine großartige Erfahrung. Ich habe ja keine Tourismusschule absolviert, musste mich in alles erst einlesen. Es haben alle ihre Puzzlesteine zusammengelegt und wir haben gemeinsam überlegt: 'Können wir es wagen, weiterzumachen?' Und wir haben entschieden, ja, das können wir."

Heute ist die Anwältin erfolgreiche Alleineigentümerin der Unternehmensgruppe: "Nach 20 Jahren am Markt hat man einen anderen Stand in der Branche als wenn man als kleine GmbH neu aufsperrt, wo wir noch mit vielen Anfangshürden kämpfen und uns erst behaupten mussten." Ihr Arbeitsalltag ist klar geregelt: "Ich arbeite vormittags in meiner Kanzlei für meine Klienten und nachmittags für die Hotels, wobei ich mich da vorwiegend auf meine Rolle als Eigentümer beschränke, also die Dinge mache, die ich schon immer gemacht habe: Verträge, Finanzierungen, Optimierungen." Mit dem operativen Bereich habe sie nur wenig zu tun: "Dieser Part obliegt jetzt dem Vorstand und den Hoteldirektoren. Ich bin daran nur als Aufsichtsratsvorsitzende beteiligt, aber in ständigem Kontakt mit dem Vorstand." Trotzdem würden alle MitarbeiterInnen des Unternehmens ihr Gesicht kennen - der Kontakt zur Basis sei ihr sehr wichtig, ihre Tür stünde immer für Anliegen offen: "Ich bin in den Hotels präsent, es wird mir nicht wie manch anderem Kollegen passieren, dass ich an der Rezeption eines unserer Häuser nicht erkannt werde."

Spaß am Konfliktelösen

Großen Spaß macht Wimmer seit 2001 neben dem Rechtsalltag auch die Arbeit und laufende Weiterbildung als Wirtschaftsmediatorin: In einem Team von acht JuristInnen und PsychotherapeutInnen versucht sie, mit Menschen aus verschiedensten Bereichen der Wirtschaft gemeinsam deren Probleme und Konflikte zu lösen. Auch ihr selbst kommt das dabei gesammelte Wissen immer wieder zugute, zum Beispiel in Vertragsverhandlungen oder wenn es darum geht, millionenschwere Diskussionen über Baumängel zu führen: "Das konstruktiv und lösungsorientiert auszureden, anstatt den anderen wütend niederzumachen, dabei hilft mir das Gelernte."

Hotelchefin, Anwältin, Mediatorin, außerdem Mutter von zwei Buben (18 und 19) - wie geht sich das alles aus? "Tja, der Tag hat 48 Stunden - bei Ihnen nicht?", lacht die Rechtsexpertin. "Ich teile mir meine Zeit gut ein, habe sehr früh mit Zeitmanagement begonnen, setze Schwerpunkte. Zeitfresser werden abgestellt oder bei passender Gelegenheit erledigt - da bin ich sehr strikt." Erholung und Entspannung findet sie im Garten: "Beim Büscheschneiden, Rasenmähen, Unkrautzupfen. Und ich lese wahnsinnig gern."

"Krise als Chance sehen"

Die derzeitige Finanzkrise bekommt auch Renate Wimmers Unternehmen ordentlich zu spüren:"Es gab in den vergangenen Jahren immer wieder mal schwierige Zeiten, aber jetzt ist es doch sehr heftig. Bis dato können wir uns aber sehr gut halten, weil wir zum Glück sehr rasch reagiert und gegengesteuert haben."

Wo spürt sie die Auswirkungen konkret? "In der Kurzfristigkeit von Buchungen und Stornos, weil die Firmen bei Veranstaltungen und Fortbildungen sparen: Früher konnte man sich darauf verlassen, dass ein paar Prozent vielleicht noch absagen, aber mit dem Großteil der Reservierungen konnte man fix kalkulieren. Das geht jetzt überhaupt nicht mehr: Wir sind gebucht, aber morgen kann die Hälfte schon wieder draußen sein, weil Reiseveranstalter Kongresse stornieren und bei uns dann innerhalb der Stornofrist zum Teil Riesen-Kontingente an Zimmern wieder absagen."

Wenige Stunden später könne man die gleiche Menge wieder drinnenhaben, weil ein anderer Anbieter ganz kurzfristig bucht: "Das geht mittlerweile so weit, dass manche Chauffeure mit Busgruppen bei der Einfahrt nach Wien erst beginnen, zu telefonieren, wo sie Zimmer kriegen: Sie spielen die Hotels untereinander aus und wo sie das billigste Angebot bekommen, dort fahren sie dann hin. Das ist völlig verrückt!"

"Nicht am Gast sparen"

Was auf der Einnahmenseite eingebrochen ist, hat das Unternehmen bei den Ausgaben gekürzt: "Wir schauen, dass wir unterm Strich beim selben Ergebnis bleiben und das ist ein hartes Stück Arbeit. Bei der Qualität und beim Gast können und wollen wir nicht kürzen, das tun derzeit aber sehr viele Mitbewerber. Wir sparen zum Beispiel bei den Energieausgaben, indem wir etwa Zimmer so belegen, dass die nicht gebrauchten sich alle im selben Trakt befinden und wir dort den Strom runterfahren."

Hat sie ein "Rezept", um das Unternehmen durch die Krise zu lenken? "Es gibt kein Patentrezept, man muss sich jeden Tag von Neuem wieder fein auf die Situation einstellen, qualifiziertes Controlling ist jetzt sehr wichtig. Die Verantwortlichen im operativen Bereich müssen aus der Zentrale in die Häuser gehen und individuell Feedback geben: Wo kann etwa beim Einkauf gespart, wo der Dienstplan optimiert werden? Es sind dieselben Arbeitsschritte, aber viel bewusster."

Spannende Zeit

Noch könne sie aber sehr gut schlafen, betont die Juristin, "wenn mich nicht, wie heute Früh, gerade ein Baufahrzeug weckt". Die Wirtschaftskrise habe für ihr Unternehmen sogar durchaus auch positive Seiten: "Es ist momentan auch eine sehr spannende Zeit für uns: Wir bekommen derzeit sehr interessante Angebote von, zum Teil krisengeschüttelten, Mitbewerbsobjekten aus dem In- und Ausland, die es wert sind, geprüft zu werden und die uns vorher vielleicht nicht angeboten worden wären. Ich bin Alleineigentümer, somit habe ich keine Aktionäre, keine fremden Investoren oder sonstige fremdbestimmende Menschen und kann frei entscheiden. 'Die Krise als Chance nutzen' kann ich da nur sagen."

Eine kleine Hilfe beim "Durchtauchen" ist ihr auch ein Zitat von Albert Einstein, das sie auch anderen ans Herz legt: "'Phantasie ist wichtiger als Wissen, denn Wissen ist begrenzt' - das finde ich sehr schön! Kreativ zu sein, phantasiereich zu denken ist derzeit glaube ich viel wichtiger, als nur harte Zahlen zu klopfen. Und dabei auch die Mitarbeiter, die Basis, einzubinden - die haben oft sehr gute Ideen! Du hast als Chef nicht die Weisheit mit dem Löffel gegessen und der Mitarbeiter weiß oft genau, was man in seinem Bereich optimieren könnte, also: Frag ihn!"

"Viele Frauenthemen sind keine Themen"

Von speziellen frauenfördernden Maßnahmen im Unternehmen hält Renate Wimmer nicht viel: "Ich habe da eine sehr eigene Sicht der Dinge. Auch, wenn das kontraproduktiv klingt: Für mich sind viele Frauenthemen keine Themen. Das beginnt bei den weiblichen Endungsformen und Anreden: Ich liebe es, korrekt zu formulieren, aber das '-Innen' stört mich. Ich halte es auch für absurd, Berufsbezeichnungen zu verweiblichen, bezeichne mich auch selbst als 'Anwalt', weil das die historische Berufsbezeichnung ist, das möchte ich beibehalten."

Auch dem Thema Quotenregelung kann die Juristin nichts abgewinnen: "Der, der den Job am besten macht und sich am besten dafür einsetzt, soll ihn bekommen, egal ob Frau oder Mann. Ich bin davon überzeugt: Wenn eine Frau etwas will, dann kann sie es auch und dann wird sie es auch erreichen - für mich ist das aber eine Frage der Persönlichkeit und des Auftretens und nicht des Geschlechts." Gleiche Entlohnung für gleiche Arbeit sei in ihrem eigenen Betrieb eine Selbstverständlichkeit; ebenso, dass Frauen Top-Positionen bekleiden: "Bei uns verdienen Männer und Frauen gleich viel im gleichen Job und ich appelliere auch an andere Unternehmer, gleiches Geld für gleiche Leistung zu bezahlen. Man ist aber irgendwo auch selbst dafür verantwortlich, was man verdient: Wenn ich mich als Frau um einen Job bewerbe und nicht einsehe, dass ein anderer für denselben Job mehr bekommt, nur, weil er ein Mann ist, dann muss ich meine Ansprüche auch durchsetzen!"

Sie selbst habe sich als Frau auf ihrem Weg nie benachteiligt gefühlt: "Ich habe in vielen Bereichen nur mit Männern zu tun, etwa in der Baubranche oder bei Vertragsverhandlungen. Da habe und hatte ich nie ein Problem damit. Ich bin aber auch jemand, der klar zu verstehen gibt: 'Ohne mich kannst du morgen den Job nicht mehr machen - du wirst mich brauchen!', wenn ich etwas unbedingt will."(Isabella Lechner/dieStandard.at., 30.7.2009)

  • Unternehmerin Renate Wimmer: "Der, der den Job am besten macht und sich am besten dafür einsetzt,
soll ihn bekommen, egal ob Frau oder Mann. Ich bin davon überzeugt:
Wenn eine Frau etwas will, dann kann sie es auch und dann wird sie es
auch erreichen - für mich ist das aber eine Frage der Persönlichkeit
und des Auftretens und nicht des Geschlechts."
    foto: privat

    Unternehmerin Renate Wimmer: "Der, der den Job am besten macht und sich am besten dafür einsetzt, soll ihn bekommen, egal ob Frau oder Mann. Ich bin davon überzeugt: Wenn eine Frau etwas will, dann kann sie es auch und dann wird sie es auch erreichen - für mich ist das aber eine Frage der Persönlichkeit und des Auftretens und nicht des Geschlechts."

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