Spontan gegen starre Modelle

28. Juli 2009, 20:20
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Die Informatikerin Barbara Weber arbeitet an der Entwicklung agiler Software

Veränderungsresistenz in Unternehmen kann fatale Folgen haben. Doch dem Business-Credo "allzeit flexibel" schlagen herkömmliche IT-Systeme allzu oft ein Schnippchen. Sie sind kompliziert, starr und damit innovationsfeindlich; sie reagieren nicht auf Neuerungen, etwa Gesetzesänderungen oder ungewöhnliche Kundenanforderungen.

"Es ist, als würde man schon vor Beginn einer Reise alles akribisch festlegen - zum Beispiel sämtliche Übernachtungen und Transfers im Voraus buchen", merkt Barbara Weber von Institut für Informatik der Universität Innsbruck kritisch an und plädiert für mehr Beweglichkeit in IT-Systemen. Das Spezialgebiet der 1977 in Tirol geborenen Forscherin ist die Entwicklung von agiler Software - die Grundlage für flexible Geschäftsprozesse und sich permanent verbessernde Arbeitsabläufe.

Webers Systeme erlauben es, Entscheidungen möglichst spät zu treffen oder sogar leichtfüßig einzelne Prozessschritte auszulassen, wenn die Umweltbedingungen es erfordern. "So kann man, wie bei einer Reise, auf unvorhersehbare Ereignisse wie Schlechtwetter eingehen und den Ablauf spontan ändern", vergleicht die Informatikerin. Die Weiterentwicklung dieser sogenannten "prozessorientierten Informationssysteme" sei gerade in der Wirtschaftskrise hochaktuell.

Über ebendiese Systeme verfasste Barbara Weber auch ihre Habilitationsschrift. Sie ist damit seit Anfang Juli die erste Frau, die an der Universität Innsbruck im Fach Informatik die Lehrbefugnis erlangen konnte. Die promovierte Betriebswirtin - schon Diplomarbeit und Dissertation drehten sich um Softwareentwicklung - tüftelt seit 2004 am Innsbrucker Institut für Informatik (Bereich "Quality Engineering") an flexiblen, aber dennoch robusten Systemprototypen.

Neben ihrer Forschungstätigkeit betreute sie bereits dutzende Studenten bei ihren Bachelor- und Masterarbeiten. Außerdem war die 32-Jährige Mitorganisatorin zahlreicher Konferenzen. Vorschusslorbeeren gab es deswegen keine. "Als Frau muss man erst beweisen, was man draufhat", berichtet Weber über die Männerdomäne Informatik - ein Fachgebiet, in dem hierzulande nur jeder zehnte Studienanfänger weiblich ist.

In einem Punkt unterscheidet sich Barbara Webers Karriereweg jedenfalls nicht von jenem erfolgreicher Männer. Auch sie erfuhr Unterstützung durch eine Reihe von Personen: Ihre Eltern kauften den heißersehnten PC, als sie 14 war. Ihr Lebensgefährte - ebenfalls IT-Experte - ermutigte sie, Kooperationen mit Spitzenforschern aus Deutschland, den Niederlanden und Australien zu forcieren. Und Webers Chefin Ruth Breu bewies, dass Frauen in der Informatik reüssieren können.

Mittlerweile ist Weber selbst zum Role-Model geworden: "Durch meine Habil fühlen sich viele Kolleginnen motiviert." Vorbildwirkung hat sie auch, wenn sie ihre Arbeit bei Veranstaltungen wie der "Langen Nacht der Forschung" oder "Girls' Day" präsentiert und damit dem oft abschreckenden Image ihres Fachgebiets entgegenwirkt: "Informatiker sind keine Nerds ohne soziale Kontakte."

Obwohl sie sich ständig um die Finanzierung ihrer Arbeitsgruppe kümmern muss, schließt Barbara Weber einen Wechsel in die Privatwirtschaft aus. Langfristig strebt sie eine Professur an. Bis es so weit ist, wird sie aber noch die eine oder andere "agil geplante" Reise unternimmt - zum Beispiel nach Neuseeland oder Patagonien. (Julia Harlfinger/DER STANDARD, Printausgabe, 29.07.2009)

  • Weber ist die erste Informatikerin, die sich an der Uni Innsbruck habilitierte.
    foto: j. chimiak-opoka

    Weber ist die erste Informatikerin, die sich an der Uni Innsbruck habilitierte.

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