Ein System, das sprachlos macht

28. Juli 2009, 19:47
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Asyl- und Strafverfahren stellen für Menschen aus afrikanischen Ländern eine große sprachliche Hürde dar

Wiener Forscherinnen untersuchen, wie es zu diesem Missstand kommt und wie er vermieden werden könnte.

"Do you speak English?" Das ist die häufigste Frage, mit der in einem Erstgespräch der Sprachhintergrund von Menschen aus afrikanischen Ländern abgeklärt wird, wenn sie in Österreich vor Gericht landen – im Zuge von Asyl- und Strafverfahren. Wird dies vom Befragten bejaht, können daraus gravierende Nachteile erwachsen.

"Es gibt mehrere Gründe dafür, dass in den meisten Fällen Dolmetscher für Englisch eingesetzt werden. Einer davon ist, dass die Entscheidungsträger meist wenig über den komplexen Sprachhintergrund von Verfahrensbeteiligten aus Afrika wissen", erklärt Gabriele Slezak vom Institut für Afrikawissenschaften der Universität Wien. Im Rahmen des von der Österreichischen Nationalbank finanzierten Projekts Sprachwahl in Straf- und Asylverfahren in Österreich untersucht sie Ursachen und Folgen dieser Praxis.

"Wir haben beobachtet, dass Verhandlungen auch bei offensichtlichen Kommunikationsproblemen kaum abgebrochen werden", sagt Slezak. "Richter und Verhandlungsleiter stehen bei knappen Personalressourcen unter einem enormen zeitlichen Druck."

Auch die Dolmetscher, die naturgemäß auf eine Wiederbestellung hoffen, wollen Verzögerungen und Komplikationen aufgrund sprachlicher Probleme vermeiden: "Nicht selten greifen sie ausgleichend ein, um den Kommunikationsprozess aufrechtzuerhalten", weiß Projektmitarbeiterin Martina Rienzner. Zudem haben die Forscherinnen beobachtet, dass Verhandlungsleiter und Dolmetscher aus Effizienzgründen bei als "nicht verfahrensrelevant" eingeschätzten Inhalten einen teilweisen Ausschluss der sprachlich nicht sattelfesten Asylwerber bzw. Angeklagten aus der Kommunikation häufig in Kauf nehmen.

Als "wesentlich" bewertete Inhalte versuche man dann durch Vereinfachungen und Paraphrasierungen zu vermitteln. "In solchen Fällen scheinen alle Beteiligten überfordert zu sein. Im schlimmsten Fall kann das dazu führen, dass das Verfahren abgekürzt wird."

Warum haben diese offensichtlichen Kommunikationsprobleme nicht längst zu einem konsequenten Einsatz von Dolmetschern für die jeweils erforderliche afrikanische Sprache geführt? "Den richtigen Dolmetscher zu finden ist für die Verantwortlichen nicht einfach", erklärt Gabriele Slezak. "Ein Grund dafür ist etwa, dass die komplizierte Sprachsituation in vielen afrikanischen Ländern weitgehend unbekannt ist."

Dialekte und Dolmetscher

So wird beispielsweise in Gambia, Senegal und Guinea-Bissau auch Mandinka gesprochen. Diese Sprache gehört zur Dialektgruppe des Manding, in der die einzelnen Dialekte so große Unterschiede aufweisen, dass sie untereinander nicht verstanden werden können. Im Englischen, also der häufigsten Verfahrenssprache, wird zudem Mandinka als Mandingo bezeichnet, was in Liberia und Sierra Leone jedoch allgemein für jede Sprache des Manding verwendet wird. "Es kann also passieren, dass ein 'Mandingo'-Dolmetscher bestellt wird, der in einer für den Asylwerber bzw. Angeklagten völlig unverständlichen Sprache dolmetscht."

Hinzu kommt, dass es für afrikanische Sprachen derzeit keine akademisch ausgebildeten und gerichtlich beeideten Dolmetscher gibt. Für afrikanische Sprachen muss in jedem Fall auf sogenannte Laiendolmetscher ausgewichen werden. "Deren Kompetenzen und die Qualität des Einsatzes kann aber häufig weder im Vorfeld eingeschätzt noch während der Verhandlung überprüft werden", geben die beiden Forscherinnen zu bedenken.

"Bei Behörden und Gerichten sind das Dolmetschen für Personen aus afrikanischen Herkunftsländern und die damit verbundenen Schwierigkeiten alltägliche Praxis. Durch die Zusammenarbeit von Wissenschaft und Praxis kann zu einer Verbesserung der derzeitigen Situation beigetragen werden", ist Gabriele Slezak überzeugt. Neben der Aufbereitung von Informationen zum Sprachenhintergrund von Verfahrensbeteiligten aus afrikanischen Ländern ist deshalb vor allem auch die Entwicklung von Ausbildungsmaßnahmen für Laiendolmetscher ein Anliegen der beiden Wissenschafterinnen. (Doris Griesser/DER STANDARD, Printausgabe, 29.07.2009)

  • In den Mühlen des Gesetzes geht so manches verloren: Wenn Menschen aus afrikanischen Ländern vor Gericht landen, sind sie oft mit gravierenden Übersetzungsproblemen konfrontiert. Am Wiener Institut für Afrikanistik werden die Sprachbarrieren erforscht.
    foto: standard/corn

    In den Mühlen des Gesetzes geht so manches verloren: Wenn Menschen aus afrikanischen Ländern vor Gericht landen, sind sie oft mit gravierenden Übersetzungsproblemen konfrontiert. Am Wiener Institut für Afrikanistik werden die Sprachbarrieren erforscht.

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